Politische Ideengeschichte : Eine neue Erzählung für den Westen?

Vielschichtiger als die politische Botschaft: Naoíse Mac Sweeney nimmt Genealogien ins Visier, mit denen sich der Westen als Erbe einer griechisch-römischen Antike darstellte.
Halbe Sachen macht die am Institut für Klassische Archäologie in Wien tätige Naoíse Mac Sweeney nicht: Ohne Umschweife erklärt sie ihr Ziel: Dem „Westen“, verstanden als eine geopolitische Formation, eine Reihe moderner Nationalstaaten mit gemeinsamen kulturellen Merkmalen sowie politischen und wirtschaftlichen Grundsätzen – darunter die repräsentative Demokratie, der Marktkapitalismus, ein „nominell säkularer Staat auf dem Fundament einer jüdisch-christlichen Moral“ und eine psychologische Neigung zum Individualismus –, diesem Westen also müsse die ihn ideengeschichtlich legitimierende Erzählung genommen werden, welche maßgeblich auf einem bestimmten Bild der Antike beruhe. Ausdrücklich wähnt sich die Autorin qua ihrer Profession als Altertumswissenschaftlerin mitschuldig „an der Fortschreibung der Großen Erzählung von der Westlichen Zivilisation, eines intellektuellen Konstrukts, das ideologisch und sachlich zweifelhaft war“. Diese habe „die Westliche Expansion und den Westlichen Imperialismus gerechtfertigt“ und unterstütze bis heute „die fortdauernden Systeme Weißer Dominanz“.


