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Ausstellung zu Günther Domenig : Aus einem Totenhaus

Ein Speer für Speer: Das Dokumentationszentrum auf dem Nürnberger Parteitagsgelände trieb Günther Domenig diagonal durch die Kongresshalle. Bild: Gerald Zugmann

Häuser, die von den Traumata ihrer Epoche und den Dämonen ihres Architekten künden: Kärnten feiert den großen Günther Domenig in der Ausstellung „Dimensional“.

          4 Min.

          Biographische Lesarten eines Werks sind immer heikel, mit Blick auf Architekten gilt das noch mehr als etwa für Schriftsteller oder Komponisten. Gehen Bauten doch zumeist aus einem stark fremdbestimmten Schaffensprozess hervor. Im Fall von Günther Domenig liegen die Dinge etwas anders. Der gebürtige Klagenfurter hat sich stets als Künstlerarchitekt verstanden und sich seinen Bauaufgaben mit einem hohem Eigensinn genähert, der den Bauherren einiges an Toleranz abverlangte. In Steindorf am Ossiacher See in seiner Kärntner Heimat steht ein Domenig in geradezu skulpturaler Reinform: Das Steinhaus hat er auf einem familieneigenen Grundstück mit eigenen Finanzmitteln allein nach eigenen Vorstellungen errichtet. Entstanden ist in 26 Jahren Planungs- und Bauzeit ein innerlich und äußerlich zerklüftetes Gebäude aus Beton, Stahl, Blech und Glas, das weitgehend Selbstzweck ist.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Es gab Zeiten, da wurde dieses Stück absoluter Architektur aus Luftaufnahmen des Seeufers wegretuschiert, weil es als störend für die Fremdenverkehrswerbung galt. Das hat sich gewandelt, längst ist das touristische Potential dieses international rezipierten Bauwerks erkannt. Zehn Jahre nach Domenigs Tod widmet das Land Kärnten dem Architekten nun unter dem Titel „Dimensional“ eine ganze Reihe von Ausstellungen und Veranstaltungen, die sich bis in den Herbst hinein erstreckt.

          Kern der Würdigung ist eine umfassende Werkschau im Museum Moderner Kunst Kärnten in Klagenfurt. Dort wird anhand von Modellen, Zeichnungen und Fotografien deutlich, dass man allein am Beispiel des Werks von Günther Domenig eine Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben könnte. Wohl kein Architekt auch außerhalb von Österreich hat so wie er alle relevanten Stilrichtungen in den Jahren nach 1960 erprobt, und zwar im Entwurf wie in der Praxis: Brutalismus, Strukturalismus, organische Architektur, Dekonstruktivismus. Nur eines findet man im Werk von Domenig nicht: jene Spielart der Postmoderne, die ostentativ mit historischen Stilzitaten gearbeitet hat. Säulchen, Friese, Kapitelle gibt es bei ihm nicht.

          Speer durch Speers Architektur

          Domenig war immer Avantgarde, weshalb der Vorwurf des Modischen ihn trotz seiner stilistischen Wandlungsfähigkeit nicht trifft. Dass der Blick des 1934 geborenen Kärntners stets nach vorn ging, hatte mit seinen Eltern zu tun: beide waren glühende Nationalsozialisten, die ihre beiden Söhne entsprechend zu erziehen suchten. Der Vater, ein Richter, wurde 1944 im Auslandseinsatz von italienischen Partisanen erschossen. Domenig hat später gesagt, er meide den rechten Winkel und die Symmetrie, beides stand in seiner Sicht für die falschen Ordnungsvorstellungen der Nazis.

          In seinem Spätwerk hat er mit dem Dokumentationszentrum auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg dann sogar die direkte Auseinandersetzung mit dem verhassten Bauerbe gesucht. Der nördliche Kopfbau der unvollendeten Kongresshalle wird durch einen begehbaren Keil aus Stahl und Glas durchbohrt – als Speer durch Speers Architektur hat Domenig seinen Entwurf einmal bezeichnet. Das Subtile war seine Sache nie, jedenfalls nicht in seiner Architektur.

          Domenig war eine widersprüchliche Persönlichkeit, das wird in Einschätzungen von Weggefährten deutlich, die in der Klagenfurter Ausstellung zu Wort kommen. Äußerlich wirkte der gut aussehende Liebhaber von Sportwagen auf manche wie ein Playboy, zugleich war er ein ernsthafter, komplizierter Mensch, verletzlich und verletzend. Er war ein Charismatiker mit allenfalls gebrochenem Sendungsbewusstsein; als Architekt teamfähig, aber nur vorübergehend, was zu häufig wechselnden Projektpartnerschaften führte. Seine Äußerungen zum eigenen Werk schwanken zwischen poetischen Wortnebeln und derber Bildhaftigkeit („Arsch“ nannte er einen Teil des Steinhauses). Kein Wunder, dass er die Tätigkeit als Hochschullehrer an der TU Graz vorzeitig quittierte, weil er sich im akademischen Betrieb beengt fühlte.

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