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Corona-Kunst in Deutschland : Was von der Seuche bleiben wird

Nägel für die Corona-Toten, wie kleine Sträuße ins Holz getrieben: Im Heilig-Kreuz-Münster Schwäbisch Gmünd. Bild: dpa

Wie im Krieg: Schwäbisch Gmünd zeigt ein Kunstwerk von Marios Pergialis und Anthony Di Paola mit Abertausenden von Nägeln für ebenso viele Corona-Tote.

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          Es soll dies erklärtermaßen der letzte Beitrag zu Corona und dessen Auswirkungen auf Kunst und Kultur im alten Jahr sein. Nach verschiedensten Hervorbringungen wie einem gewitzt geschnitzten Christian Drosten als Seiffener Räuchermännchen für die rauchdesinfizierte Weihnachtstafel, einem berührungslos zu bedienenden Weihwasserspender des erfinderischen Pfarrers Johannes Trollmann in Titting im Landkreis Eichstätt für 12 000 coronagefeite Bekreuzigungen seiner Gläubigen sowie dem in den vergangenen Monaten entstandenen vier Meter hohen Denkmal der unbekannten „Laborantin“ aus Lindenholz mit feinsten riemenschneiderschen Korkenzieherlocken des Bildhauers Marc Fromm in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in Halle sei der Blick nach Schwäbisch Gmünd gerichtet.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          In der dortigen Hauptkirche entstand in den letzten Wochen ein Werk der beiden Künstler Marios Pergialis und Anthony di Paola, mit dem das Pestjahr 2020 vorläufig auf eine bündige, wenngleich niederschmetternde Bildformel gebracht wird. Für jeden Corona-Toten in Deutschland ragt am Altar des Münsters von Schwäbisch Gmünd ein Nagel auf. Zum Volkstrauertag vor einem Monat waren es 12 485, bald wohl sind es 20 000 Nägel.

          Hochsymbolisch am ehemaligen Kreuzaltar der Kirche: Zum Volkstrauertag am 15. November 2020 standen 12485 Nägel im Heilig-Kreuz-Münster von Schwäbisch Gmünd für an Corona Verstorbene.
          Hochsymbolisch am ehemaligen Kreuzaltar der Kirche: Zum Volkstrauertag am 15. November 2020 standen 12485 Nägel im Heilig-Kreuz-Münster von Schwäbisch Gmünd für an Corona Verstorbene. : Bild: dpa

          Eingeschlagen zur Memoria der Toten

          Liebhaber mittelalterlicher Architektur kennen das Münster als von Beginn experimentierfreudig – es ist die erste große Hallenkirche der Spätgotik und Ausgangspunkt der legendären Baumeisterdynastie der Parler, die im vierzehnten Jahrhundert unter anderem auch den Prager Dom zum heutigen architektonischen Wunder vollendet haben. Nun ist Schwäbisch Gmünd eine Grabeskirche.

          Jeder eingeschlagene Nagel Symbol für eine Spende im Ersten Weltkrieg: Detail der 2011 restaurierten Nagelsäule auf dem Liebfrauenplatz in Mainz.
          Jeder eingeschlagene Nagel Symbol für eine Spende im Ersten Weltkrieg: Detail der 2011 restaurierten Nagelsäule auf dem Liebfrauenplatz in Mainz. : Bild: Cornelia Sick

          Die drei Chorstufen zum Hauptaltar sind über und über bedeckt mit Tausenden von je sechzehn Zentimeter langen Nägeln, die ein Feld aus schwarzgrauen Miniatur-Eisenstelen bilden. Anhand eines formalen Ornaments aus Masse wird paradoxerweise die erschreckende Menge von Einzelschicksalen sichtbar. In einem Interview im „Spiegel“ erklärte der Künstler Marios Pergialis dann auch, angesichts all der R-Werte und abstrakten Todeszahlen habe er nichts mehr vor seinem inneren Auge gesehen: „Rund 20 000 Tote, die an oder mit dem Virus gestorben sind? Das sind 20 000 einzelne Menschen. Ich wollte für alle sichtbar und greifbar machen, was diese unfassbare Zahl bedeutet.“

          Neben dem die Augen stolpern lassenden Stoppelfeld aus Eisen liegen in zwei Kesseln weitere Nägel für jene Menschen bereit, die während der Laufzeit der Installation von insgesamt einem Monat noch am Coronavirus sterben werden. Das bildliche Gleichnis Nagel und Mensch geht insofern auf, als die dunklen Metallstifte einen giacomettihaft schlanken Körper mit einem Kopf aufweisen, mithin anthropomorphe Form besitzen. Vor den Stufen wiederum steht ebenfalls in der Sprache der Nägel der Satz „Fürchtet euch nicht!“ – ein Pfeifen beziehungsweise Hämmern im Nagel-Wald, das angesichts des schon eingetretenen Todes der hier repräsentierten zwanzigtausend Toten allerdings hilflos, wenn nicht zu spät kommend wirkt. Auch erinnert das Einschlagen von Nägeln in Krisenzeiten historisch an Nagelfetische, vor allem aber an die „Kriegsnagelungen“, dem Besiegeln von Spenden durch Benageln „Eiserner Kreuze“, hölzerner „Wehrmänner“ wie in Wien ab 1915 oder von „Nagelsäulen“ wie in Mainz ab Juli 1916.

          Dem naheliegenden Vorwurf der Plagiierung der Formensprache des notorischen Nagel-Künstlers Günther Uecker entgeht die Arbeit dadurch, dass sie innerhalb des Heilig-Kreuz-Münsters an genau der Stelle, an der im Mittelalter der Kreuzaltar stand, klar christlich aufgeladen ist, was bei Uecker keine Rolle spielt: Es sind die bis um das Jahr 1230 vier, danach nur noch drei Nägel der Kreuzanheftung Christi, die symbolisch für das aufgenommene Leid und stellvertretend für den Erlösungstod des Gottessohns stehen können. Und in der christlichen Vorstellung für alle, die ihm nachfolgen und im festen Glauben an Christus sterben. Wer zum Altar des Münsters will, kommt symbolträchtig an der Erinnerung der bisher Verstorbenen nicht vorbei. Es ist diese Intensität und Reichweite des Nagelkunstwerks von Di Paola und Pergialis, der neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch theologisch versierter Dekanatsjugendreferent im Ostalbkreis um Schwäbisch Gmünd herum ist, das die scheinbare Trivialität von Nagel-Akt und Material adelt.

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