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Stradivari-Versteigerung in New York : Das teuerste Instrument der Welt?

Die berühmte Stradivari-Bratsche „Macdonald“ wird in New York im Sealed-Bid-Verfahren versteigert. Die Auktion könnte alle bisherigen Rekorde brechen. Dabei lassen sich die klanglichen Vorzüge der Stradivaris experimentell nicht bestätigen.

          Eine „eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure“ attestierte der ungarische Komponist György Ligeti dem Klang der Viola, so ganz allgemein. Und wenn man wissen will, wie eine Stradivari-Bratsche im Besonderen klingt, ist es am einfachsten, sich die Abschieds-CD des Tokyo String Quartet vorzunehmen, die im vergangenen Jahr auf den Markt kam (F.A.Z. vom 20. August 2013). In beiden Quartetten des Albums, dem „Amerikanischen“ von Antonín Dvořák und dem Quartett „Aus meinem Leben“ von Bedřich Smetana, darf die Bratsche das Hauptthema im ersten Satz vorstellen. Und Kazuhide Isomura spielte in dieser Aufnahme eine Viola da braccio, Baujahr 1731, aus der Werkstatt von Antonio Stradivari in Cremona. Ja, wird man sich sagen, Ligeti hatte recht: Mürbe und verwittert wie die Planken eines alten Holzhauses ist der Klang, heiß und herb wie frisch gebrühter Assam-Tee.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Kazuhide Isomura ist nicht der einzige Stradivari-Bratscher. Auch dem jungen Franzosen Antoine Tamestit wurde vor zwei Jahren ein Instrument aus der Cremoneser Manufaktur überlassen, das sogar schon von 1672 stammen soll. Die Stradivari, auf der Peter Schidlof, der Bratscher des einst überragenden Amadeus-Quartetts, gespielt hat, soll nun, siebenundzwanzig Jahre nach dem Tod des Musikers, bei Sotheby’s und Ingles & Hayday in New York versteigert werden. Für das Sealed-Bid-Verfahren, bei dem die Gebote geheim eingereicht werden, ohne dass die Bieter von der Höhe der Konkurrenz-Beträge etwas erfahren, liegt die Einstiegssumme bei 45 Millionen Dollar. Damit liefe die Stradivari-Bratsche „Macdonald“ der Stradivari-Geige „Lady Blunt“ den Rang ab, die im Jahr 2011 für 15,9 Millionen Dollar an einen unbekannten Käufer ging. Stradivaris Bratsche wäre dann das bislang teuerste Musikinstrument der Welt.

          Spitzengeiger bevorzugen den Klang moderner Instrumente

          Die „Macdonald“ ist benannt nach dem dritten Baron Macdonald, Godfrey Bosville, der das Instrument in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts erworben hatte. Laut Auskunft des Auktionshauses stammt das Instrument aus dem Jahr 1719, andere Datierungen geben bereits 1701 an, in jedem Fall aus der Zeit zwischen 1700 und 1720 - der Phase, die als Stradivaris beste gilt. Die Decke der Bratsche wurde aus Alpenfichte gefertigt, der Boden aus einem ungeteilten Stück Ahorn in herrlich geflammter Maserung. Als besonders bemerkenswert wird die schadlos erhaltene Lackierung angesehen, denn im Lack vermutet man bis heute das Geheimnis für den besonderen Klang der Stradivari-Instrumente. Die Hölzer wurden dagegen auch von anderen Meistern der damaligen Zeit verwendet.

          Mit 45 Millionen Dollar liegt der Preis für die Bratsche nun dreimal so hoch wie der für die teuerste Violine. Für eine gute Stradivari-Geige bezahlt man ansonsten weitaus „geringere“ Beträge, zwischen drei und sieben Millionen Dollar. Wie ist dieser Extrempreis zu erklären? Ganz einfach - aus der Knappheit des Angebots. Antonio Stradivari hat in seinem Leben etwas mehr als tausend Instrumente gebaut; reichlich sechshundert davon sind noch erhalten. Darunter aber lediglich achtzehn bislang bekannte Bratschen. Auch die anderen zwei Cremoneser Werkstätten, deren Stücke besonders begehrt sind, haben sich bei den Bratschen zurückgehalten: Von Giuseppe Guarneri del Gesù sind gar keine Violen bekannt, von Nicola Amati lediglich zwei.

          Der besondere Klang hingegen ist offenbar eher ein Vorurteil oder bloßer Dünkel, wie zwei Experimente an der Universität Paris, Ende 2011, und an der amerikanischen National Academy of Sciences, im März 2014, bewiesen: Spitzengeiger gaben unter Laborbedingungen beim Spiel ihnen unbekannter Instrumente mehrheitlich den modernen Violinen den Vorzug vor den echten Stradivaris. Tabea Zimmermann, die derzeit bedeutendste Bratscherin hierzulande, spielt eine Viola, die Étienne Vatelot 1983 gebaut hat. Für sie schrieb Ligeti seine Bratschensonate.

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