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Hugo von Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg : Requiem auf eine zerbrechliche Idee

Hugo von Hofmannsthal als Leutnant der Ulanen, 1897 Bild: © Schenkung Octavian von Hofmannsthal, FDH

Hugo von Hofmannsthal verfolgte den Ersten Weltkrieg hinter den Kampflinien. Publizistisch war er aber ein glühender Verteidiger der sterbenden Donaumonarchie. Das zeigt eine Frankfurter Ausstellung.

          Als der Weltkrieg im August 1914 ausbrach, war es nicht weit zur Erkenntnis, dass er für die österreichisch-ungarische Donaumonarchie zur Schicksalsstunde werden würde. Im Nordosten rückte das übermächtige Heer des Zaren vor, an den vielen Balkanfronten, wo der Vielvölkerstaat seine prekäre Einheit verteidigte, stand der Kampf bald auf Messers Schneide. Stimmt die Formel, dass hier eine desolate Armee im Bewusstsein der Überlebtheit des von ihm verteidigten Staatsgebildes auf den Abgrund zumarschierte?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch Hugo von Hofmannsthal war Soldat in diesem Krieg, erlebte ihn aber trotzdem vom Beobachterposten aus. Der feinnervige Dichter, der während seiner Militärausbildung regelmäßig von Depressionen heimgesucht worden war, verrichtete seinen Kriegsdienst bis zu seiner Freistellung ein Jahr lang im Pressekorps des Fürsorgeamtes in Wien. Er hatte vorher einiges getan, um nicht als Infanterist an die Front zu müssen - ein Schicksal, das ihm drohte, weil er sich in Vorahnung des Krieges aus der Armee hatte befreien lassen und damit keinen Anspruch mehr auf seinen Rang als Leutnant der Kavallerie hatte. Zu den publizistischen Zeugnissen dieser Zeit gehört Hofmannsthals öffentlicher Appell an die oberen Schichten, nicht von einem luxuriösen Lebensstil abzusehen, um die Handwerker und Geschäftsleute nicht in zusätzliche Not zu bringen. Sie passte hervorragend zu der noblen Atelierwohnung im Stil des Neoempire, die er sich zu gleicher Zeit in Wien einrichten ließ.

          Konflikt mit höchstem Einsatz

          Das öffentliche Lob des Publizisten Hermann Bahr musste Hofmannsthal jedenfalls zurückweisen, der den weltfernen Ästhetizisten emphatisch als Waffenbruder begrüßt hatte. Von der Kriegsbegeisterung war aber auch er ergriffen. Die Sache schien ihm zunächst sicher: „Was man jetzt erlebt, hat eine solche Größe, dass es ja beinahe über das Fassungsvermögen geht“, schreibt er an seine Frau Gerty. „Ein solches Volk kann auch nicht besiegt werden.“ Sein einziges Kriegsgedicht „Die österreichische Antwort“ beschränkt sich indes auf ein formelhaftes Lob des Vaterlands.

          Wie ernsthaft Hofmannsthals Parteinahme für Österreich war, ist in einer kleinen konzentrierten Ausstellung im Frankfurter Hochstift zu sehen. In trefflicher Auswahl der Dokumente lässt die Schau die über die spontane Kriegslust hinausgehende Motivation des Dichters Schritt für Schritt hervortreten. Der Weltkrieg ist für Hofmannsthal ein Konflikt mit höchstem Einsatz, bei dem in erster Linie eine Idee auf dem Spiel steht. Es droht der Zerfall des geistigen Unikats der Donaumonarchie, das die besten Kräfte der Französischen Revolution und der deutschen Kultur bündelte. Die Sorge um diesen Verlust lässt Hofmannsthal ins höchste Stilregister greifen.

          Requiem auf eine Idee

          Literarisch kulminiert das Kriegserlebnis bei Hofmannsthal in der Beschreibung der Karpatenschlacht, in der sich die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Österreicher in Eis und Schnee der russischen Übermacht entgegenstemmten. Es ist auch das einzige literarische Zeugnis, in dem sich Hofmannsthal vom Patriotismus fortreißen lässt. Die hymnische Stilisierung der Schlacht zum providentiellen Endkampf eines auserwählten Volkes, überwölbt von der Naturepiphanie des über dem Schlachtfeld aufgehenden Morgensterns, wirkt für diesen Autor irritierend, zumindest ungewohnt.

          Als politischer Kommentator lässt er sich nie vom nationalistischen Fieber anstecken. Hofmannsthal war in den Kriegsjahren publizistisch erstaunlich produktiv. Dreißig politische Aufsätze entstammen seiner Feder. Seine Hauptaufgabe sah er darin, Österreich gegen den Vorwurf der Schwäche zu verteidigen. Als aus Deutschland immer lauter geklagt wurde, man müsse die Last des Krieges allein schultern, lobte er trotz der unübersehbaren Defizite die heroische Improvisationskunst der österreichischen Armee, forderte mehr Verständnis für den idiosynkratischen, notwendig zerbrechlichen Charakter der Donaumonarchie und rechnete den Deutschen ihre geostrategische Bedeutung vor.

          Die Verpflichtung auf die nationale Sache ist bei Hofmannsthal kein Chauvinismus. Ihr leitendes Motiv ist die Idee einer höheren Einheit der nationalen Kulturen. Diese Synthese aber wird von immer mehr Völkern als germanisierender Zwang verschmäht. Als die Alliierten im Januar 1917 zur Befreiung der kleinen Völker aufriefen und damit den Zerfall der Donaumonarchie besiegelten, reiste Hofmannsthal nach Böhmen, um sich ein Bild der Befreiungskämpfe zu machen. Die Wucht der tschechischen Nationalbewegung lässt ihn in einer Mischung aus Beklommenheit und Faszination das definitive Ende der K.-u.-k.-Idee erkennen.

          Der Rest ist ein Requiem auf ein Staatsgebilde, das für ihn mehr künstlerische Idee als politische Realität war. Hofmannsthal sieht einen platten Nationalstaat an die Stelle des alten heiligen Reiches treten. Eine Trostformel findet er in der Idee Europas, das als höhere Einheit über den nationalen Gegensätzen stehen soll. Und schon immer stand: denn was sei das alte Reich anders als ein „Europa im Kleinen“ gewesen?

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