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Berliner Barocktage : Ach, Tod, wie riechst du so gut!

  • -Aktualisiert am

Göttin Venus (Eva Zaicik) gesellt sich zu den Frustrierten: Szene aus André Campras „Idoménée“ an der Berliner Staatsoper in der Inszenierung von Àlex Ollé Bild: Bernd Uhlig

Die Berliner Barocktage machen in diesem Jahr selbst Verzweiflung und schieren Untergang zum seelenstärkenden ästhetischen Ereignis.

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          Es wird gerade, noch bis Ende der laufenden Woche, viel gelitten in den Räumen der Berliner Lindenoper – das allerdings in großer Schönheit. Während die Staatskapelle mit dem unermüdlichen Daniel Barenboim durch Europa tourt, bringen die „Barocktage“ Gast-Ensembles und damit die hier sonst kaum gepflegten Klänge aus der Zeit zwischen 1650 und 1750 ins Haus, diesmal konzentriert auf die Musik in Versailles und Paris. Und deren Opernvariante, die „Tragédie en musique“, begibt sich, auf den Spuren der Sprechtragödien Corneilles und Racines, mit heroischem Vergnügen vorzugsweise dorthin, wo es ganz besonders weh tut. So geht zum Beispiel André Campras „Idoménée“ von 1712 konsequent und unerbittlich in Sohnesmord und gruseligen Wahnsinn hinein – anders als etwa in Mozarts siebzig Jahre jüngerer Vertonung des gleichen Stoffes mit ihrem arg zurechtgebogenen Lieto fine.

          Doch nicht nur auf der großen Bühne gab es damals viel Bekümmernis. Auch die intimeren „Airs de cour“ seufzten sich, wenn schon nicht wirklich tödlich, so doch immer gesucht todesnah, durch alle Tonlagen elegischen Welt- und vor allem Liebesschmerzes. Der 1696 gestorbene Michel Lambert, selbst Lautenist und Sänger, war einer jener beamteten Tränenvergießer am Hofe Ludwigs XIV., wo man solch wehmütige Endlichkeits-Poesie als privaten Kontrapunkt zum prunkvollen Hofzeremoniell geschätzt haben mag. Vier seiner Chansons bildeten den Auftakt zu einem Programm, bei dem sich Christophe Rousset und drei Streicher seiner „Talens Lyriques“ mit dienender Diskretion in den Dienst der jungen Sopranistin Grace Durham stellten, die diese Überfülle süßen Leidens in die Aura einer raffinierten Schlichtheit hüllte, von der man einfühlend beeindruckt sein konnte, ohne sie doch ganz wörtlich nehmen zu müssen.

          Ein mild-himmelblauer Nachklang

          Noch differenzierter und authentischer wirkte die fein abgestufte Deklamationskunst der Londonerin bei einem Ausflug zu ihrem Landsmann Purcell, ehe eine kleine Hirtenkantate des, ähnlich Lambert, kaum bekannten Jean-Baptiste Stuck für einen mild-himmelblau nachleuchtenden Ausklang des um zwei graziös-duftig dargebotene Instrumentalstücke (Couperin und Leclair) ergänzten, kostbar familiären Musiknachmittags sorgte.

          Auch Campras „Idoménée“ hat neben reichlich rasselndem Donnerblech und seesturmpfeifenden Flöten seine intimen Momente, wenn zum Beispiel solistische Rezitativ-Reflexionen weich ins Ariose hineingleiten oder kurze Wortwechsel auch das Unausgesprochene mittransportieren müssen; und es waren nicht zuletzt solche Passagen, in denen die wunderbare Dirigentin Emmanuelle Haïm mit ihrem freundschaftlich vertraut wirkenden „Concert d’Astrée“ eine enorme Meisterschaft in der Gestaltung flexibler, organisch fließender und innerlich freier Übergänge bewies: Klarheit ohne Diktat, Musiziertemperament, moderiert durch elegante Noblesse selbst noch da, wo es in den Seelen der Protagonisten stockfinster wird. Beschädigt sind sie dabei alle von Handlungsbeginn an und bleiben es: der Titelheld ein barmender Jammerlappen und als solcher durch Tassis Christoyannis’ edel leidende Bariton-Lamenti bis zum Exzess ausgewrungen; Samuel Bodens Idamante ein braver, aber nur mäßig liebenswerter Schwächling mit stets besten Absichten und neutralem Lyrik-Sound; die beiden konkurrierenden Jungfrauen gleichermaßen traumatisiert, bei Chiara Skeraths Ilione in einer erst still-berührungsempfindlichen, dann dramatisch aufwachsenden Variante, während Hélène Carpentiers Électre neben kalter Hysterie manchmal auch überraschend leise, zärtliche Nuancen findet.

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