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Monika Schoeller wird 80 : Vom Glück der Begegnung

  • -Aktualisiert am

Monika Schoeller Bild: Barbara Klemm

Im Jahr 1974 übernahm Monika Schoeller das Verlagshaus S. Fischer. Über Jahrzehnte hinweg prägte die Verlegerin und Mäzenin die literarische Kultur dieses Landes – auch nach ihrer aktiven Zeit im Verlag.

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          Nicht von Beginn an, so erzählte Monika Schoeller später, war sie entschlossen, das ihr zufallende Erbe und die große damit verbundene Aufgabe als die eigene anzunehmen. Erst nach den Jahren eines freien und in vielseitigen Wissensgebieten vagabundierenden Studiums, nach Volontariaten bei den Verlagen Artemis, Winkler und der Arche hat sie dann ein entschiedenes Interesse entwickelt für S.Fischer, eines der traditionsreichsten Verlagshäuser dieses Landes, und sich seiner Geschicke angenommen – leise und konsequent, mit großer Aufmerksamkeit und Sinn für seine Geschichte, mit hoher Einsatzbereitschaft, viel Geschick und einer leidenschaftlichen Liebe zu dieser Welt der Bücher, die bis heute die ihre ist.

          Vor fünfundvierzig Jahren übernahm Monika Schoeller die Leitung der Frankfurter S. Fischer Verlage von ihrem Vater Georg von Holtzbrinck. Im Oktober 2002 zog sie sich aus der operativen Arbeit zurück, blieb aber Vorsitzende der Geschäftsleitung. Ihre Begeisterung für Literatur und ihr Engagement für die Zukunft des literarischen Erbes sind ungebrochen, ihrer Beharrlichkeit, ihrem Weitblick und ihrem Verantwortungsbewusstsein haben der Verlag und das literarische Leben unseres Landes weit mehr zu verdanken, als sich hier andeuten lässt.

          Verantwortung gegenüber toten wie lebendigen Autoren

          Nur wenige Beispiele: Zu dem verlegerischen Erbe, das Monika Schoeller als Verlagsleiterin antrat, zählten unter anderem Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Hirsch. Hirsch, der ehemalige Verlagsdirektor des S. Fischer Verlags, war nach seinem Abschied aus der Geschäftsführung zum Mitbegründer und Mitherausgeber der zweiundvierzigbändigen kritischen Hofmannsthal-Ausgabe geworden, die auf seine Initiative vor rund fünfzig Jahren im Freien Deutschen Hochstift angesiedelt wurde und heute – dank der kontinuierlichen Unterstützung von Monika Schoeller – kurz vor der Vollendung steht. Gemeinsam mit der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke Thomas Manns ist diese mutige Ermöglichung der kritischen Ausgabe der Werke Hofmannsthals charakteristisch für die vorbildliche Haltung, mit der Monika Schoeller gegenüber den toten wie den lebendigen Autoren ihres Verlages Verantwortung übernimmt.

          Zu den vielen eindrucksvollen Entscheidungen Monika Schoellers gehört auch die, das umfangreiche und hochkarätige Archiv des 1886 von Samuel Fischer in Berlin gegründeten Verlags seit 1986 sukzessive dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach als Geschenk zu überlassen. Und dessen Erschließung und Erforschung durch die zusätzliche Finanzierung von Projektstellen und internationalen Stipendien möglich zu machen und zu fördern.

          Verständigung zwischen Kulturen und Sprachen

          Noch weit darüber hinaus ist Monika Schoeller für ihr beispielhaftes kulturelles und soziales Engagement bekannt. 2002 rief sie die S.Fischer Stiftung ins Leben, heute eine der wichtigsten ihrer Art in Deutschland. Von Beginn an setzte die Stiftung sich besonders ein für den „geistigen Handelsverkehr“ in Gestalt von Übersetzungen und Übersetzernetzwerken. Der Austausch und die Verständigung zwischen Kulturen und Sprachen hat in Monika Schoeller stets eine starke Anwältin gefunden: Goethe nannte das Übersetzen „eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr“. Die Arbeit der Stiftung begann mit Projekten zu Übertragungen aus dem Russischen; bald folgte das große Übersetzungsnetzwerk Traduki. Es gelten dabei – ganz wie für Goethes Weltliteratur-Idee – literarisch-politische Ziele; der Förderung des Netzwerks wird eine Förderung gegenseitigen Verstehens zugetraut.

          Eine zweite wichtige Initiative der Stiftung, die Traduki in diesem Sinne ergänzt, sind die seit 2012 mit verschiedenen Partnern realisierten Begegnungen und Gespräche, die unter dem Titel „Debates on Europe“ den aktuellen Fragen nach den Schwierigkeiten und Chancen des europäischen Projekts nachgehen. Mit ihrer S.Fischer Stiftung unterstützt Monika Schoeller auch Kulturinstitutionen bei wichtigen Projekten, sie fördert wissenschaftliche Tagungen und umfangreiche Publikationsprojekte.

          Und wer das Glück hat, Monika Schoeller persönlich zu begegnen, weiß, dass sie all dies mit größter Behutsamkeit tut, feinem Taktgefühl und höchster persönlicher Zurückhaltung. Zu Monika Schoellers siebzigstem Geburtstag erschien in einer Frankfurter Tageszeitung ein Beitrag ihrer Freundin Silvia Bovenschen, dem die Schriftstellerin den Titel „Ehre durch Ruhmvermeidung“ gab. Zutreffender kann man Monika Schoeller wohl nicht beschreiben, und auch die unverhohlene Zuneigung, die aus diesen Zeilen spricht, ist jedem nachvollziehbar, der die Verlegerin und Mäzenin kennt. Dass sie gern, und lieber, im Verborgenen wirkt – und dies auch in ihren Aktivitäten im Zeichen der Völkerverständigung, die bei der Aufzählung ihres Engagements nicht fehlen dürfen –, macht sie zu einem ganz besonderen Menschen. Am morgigen Sonntag wird sie achtzig Jahre alt.

          Anne Bohnenkamp ist die Direktorin des Goethe-Hauses Freies Deutsches Hochstift und lehrt Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

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