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Buch „Red Meat Republic“ : Ausbeutung und billiges Fleisch

  • -Aktualisiert am

Hort der Massenproduktion: Die Schlachthöfe von Chicago in einer Aufnahme aus dem Jahr 1941 Bild: akg-images / John Vachon

Von den Bisonherden zu den Schlachtfabriken: Joshua Specht erklärt, wie sich der amerikanische Markt für Rindfleisch entwickelte und am Ende zu einem globalen Modell wurde.

          3 Min.

          Eine der interessantesten Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft der vergangenen Jahrzehnte ist das steigende Interesse an „ commodities“: standardisierte und homogene Produkte, insbesondere Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse, die an Terminbörsen gehandelt werden. Hinter der so selbstverständlichen Allgegenwart dieser Waren verbirgt sich häufig eine vielschichtige und verwickelte Geschichte, die weit auseinanderliegende Orte genauso wie unterschiedlichste Akteure miteinander verbindet und die sich mittlerweile in verschlungenen Liefer- und Wertschöpfungsketten widerspiegelt.

          Die Beschäftigung mit ihnen wurde von Sidney Mintz’ bahnbrechender Studie zur Rolle von Zucker im britischen Kolonialimperium („Die süße Macht“) eingeläutet. Mintz behauptete, dass die Geschichte des Zuckers vor allem von Macht, Imperialismus und Ausbeutung handelt – von Sklaven angebauter und erzeugter Zucker machte das Leben englischer Fabrikarbeiter erträglicher und ermöglichte Plantagenbesitzern und Industriellen die Anhäufung enormer Vermögen. Inzwischen gibt es Untersuchungen zu Baumwolle, Reis, Sojabohnen, Bananen, Naturkautschuk – und nun auch Joshua Spechts Studie über den Siegeszug von Rindfleisch in Amerika.

          Ranches enormen Ausmaßes

          Specht stellt dar, wie sich ein national und global integrierter Markt aus lokalen Wechselwirkungen verschiedenster Akteure herausbildete. Das Ranching von Rindern in den Trockengebieten der „Great Plains“ entstand durch die gewaltsame Ersetzung der von nomadischen indigenen Indianern bejagten Bisonherden durch die am Anfang kleinen Herden der Rancher. Diese Rancher waren sowohl Profiteure von als auch Akteure in den Auseinandersetzungen mit Indianern. Sie provozierten Zusammenstöße, suchten die Unterstützung der Armee und spielten häufig auch eine paramilitärische Rolle. Wenn die indigene Bevölkerung dann schließlich in den Reservaten eingepfercht wurde, übernahmen sie die Versorgung mit – meist überteuertem – Rindfleisch. Nachdem die Urbevölkerung keine Bedrohung mehr darstellte, konsolidierte sich die Rinderhaltung mit der Hilfe ausländischen Kapitals. Es entstanden Ranches enormen Ausmaßes mit Hunderttausenden von Tieren.

          Die Entwicklung des Schienennetzes erlaubte, die gesamten Vereinigten Staaten als Markt zu entwickeln. Allerdings konnten die Großbetriebe nur wenige Jahre expandieren, Trockenheit und extreme Winterkälte dezimierten in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die Herden. Gewinner waren dagegen die Fleischverarbeiter in Chicago. Ein brutales Effizienzregime in den Fabriken (beschrieben in Upton Sinclairs Roman „The Jungle“), die Entwicklung von Kühlwagen, die den Transport von Fleisch über lange Strecken ermöglichte, und die Konzentration der Verarbeitung auf einen Ort, wodurch sich Preisdumping beim Einkauf des Schlachtviehs durchsetzen ließ, führten zur unanfechtbaren Dominanz der Schlachthöfe und zum Ende der großen Ranches.

          Joshua Specht: „Red Meat Republic“. A Hoof-to-Table History of How Beef Changed America. 
Princeton University Press, Princeton 2019. 
368 S., geb., 21,75 $.

          Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg der Fleischverarbeiter in Chicago war, dass sie ihr Interesse, die zentralisierte Massenproduktion von Fleisch, mit den Interessen der Verbraucher zur Deckung brachten. Die Rancher, Schlachthofarbeiter und unabhängige Metzger spielten eine nur noch untergeordnete Rolle und waren die Verlierer im Machtkampf. Eine wesentliche Rolle spielten in ihm auch regulatorische Rahmensetzungen, die auf Standardisierung abzielten und damit kleine Akteure benachteiligten. Specht reichert seine breite und überzeugende Darstellung mit zahlreichen Details an, etwa zum Alltagsleben der Cowboys oder zum kulturellen und sozialen Stellenwert des Rindfleisches in den Vereinigten Staaten an.

          In aktuellen Debatten über Klimawandel hört man mitunter das Argument, dass die Einschränkung der Verfügbarkeit von Fleisch oder seine gezielte Verteuerung der sozialen Gerechtigkeit zuwiderliefe und eine illegitime Einschränkung individueller Freiheit sei. Diese Haltung verkennt, dass billiges Fleisch auf einem System ökologischer und menschlicher Ausbeutung beruht. Damit steht die Berufung auf soziale Gerechtigkeit auf wackligen Füßen. Ethnographische Arbeiten in amerikanischen Schlachthöfen zeigen, dass in den Vereinigten Staaten die Strukturen, die Upton Sinclair 1905 anprangerte, in Grundzügen immer noch bestehen. Und in Deutschland zerlegt ein Heer von Arbeitern aus Polen, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine im Akkord und unter miserablen Arbeitsbedingungen Rinder oder Schweine.

          Es ist berechtigt, die kulturelle und kulinarische Bedeutung des Fleischkonsums herauszustellen, aber es sollte auch anerkannt werden, dass sie auf einer Gewichtung von Prioritäten beruht – die soziale Funktion des Essens, Preise und Verfügbarkeit sind wichtiger als Arbeitsbedingungen, Tierwohlfahrt und Folgen für die Umwelt. Spechts Studie betrachtet eine bestimmte historische Konstellation, doch das System, das sich in diesem Kontext stabilisierte, wurde zu einem globalen Modell für die Nahrungsmittelwirtschaft. Von ihr profitieren Verbraucher, weiterverarbeitende Industrie und Zwischenhändler, während alle wirtschaftlichen Risiken auf die Primärerzeuger abgewälzt werden. Spechts Buch ist ungemein lesbar und bietet neben einer sozial- und wirtschaftshistorischen Analyse, die sich nie in akademischem Jargon verfängt, einen bemerkenswerten Einblick in die Alltagsgeschichte des mythenverklärten Wilden Westens.

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