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Reformationsjubiläum : Gauck und sein Luther

Er kennt seinen Luther: Bundespräsident Joachim Gauck. Bild: dpa

Der Bundespräsident veranstaltet im Schloss Bellevue einen „Martin -Luther-Abend“. Es gibt Musik, Vorträge und Häppchen. Doch was ist der tiefere Sinn des Ganzen?

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          Was er „von Staats wegen“ zum Reformationsgedenken zu sagen habe, das habe er bereits mitgeteilt, in Interviews etwa oder in seiner Rede beim Festakt im Konzerthaus. Diesmal, so fuhr der Bundespräsident vorgestern bei einem „Martin Luther-Abend“ im Schloss Bellevue fort, gehe es um einen anderen Zugang: Luther sollte, so hatte es Joachim Gauck vorgesehen, mit der Renaissance-Musik seiner Zeit im Amtssitz des Staatsoberhauptes präsent werden (man lauschte erlesenen lutheresken Darbietungen der „Capella de la Torre“, des Vokalensembles „Amarcord“); er sollte mit Bildern des Malers Michael Triegel ins Bellevue einziehen, mit einem Vortrag des Luther-Biographen Heinz Schilling sowie mit Forellen-Rillettes, dem bei Luthers Schlemmertafeln üblichen kalorienreichen Brotaufstrich, diesmal zubereitet vom Bellevue-Koch Jan-Göran Barth als Häppchen für den spätabendlichen Empfang nach dem gewissermaßen liturgischen Teil dieser bundespräsidialen Luther-Reverenz.

          Politisches Handeln setzt sich, wenn es um Luther geht, auch in einer musikalisch-literarischen Soiree fort. Von Staats wegen wird hier noch den Forellen-Rillettes eine zivilreligiöse Bedeutung zugesprochen. Geht das noch mit rechten Dingen zu? Leben wir nicht in einem weltanschaulich neutralen Staat? Braucht es nicht eine Identitätspolitik der negativen Freiheit, welche unser Gemeinwesen ausmacht, in welchem jeder Bürger glauben oder nicht glauben darf, was er will?

          Die kirchliche und die staatliche Sphäre

          Gauck ist sich der Fragwürdigkeit des Vorgangs durchaus bewusst. „Wir vermischen hier nicht unzulässigerweise die kirchliche und die staatliche Sphäre“, hatte der Bundespräsident schon am Montag im Konzerthaus erklärt, vielmehr erkenne der Staat, indem er 1517 „außerordentlich wichtig“ nehme, an, dass auch er selber „in vielfältiger Weise von der Reformation und ihrer Wirkungsgeschichte geprägt ist“. Aber gilt solches Moment der Prägung nicht auch für etliche andere Überlieferungen? Warum wird ihnen kein Schlossabend gewidmet?

          Wobei sich Gauck mit seiner charmanten Bellevue-Veranstaltung (von Bischof Huber bis Katrin Göring-Eckhardt war tout Wittenberg versammelt) zusätzlich die Freiheit nahm, das Reformationsgedenken explizit unter die Marke Luther zu stellen, ein branding, das die kirchlichen Stellen scheuen wie der Teufel das Weihwasser (sie haben sich für das Reformationsjubiläum auf die Sprachregelung „Christusfest“ geeinigt). Denn natürlich steckte dieser Reformator mit seinem vielfach vereinnahmten Gewissens- und Individualitätsbegriff mehr im Mittelalter als in der Neuzeit, von den gruppenbezogenen Grobianismen zu schweigen. Daran ließ der Historiker Schilling im Bellevue keinen Zweifel, ungeachtet seiner Reformationsbeschreibung als „universalgeschichtliches Ereignis“, womit Schilling dem bundespräsidialen Luther-Tempel dieses Abends den Hauch eines Hauses der Kulturen der Welt einblies. Aber auch Gauck selbst rekapitulierte in seiner Ansprache freimütig die vormoderne Agenda des Wittenberger Staatspatrons.

          Welchen Luther leisten wir uns?

          Warum der Bundespräsident gleichwohl meint, sich Luther leisten zu können, ihn als Moment der nationalen Kultur festzuschreiben, hat er unlängst in einem Interview angedeutet: Deutschland sei in seinen Institutionen derart stabil, in seiner Rechtssicherheit so gefestigt, dass es von Staats wegen keines moralischen Reinheitswahns bedarf. Das Gemeinwesen kann demnach eine Menge Unsägliches ertragen, ohne an seiner demokratischen Seele Schaden zu nehmen. Zumal mit seinem Lutherabend führte Gauck vor, dass es ums Historisieren, nicht ums Moralisieren geht, wenn Persönlichkeiten in ihrer Zeitbedingtheit zu würdigen sind. Hier predigt ein ehemaliger Pastor Gauck nicht den moralischen Relativismus. Sondern ein Staatsmann wahrt die politischen Proportionen. Von Staats wegen ist Luther, der Ketzer, ein Glücksfall der Demokratiegeschichte.

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