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Daniel Spoerri wird 90 : Verweile doch, du Mahlzeit!

Was vom Dinner übrig blieb – Daniel Spoerri, der Erfinder von Eat Art, hat es in Kunst verwandelt. Bild: Eugenia Maximova / Anzenberger

Tafelbilder im Wortsinn: Für Daniel Spoerri, dem Erfinder der Eat Art, war zelebrierte Entgrenzung das Ziel. Was vom Mahl in guter Gesellschaft übrig blieb, machte ihn berühmt. Mitten in der Stilllegung dieser Gesellschaft wird er 90 Jahre alt.

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          Er wird sie nie mehr loswerden und will das bestimmt auch nicht: seine „Fallenbilder“. Sie gelangten zur vollen Blüte, als der Künstler von 1968 bis 1972, zusammen mit dem Gastwirt Carlo Schröter, sein Restaurant „Spoerri“ in Düsseldorf am Burgplatz führte. Entsprechend einem erweiterten Begriff von Realität, den Daniel Spoerri in seinem gesamten Schaffen befördert, ranken sich um das Lokal Mythen ungewöhnlichster Speisen, die dort auf den Tisch gekommen sein sollen. Die Wirklichkeit sah vermutlich so aus, dass das Essgeschehen nicht nur gelegentlich in Richtung Gelage ging. Der Hauch von nachbarschaftlich machbarer Anarchie durchwehte den weiland Zeitgeist ohnehin. Für Spoerri, der als Erfinder der Eat Art gilt, war diese zelebrierte Entgrenzung gewiss das Ziel. Denn was vom Mahl übrigblieb, richtete er zu jenen Assemblagen an, die ihn berühmt machten.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Fallenbilder funktionieren, bei allem sichtbaren Chaos, nach einem klaren Prinzip. Spoerri fixierte die abgegessenen Relikte von solchen Dinnerpartys mit Klebstoff auf der Tischplatte. Dann klappte er die ganze Chose – die Teller mit den Essensresten, die halbausgetrunkenen Gläser, das herumliegende Besteck, die Kippen im Aschenbecher – in die Vertikale. Man könnte das Ergebnis Tafelbilder im Wortsinn nennen, dreidimensionale Stillleben zum Hängen an der Wand.

          Dass sie, wenngleich nicht astrein, auf Marcel Duchamps Begriff des Readymade aufruhen, liegt auf der Hand, und der Umgang mit vorgefundenen Materialien hatte Saison. In schier unendlichen Variationen machten diese Arrangements Karriere, bis in die großen Museen hinein. Eine Erklärung für ihre Bezeichnung als „Fallen“ ist, dass so ein Ausschnitt vergänglicher Gegenwart als ein Verweile doch! eingefangen, verzeitlicht werden sollte.

          Das kann als Pioniergeist gelten, als originelle künstlerische Aktion, auch im Sinne eines ins Soziale erweiterten Kunstbegriffs. Die Faszination für das Essen rührt aber wohl auch von Spoerris entbehrungsreicher Kindheit her. Geboren wurde er 1930 im rumänischen Galati als Daniel Isaac Feinstein. Sein jüdischer, zum Protestantismus konvertierter Vater war Missionar und wurde 1941 von rumänischen Faschisten umgebracht. Die Mutter floh mit sechs Kindern in ihre schweizerische Heimat. Dort adoptierte ihn sein Onkel mütterlicherseits, von nun an hieß er Daniel Spoerri.

          Le lieu de repos de la famille Delbeck, 1960.

          Nach einer Ausbildung und kurzen Karriere als Balletttänzer in der Schweiz ging er nach Paris und wurde 1960 Mitbegründer des „Nouveau Réalisme“, gemeinsam mit Jean Tinguely, Arman, François Dufrêne, Raymond Hains, Yves Klein, Jacques de la Villeglé und Martial Raysse. Im Manifest der losen Gruppe unter Führung des Kunstkritikers Pierre Restany stand: „Nouveau Réalisme = nouvelles approches perceptives du réel.“

          Während Yves Klein zu seinem „IKB“, dem charakteristischen Blau seiner Bilder und Skulpturen und zu seinen Performances fand und Arman seine Bestimmung in Kästen mit zertrümmerten Objekten sah, gingen die „Nouveau Réalistes“ Hains, Villeglé und Raysse vor allem mit in Schichten abgerissenen Plakaten in die Kunstgeschichte ein. Und Spoerri soll noch im selben Jahr in Paris eben sein erstes Fallenbild geschaffen haben, im eher häuslichen Format. Dabei ist er geblieben, in zunehmenden Verfeinerungen bis heute – eine Art zivilisatorischer Prozess, mit immer weniger Geferkel, sogar in eigens für den Zweck inszenierten festlichen Mahlzeiten.

          Längst hält Spoerri solche Momente der Mahlzeit auch in Bronzen gegossen fest, die flüchtige Realität in metallischer Gestalt. Auf die wilden Aufbrüche der frühen Jahre sieht man, im historischen Abstand, mit einer gewissen Melancholie. Doch es ist nicht zu unterschätzen, was die in guter Gesellschaft geteilte Zeit – in ihrer Stillstellung – als Wunschpotential gemeinschaftlichen Erlebens für uns in der Gegenwart bedeuten kann, gespeichert in diesen Kunstwerken. Heute feierte Daniel Spoerri seinen neunzigsten Geburtstag, wir wünschen ihm eine gelungene schöne Mahlzeit.

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