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Gartenkolumne : Nordmanntannen aller Länder, vereinigt euch!

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Nicht ohne meine Tanne! Historische Aufnahme von 1910, da war der Baum schon in den Wohnstuben etabliert. Bild: Picture-Alliance

Er gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit: Wie der Weihnachtsbaum von Deutschland aus seinen Siegeszug rund um die Welt antrat.

          3 Min.

          Kurz vor Weihnachten 1942 sandte Hermann Göring besondere Geschenke in den Kessel von Stalingrad: Die Luftwaffe brachte künstliche Weihnachtsbäume, die mit Lametta, Engelsfiguren, Sternen und Kugeln geschmückt waren. Doch das Präsent des Reichsmarschalls verfehlte in der eisigen Kälte seine Wirkung. Die Moral der hungernden Soldaten war nicht mehr zu heben. Trost suchten sie, wenn überhaupt, bei der Madonna von Stalingrad.

          Die Geschichte des deutschen Weihnachtsbaumes ist eng mit den kriegerischen Konflikten des Kaiserreiches und des sogenannten „Dritten Reiches“ verbunden. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 feierte der Preußenkönig und künftige deutsche Kaiser Wilhelm in Versailles unter einem geschmückten Baum das Christfest und schenkte seinen Soldaten kleine Fichten. Im Ersten Weltkrieg wurde in den trostlosen Schützengräben der Geburt des Heilandes gedacht, und im Zweiten Weltkrieg bohrten Landser Löcher in Besenstiele, um das traurige Holzgerippe mit Tannenzweigen und Papiersternen zu verzieren. Wenn es gar nicht anders ging, machte man auch aus Steppengras einen Christbaum. Das wichtigste Signet weihnachtlicher Besinnung war gerade in Zeiten politischer Indoktrination und militärischer Eskalation unverzichtbar, weil es die Front einte und zugleich mit der Heimat verband.

          Aufgeputzt mit Äpfeln

          Die Anfänge des Weihnachtsbaumes liegen im Dunkeln. Die einen verweisen auf die sakrale Verwendung immergrüner Pflanzen als Symbol der Unsterblichkeit in den antiken Hochkulturen, die anderen auf germanische Kulte, in denen das Wintergrün der Misteln und Stechpalmen, Eiben und Tannen verehrt wurde. Der mit Äpfeln bestückte Paradiesbaum gilt manchen als Vorbild, der am Gedenktag von Adam und Eva, dem 24. Dezember, aufgestellt wurde. Sicher wissen wir nur, dass im Elsass Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zum Jahreswechsel Tannenzweige geschnitten und ins Haus geholt wurden.

          Frontweihnachten im 2. Weltkrieg.

          Dieser Brauch, den schon der Straßburger Stadtschreiber Sebastian Brant als Aberglauben geißelte, gab immer wieder Anlass für offizielle Interventionen, um das Holzen von „Maien“ zu unterbinden. Die ersten Bäume, die hundert Jahre später in die gute Stube gebracht wurden, waren mit Äpfeln, Back- und Zuckerwerk sowie Rauschgold geschmückt. Vom Elsass aus fanden diese Bäume in deutschen Landen Verbreitung. Brennende Kerzen am Weihnachtsbaum bezeugt als Erste Liselotte von der Pfalz für das Jahr 1660. Mit den „Leiden des jungen Werthers“ hat Goethe dann 1774 den „aufgeputzten“ Weihnachtsbaum zum Gegenstand literarischer Darstellung gemacht.

          Weltweiter Siegeszug

          Seinen Siegeszug trat der Weihnachtsbaum aber erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts an. Das Fest sei auf das schönste ausgefallen, schrieb Caroline von Humboldt am 29. Dezember 1815 an ihren abwesenden Ehemann Wilhelm. An zwei Enden eines langen Geschenktisches waren in ihrem Berliner Domizil zwei kleine Weihnachtsbäume hell illuminiert. Ein Jahr später verewigte E. T. A. Hoffmann in seinem Märchen „Nussknacker und Mausekönig“ einen großen Tannenbaum, der goldene und silberne Äpfel trug, in Fülle Zuckermandeln und bunte Bonbons darreichte und an dessen dunklen Zweigen „hundert kleine Lichter wie Sternlein funkelten“. 1824 gab der Leipziger Lehrer Ernst Anschütz dem berühmten Weihnachtslied „O Tannenbaum“ seine heutige Gestalt. Der Weihnachtsbaum wurde zum Herzstück des bürgerlichen Familienfestes, verdrängte den Adventsbaum und ergänzte selbst in erzkatholischen Gegenden die kunstvoll geschnitzten Krippen.

          Kerzen und Äpfel: Lithografie einer Frau mit geschmücktem Tannenzweig, 1886, der Tracht nach aus der Nähe von Schwalmstadt.

          Von Deutschland aus eroberte der Weihnachtsbaum die Welt. In Wien hatte die Berliner Jüdin Fanny von Arnstein bereits 1814 den Baum in den Mittelpunkt ihres Weihnachtsfestes gestellt, an dem Geschenke verteilt wurden. Karl Follen, der nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 aus politischen Gründen aus seiner deutschen Heimat flüchten musste und in Harvard Professor wurde, stellte 1832 in seiner neuen Heimat einen Christbaum auf. Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, der Gemahl der englischen Königin Victoria, beglückte 1840 das British Empire mit dem Christmas Tree. Bald wurden weltweit in christlichen Privathäusern und Kirchen, aber auch in öffentlichen Gebäuden und auf großen Plätzen Weihnachtsbäume aufgestellt. Seit 1891 wird der berühmte Weihnachtsbaum vor dem Weißen Haus in Washington bewundert; und seit 1912 erstrahlt zur Weihnachtszeit ein öffentlicher Baum in New York.

          Trotz Säkularisierung und Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes lieben die Deutschen ihren Weihnachtsbaum noch immer, am liebsten in Form einer Nordmanntanne, die zwar nicht weihnachtlich duftet, dafür aber ihre weichen Nadeln über die Festtage behält. Der Trend zu Zweit- und Drittbäumen in Gärten und vor Häusern ist ungebrochen und erfasst auch Agnostiker und Angehörige anderer Religionen. Der Weihnachtsbaum überbrückt zumindest zur Weihnachtszeit politische, religiöse und soziale Differenzen. Der Baum, der nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter, wenn es schneit, grünt, gefällt, so scheint es, noch immer allen.

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