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Krim-Krise - was sagt die Spieltheorie? : „Das ist für Putin eine Einladung weiterzumachen“

Barack Obama und Wladimir Putin beim G8-Gipfel in Enniskillen, Nordirland. Bild: AP

Welche Optionen haben die Konfliktparteien in der Krim-Krise? Ist ein Krieg um die Ukraine denkbar? Der Max-Planck-Forscher und Spieltheoretiker Manfred Milinski deutet die Entscheidungen der Staatschefs und deren Optionen.

          Herr Milinski, wie kann das Verhalten der beiden Seiten in des Krim-Konflikts,  der Westen auf der einen und Putin auf der anderen Seite, mit spieltheoretischen Modellen erklären?
          Wenn man davon ausgeht, dass alle rationale Spieler sind und eine Kosten-Nutzen-Analyse ihrer Optionen gemacht haben, dann ist Präsident Putin offenbar zu dem Schluss gekommen, dass sein Nettogewinn höher ist, wenn er die Krim annektiert, eingerechnet der Strafszenarien, die Europa und Amerika für den Fall  angekündigt haben. Daraus kann man schlussfolgern, dass die Strafszenarien nicht stark genug waren.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nicht hoch genug, oder geht Putin davon aus, dass die angedrohten Strafen nicht angewendet werden?
          Wenn die Strafszenarien nicht wirklich glaubhaft sind, und das sollten sie tunlichst, dann müssen sie zumindest  so aussehen, dass der Adressant, also Putin, in seiner Kosten-Nutzen-Analyse zu dem Schluss kommt, es ist für ihn günstiger, wenn er die Krim nicht behält. Das bedeutet, die schwache Androhung bisher war auf Seiten des Westens offenbar ein Fehler. Man hätte stärkeres androhen müssen, damit es anders ausgeht. Oder aber, er hat wirklich nicht geglaubt, dass es eintreffen würde. Wenn er annimmt, dass Schritt drei der Strafandrohung nicht eintrifft, kann das ausreichen, dass er die Drohung ignoriert.

          Wie ist die Lage jetzt, nachdem vollendete Tatsachen geschaffen worden sind?
          Jetzt müssten Obama und die europäischen Regierungschefs konsequent das umsetzen, was sie angedroht haben. Und zwar aus ganz rationalen Gründen. Der Ausschluss des russischen Präsidenten von den G8-Verhandlungen ist nur ein Anfang. Im Grunde muss es jetzt weiter gehen. Wenn nicht alle Strafmaßnahmen kommen, ist das für Putin quasi eine Einladung, weiterzumachen und die Ukraine vielleicht auch noch zu nehmen. Putin hat bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass er Drohungen nicht ernst nehmen muss.

          Reichen denn die angedrohten Sanktionen aus, um den Konflikt zu einem Ende zu bringen?
          Wenn Putin tatsächlich an die Umsetzung der Strafmaßnahmen geglaubt haben sollte, dann reichen diese offensichtlich nicht aus, die Kosten einer Annexion für ihn hoch genug zu treiben. Wichtig ist für den weiteren Verlauf, dass das jetzt auf europäisch-amerikanischer Seite eins zu eins umgesetzt wird. Es geht jetzt darum zu fragen, welche Optionen hat Putin in Zukunft. Der Westen hat sich unter Zugzwang gesetzt. Er muss die Strafen umsetzen, sonst ist die strategische Position ein für alle mal verloren.

          Manfred Melinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.
          Manfred Melinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. : Bild: MPG

          Das heißt für Putin, er wird jetzt erstmal abwarten?
          Er wird abwarten was kommt und wie viel. Es ist jetzt aber noch etwas hinterher gekommen. Man hat gesagt: Eine militärische Unterstützung der Ukraine wird nicht ausgeschlossen. Das ist eine nicht bindende Strafandrohung. Sie ist überhaupt nichts wert. Das heißt nichts anderes wie: Wir meinen es nicht so ernst, dass wir es bindend aussprechen. Bindend wäre es gewesen, wenn Obama gesagt hätte, im Falle, dass Putin sich nicht rührt und die Krim nicht verlässt, werden wir die Ukraine militärisch unterstützen. Die Politiker  müssen sich klar sein, dass sie dann auch liefern müssen, wenn nicht eintritt, was sie erzwingen wollen. Wenn sie bindende Verpflichtungen nicht erfüllen, geht in Zukunft überhaupt kein Drohszenario. Diese Möglichkeit ist dann verspielt.

