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Wettlesen um den Bachmannpreis : Gottesteilchen im Textbeschleuniger

  • -Aktualisiert am

Man hat ihr zugehört. jetzt hört sie zu: Nora Gomringer nach ihrer Lesung in Klagenfurt Bild: ORF/Puch Johannes

Wenn Germanisten sterben, hinterlassen sie mehr W-Fragen als andere Leute: Was heißt das für die Reportageliteratur? Wohin mit diesen Figuren? Und wie wird der Auftritt einer Umstrittenen? Rückblick und Ausblick in Klagenfurt.

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          Wenn beim Bachmannpreis-Wettbewerb Texte gelesen werden, die ihre eigene Gemachtheit reflektieren, wird es oft brenzlig: So wie ja generell bei Metaliteratur der Verspieltheitsvorwurf fast reflexhaft kommt. Doch der Text „Recherche“, den Nora Gomringer auf Einladung des neuen Jurymitglieds Sandra Kegel (Literaturkritikerin in diesem Feuilleton), man muss es so sagen: zur Aufführung brachte, erntete erstaunlicherweise recht einmütiges Lob: Jurypräsident Hubert Winkels sprach von einem sehr gelungenen Hörspiel mit nur einer Instrumentalistin, Hildegard Keller fand ihn raffiniert abgründig und auch die Stimme Gottes darin, Juri Steiner sogar die von Physikern gefürchteten Gottesteilchen, und auch Klaus Kastberger, Stefan Gmünder und Meike Fessmann zeigten sich trotz einiger Einwände beeindruckt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Nora Gomringer gibt in dem Text verwirrenderweise der Ich-Erzählerin den Namen ihrer Schriftstellerkollegin Nora Bossong und schickt diese auf Recherche und in ein Mehrfamilienhaus, aus dem sich ein dreizehn Jahre alter Junge in den Tod gestürzt hat: Kritik auch einer gewissen Reportageliteratur? Jedenfalls ein Text mit immer neuen Beobachter-Ebenen, der nicht nur sich selbst, sondern gleich noch seine Interpreten foppt: „Wenn Germanisten sterben, hinterlassen Sie viel mehr W-Fragen als andere Leute“, heißt es darin.

          Einfach auch nur eine Autorin?

          Mit mehreren Stimmen arbeitet auch der Text „Brot, Brot, Brot“ von Sven Recker, den der Berliner Autor in Klagenfurt präsentierte - und das nun ist eine Reportage aus der Psychiatrie mit einer frustrierten Ärztin, die ihren Überdruss am „Frustficken“ ausgleicht durch Onlineshopping, einem Jugendlichen Gewalttäter namens Drago und einem trockenen Alkoholiker namens Börner - nur sah die Jury in diesem Text nicht so den Burner: „Klischeekaufhaus“, monierte Stefan Gmünder, „belanglos“ fand ihn Klaus Kastberger, und Juri Steiner sorgte sich, was wohl passiere, „wenn diese Torkelnden, Rasenden und Liebenden in die Schweiz kommen!“

          Wenn an diesem Freitag die nächsten Autoren nach Kärnten kommen, ist das für den in Berlin lebenden, aber aus dem hiesigen Poppichl stammenden Peter Truschner eine Art Heimspiel. Die Wiener Schriftstellerin Michaela Falkner, die sich jetzt nur noch „Falkner“ nennt, hat sicherheitshalber schon mal ein Buch mit dem Titel „A fucking Masterpiece“ im Gepäck, aber auch sie wird sich der Jury stellen müssen, ebenso wie die Schweizer Autoren Tim Krohn und Monique Schwitter. Und dann kommt noch Ronja von Rönne, die vor einigen Wochen eine hitzige Debatte mit ihrem journalistischen Text „Warum mich Feminismus anekelt“ ausgelöst hat.

          Ist das nun ein Paratext, der auch ihre Bachmannpreis-Lesung und die Diskussion beeinflussen sollte, oder wird man sich ganz unvoreingenommen ihrem literarischen Text widmen? Darauf darf man gespannt sein.

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