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#NichtEgal? #NichtEuerErnst! : Youtuber für Respekt im Netz

  • -Aktualisiert am

Auch die Lochis wurden für die Kampagne gegen Hate-Speech im Netz mit ins Boot geholt. Bild: dpa

Youtube reagiert mit der Kampagne „Nicht egal“ auf die jüngste Kritik an seinem unentschlossenen Vorgehen gegen Hass im Netz – und tappt direkt ins virtuelle Fettnäpfchen.

          3 Min.

          „Darf Hass uns eigentlich egal sein?“, fragt die Youtuberin Dagi Bee in einem Kampagnen-Video ihre Zuschauer – pardon, Abonnenten. Vielleicht sollte sie sich das einmal selbst fragen, und statt in eine Kamera lieber in ihren Spiegel schauen. Denn ganz unbefleckt ist sie, was das Thema angeht, selbst nicht.

          Am Montag veröffentlichte Youtube in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung unter Schirmherrschaft des Bundesfamilienministeriums die Kampagne #NichtEgal. Sie wirbt für weniger Hass und mehr Respekt im Netz. Der Hintergedanke war kein schlechter: 22 Youtuber, darunter prominente Namen wie Dagi Bee, Die Lochis und MrWissen2Go, wurden für die Kampagne gegen Hate-Speech ins Boot geholt. Dass eine Bundestagsrede gegen Hass im Netz Jugendliche nicht direkt erreichen kann, haben die Initiatoren wohl eingesehen. Denn genau dort, wo Hass täglich, stündlich, jeden Moment passiert, nämlich in den sozialen Netzwerken, müssen die jungen Menschen adressiert werden.

          Dagi Bee und ihre „Freundlichkeit“

          Zusammen kommen die involvierten Youtuber auf etwa zehn Millionen Abonnenten und können durch ihren Aufruf eine große Reichweite generieren. Die Internetnutzer werden mit einbezogen, indem sie unter #NichtEgal posten, welche Taten sie nicht unbeachtet lassen wollen. Mit der Kampagne will das Unternehmen zeigen, dass es nicht genug sei, Inhalte zu löschen, sondern dass sich auch das Diskussionsverhalten in Netz ändern müsse. Damit reagiert Youtube auf die jüngste Kritik, nicht entschieden genug gegen Hasskommentare vorzugehen.

          An der Umsetzung haperte es dann aber. „Mit Freundlichkeit kommt man immer weiter als mit Hass“, mahnt ausgerechnet „Dagi Bee“, die sich verbal sonst nicht zurücknimmt, wenn sie kritisiert wird. So schrieb sie einem User, der ihre finanziellen Einnahmen unter einem ihrer Videos hinterfragte: „Schäm dich du nerviges Blag und reiß erstmal selber was in deinem Leben bevor du so eine große Fresse hast.“

          Auch Feindschaften untereinander zelebrieren Youtuber in großem Stil. In Videos, auf Facebook und Twitter, überall dort, wo sie Anhänger finden, von ihnen geliket und geklickt werden, denn Klicks bedeuten: Geld. Dass auch Youtuber keine Engels-Vorbilder und dem Geld nicht abgeneigt sind, ist ja kein Geheimnis, und mit ein bisschen Recherche hätte man das auch vor der Kampagne herausfinden können. Klar also, dass #NichtEgal auch Gegenwind bekommt.

          Nicht egal? – „Nicht euer Ernst!“

          Internet-Satiriker Schlecky Silberstein führt mit einem Video vor Augen, wie misslungen die Auswahl der Youtuber ist. Sein Video verbreitet sich gerade recht schnell im Netz. Silberstein fragt darin: „Sind Menschen, die hauptberuflich Minderjährige abzocken die richtigen Vorbilder für eine Wertekampagne?“

          Auch auf Twitter kommt die Kampagne nicht nur gut an:

          https://twitter.com/kat_von_ger/status/778881764953645056

          https://twitter.com/popkalender/status/778901424847683584

          Einige Nutzer warfen den Organisatoren der Initiative vor, den Begriff von Hass im Netz nicht gut erklärt zu haben und fühlen sich in ihrer freien Meinungsäußerung eingeschränkt. Am Donnerstag wurde daraufhin vom Twitter-Account der Kampagne eine Definition von „Hate-Speech“ gepostet. #NichtEgal sind: „Verbreitung von Hass, systematische Beschimpfung, böswillige Verächtlichmachung und Verleumdung, Aufruf zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen und Verharmlosung von Intoleranz“.

          Das Familienministerium stellte auf Twitter klar, dass es lediglich ideelle Schirmherrin der Kampagne sei. Das Projekt sei von Youtube initiiert und finanziert worden und nicht von Steuergeldern. Auch zu der Kritik, dass die ausgewählten Youtuber eine ambivalente Haltung zu ihrem Moral-Postulat haben, äußerte sich das Ministerium gegenüber „Puls“, dem jungen Programm des BR: "Mit der Schirmherrschaft unterstützt das Bundesfamilienministerium eine Netzkultur, in der Hass keinen Platz hat. Das muss natürlich auch für alle Youtuber gelten, die an der Kampagne beteiligt sind und denen Millionen Kinder und Jugendliche im Netz folgen.“

          Weiter hieß es, das Internet vergesse Hassbotschaften nicht, auch wenn man sie später bereue. Es wäre schön gewesen, hätte man diese Erkenntnis nicht nur im Nachhinein publiziert und eine achtsamere Auswahl der  Kampagnen-Gesichter getroffen. Man hätte sicher junge Menschen finden können, die Respekt im Netz besser verkörpern als Klick-abhängige Berufs-Teenager.

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