1 Buch, 1 Satz zu Molinari : Inselexistenz ohne Werkzeugkasten
Eine Erzählerin von stoischem Naturell, die nirgends eine Heimat findet: Gianna Molinaris Roman „Hier ist noch alles möglich“ verstört und betört.
Durch diesen Roman streunt ein Wolf. Das hatten wir jüngst schon einmal in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (bei Roland Schimmelpfennig), und wenn wir die Füchse noch dazunähmen (in den jüngsten Büchern von Saša Stanišić, Nis-Momme Stockmann, Mareike Krügel, Lutz Seiler, Annika Scheffel), könnten wir mit Fug eine veritable Raubtierinvasion ins einheimische Erzählen konstatieren – und damit eine textimmanente Verunsicherung. Allerdings ist der Wolf in Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“ eher Schimäre als Chiffre. Ob es ihn wirklich gibt, muss offenbleiben. Aber auf dem kurz vor der Schließung stehenden Werksgelände einer Verpackungsfabrik sind die Überwachungskameras eifrig auf der Suche nach ihm. Und da sich wilde Tiere nicht an Regelarbeitszeiten halten, wird eine junge Frau, die früher als Bibliothekarin tätig war, als Nachtwächterin eingestellt, die sich mit einem Kollegen namens Clemens schichtweise abwechselt, um lückenlose Überwachung zu gewährleisten. Warum sich der Chef allerdings mehr Gedanken um den Wolf als um die Pleite macht, ist eines jener schönen Paradoxa, von denen die Psychologie seit jeher lebt. Und die Literatur sowieso.






