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Booker Prize für Rijneveld : Ein Herz aus Hackfleisch

Die bislang jüngste Trägerin des International Booker Prize: Marieke Lucas Rijneveld ist 29 Jahre alt. Bild: Picture-Alliance

Wenn Gott nur noch grollt: Marieke Lucas Rijneveld erzählt vom Zerbrechen einer calvinistischen Familie. Gerade wurde ihr Debütroman „Was man sät“ mit dem International Booker Prize ausgezeichnet.

          3 Min.

          Ein Wintermorgen, zwei Tage vor Weihnachten. Der erste Schnee ist gefallen, der See zugefroren, doch das Eis ist noch dünn. Matthies, der mit seinen Freunden zum Schlittschuhlaufen aufgebrochen ist, wird von seinem Ausflug nicht zurückkehren. Mit seinem Tod beginnt „Was man sät“, der Debütroman der niederländischen Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld.

          Geboren 1991, wuchs sie in Nordbrabant auf, einer ländlichen Provinz im Süden der Niederlande. Mit vierundzwanzig veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband „Kalfsvlies“ und wurde gleich von der Tageszeitung „de Volkskrant“ als größtes literarisches Talent des Landes gefeiert. „Was man sät“ löste vor zwei Jahren ähnliche Begeisterung aus. Und tatsächlich ist es ein ungewöhnliches, besonderes Buch. Düster, fast apokalyptisch, anziehend und abstoßend zugleich.

          Die zwölfjährige Jas, genannt Jacke, weil sie ihre Jacke auch drinnen nicht mehr ausziehen möchte, wächst mit ihren drei Geschwistern auf einem Bauernhof in der niederländischen Provinz auf. Die Familie ist Teil der strenggläubigen orthodox-calvinistischen Gemeinde im niederländischen Bibelgürtel. Außenstehende nennen sie abfällig „Schwarzstrümpfe“. Die Eltern mahnen mit Versen aus dem Alten Testament; das Leben auf dem Hof scheint aus der Zeit gefallen.

          Es passiert wenig und gleichzeitig so viel

          Als Matthies stirbt, ändert sich alles. „Tote werden immer mehr vermisst als Lebende“, weiß Jas, und in der Tat scheinen ihre Eltern über den Verlust des Sohnes die drei lebendigen Kinder zu vergessen. Die Mutter isst nichts mehr, der Vater widmet sich seinen Kühen. Am Tisch steht ein Stuhl, auf dem niemand mehr sitzen darf. Ein leerer Haken wartet auf eine Jacke, die nie mehr zurückkommen wird: „Der Tod hat hier eine eigene Garderobe.“ Überall scheint er zu lauern. Wie wird der Nächste sterben? „Autounfall oder in Brand geraten?“, „Ermordet oder Krebs?“, „Vom Futtersilo gesprungen oder ertrunken?“. Es sind diese Art Spiele, in denen sich die Geschwister verlieren, weil sie auf die Liebe der Eltern verzichten müssen und doch deren Verschwinden fürchten. Jas, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist gefangen in ihrer eigenen klaustrophobischen Welt aus Grausamkeit und aufkeimender Sexualität, die sie nicht versteht. Ihre Schwester Hanna, die jünger ist und doch oft erwachsener wirkt, ist der einzige Trost.

          Es passiert wenig und gleichzeitig so viel: Eine Familie zerbricht an ihrer Trauer, drei Kinder werden langsam und schmerzhaft erwachsen. Der Glaube kann nicht helfen, im Gegenteil. Für die Familie ist Matthies’ Tod eine Strafe Gottes, und jeder einzelne fühlt sich auf seine Weise verantwortlich. So lebt Jas in der Furcht, Gott ein weiteres Mal zu verärgern, und kann doch nicht recht an ihn glauben: „Oma sagt manchmal, dass Beten das Herz weniger schwer macht, aber meins wiegt immer noch dreihundert Gramm. Genauso viel wie eine Packung Hackfleisch.“

          Nichts wird erklärt, alles ist dadurch umso klarer

          Rijnevelds Bilder sind einfallsreich und poetisch, geprägt von dem immer noch kindlichen Blick ihrer Protagonistin: „Sie hat Gänsehaut, es fühlt sich an wie eine Lego-Platte, ich könnte mich auf ihr festklicken und nie mehr loslassen.“ Wie in den Bibelversen, die den ganzen Roman durchziehen, sieht Jas in allem, was sie umgibt, stets einen Hinweis. Eine andere, höhere Bedeutung. Die Schwestern hoffen, errettet zu werden, zu entkommen, und träumen von „der anderen Seite“ des Sees, des Lebens. Jenem Ort, zu dem ihr Bruder hinausfuhr und an dem er ertrank.

          Bei aller Symbolik ist Rijnevelds Sprache drastisch und direkt: „Oma lächelte mir zu. Ich wollte, dass sie mit diesem Lächeln aufhörte, dass Vater mit einer Gabel über ihr Gesicht fuhr und alles durcheinandermatschte, wie er es bei einem Pfannkuchen machte.“ Es geht um Gewalt, Sex und Fäkalien. Zuweilen ist der Roman abschreckend, fast verstörend. Dass nichts je besser, sondern alles nur schlimmer wird, ist kaum zu ertragen. „Dies ist eine Einweihung“, sagt Jas einmal zu Hanna, während sie ihr Gesicht in ein Kissen drückt: „Wer hier wohnen will, muss spüren, wie es ist, wenn man beinahe erstickt, wie Matthies, wenn man beinahe stirbt, nur dann werden wir Freunde.“ So fühlt sich zuweilen auch das Lesen an, als wolle Rijneveld einen ersticken. Doch gerade, weil sie ihre Leser aus der düsteren Vorstellungswelt ihrer Protagonistin entlässt, weil wir immer mehr hineingezogen werden in Jas’ Eindrücke und Phantasien, lässt man all das über sich ergehen. Nichts wird erklärt, und alles ist dadurch umso klarer. „Was man sät“ ist sicher keine aufbauende Lektüre. Aber eine lohnende.

          Marieke Lucas Rijneveld: „Was man sät“. Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 317 S., geb., 22,– €.

          International-Booker-Literaturpreis für Marieke Lucas Rijneveld

          An diesem Mittwochabend ist bekanntgegeben worden, dass der britische International-Booker-Literaturpreis an die Niederländerin Marieke Lucas Rijneveld für ihren Roman „The Discomfort of Evening“ geht. Sie ist mit 29 Jahren die jüngste Autorin, die je die hohe Auszeichnung bekommen hat. Sie teilt sich den Preis mit Michele Hutchison, die das Werk ins Englische übersetzte.

          „Ich bin so stolz wie eine Kuh mit sieben Eutern“, sagte Rijneveld in einer ersten Reaktion per Videobotschaft. Der Literaturpreis ehrt die besten fremdsprachigen und ins Englische übersetzten Romane, die in Großbritannien veröffentlicht wurden. Er ist mit 50.000 Pfund (knapp 56.000 Euro) dotiert, das Preisgeld teilen sich stets Autor und Übersetzer.

          Sechs Schriftsteller waren zuletzt auf der Nominiertenliste, unter ihnen auch der deutsche Autor Daniel Kehlmann für sein Buch „Tyll“. Ursprünglich sollte der Gewinner bereits am 19. Mai verkündet werden, doch wegen der Corona-Krise wurde der Termin verschoben.

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