          Ist Putin also der rationalere Spieler?
          Das kann ich nicht sagen. Putin kann und sollte jedenfalls erstmal davon ausgehen, dass das was Staatsführer aussprechen auch ernst gemeint ist und zu 100 Prozent umsetzen, wenn der Fall eintritt. Wenn das dann nicht kommt, ist das für ihn alles nur Mickey Maus.

          Wenn die Strafandrohung verschärft wird und der Konflikt weiter eskaliert, wie wird er darauf reagieren?
          Erstmal muss der Westen jetzt bringen. Putin hat entscheiden, dass er nicht darauf eingeht.

          Kann man sich vorstellen, dass einer der beiden Seiten einen Schritt zurück tritt, auch auf Kosten des Gesichts- und Glaubwürdigkeitsverlusts?
          Wenn das am Ende zu teuer wird, dann muss man sagen: Das hättet ihr euch vorher überlegen müssen. Ich glaube, die Staatsführer im westen sind clever genug, das früh genug richtig einschätzen zu können. Die Ankündigung, wir schließen eine militärische Unterstützung der Ukraine nicht aus, ist ja auch gar keine Androhung. Das ist nichts wert als Drohmittel. Sie haben sich offenbar überlegt, der Schritt könnte zu riskant und zu teuer werden, das werden wir dann auch nicht tun. Man kann aus den Formulierungen ablesen, wie ernst gemeint die Strafmaßnahmen sind. Wenn es sich für Putin auszahlt, die Krim einzunehmen und die Kosten dafür sind netto geringer als der Nutzen daraus, dann kann man sagen, im Westen hat sich einer gewaltig verrechnet bei der Entwicklung des Drohszenarios. Aber vielleicht hat sich Putin ja verrechnet, wenn er merkt, dass die Strafen umgesetzt werden und die Wirtschaftssanktionen vor allem der russischen Seite schaden. Dann könnte sich Putin theoretisch wieder zurückziehen. Aber ob er diesen Gesichtsverlust für sich selber hin nimmt und zeigt, er ist doch nicht der starke Mann, ist fraglich.

          Wie kann die westliche Seite einen militärischen Konflikt vermeiden?
          Man braucht jetzt nicht mehr drohen und mehr drohen, jetzt müssen erstmal die angedrohten Sanktionen umgesetzt werden. Schwierig wird es, wenn Putin weiter macht und nicht mit der Krim alleine zufrieden ist. Das will man sicher ausschließen. Dann muss man die Drohungen massiv verstärken.

          Ukrainische Schwarzmeerflotte auf der noch ukrainischen Krim.
          Ukrainische Schwarzmeerflotte auf der noch ukrainischen Krim. : Bild: Aleksandr Kadnikov

          Ist Putin jetzt schon in einer Position, in der er es auf eine Eskalation ankommen lassen könnte?
          Die Sanktionen treffen ihn sicher bislang nicht sehr stark. Was immer jetzt im Moment angedroht wird verpufft, wenn nicht erstmal die angekündigten Schritte eingelöst werden. Wenn Putin nicht daran glauben muss, dass das alles vollumfänglich umgesetzt wird, wird er wohl auch in die Ukraine einmarschieren. Weil er nicht damit rechnet, dass das auch kommt, was da noch oben drauf gesetzt wird.

          Die amerikanischen Medien reden mit Blick auf die Krim-Krise von einer besonderen Variante der Spieltheorie, dem Chickengame, bei dem die beiden Spieler frontal aufeinander zu rasen und signalisieren, das Äußerste in Kauf zu nehmen. Liegen die Dinge in der Ukraine am Ende nicht doch anders?
          Die Kuba-Krise war klar ein Chickengame. Das war damals spitz auf Knopf. Seinerzeit hatte Kennedy wirklich mit der letzten Konsequenz gedroht, die Sowjetunion hat dann klein bei gegeben. Kennedy hat damals überzeugend genug gedroht, dass es gewirkt hat. Das ist der Fall, dass es klappt, wenn man hoch und glaubwürdig genug droht, weil ein Krieg für beide Seiten zu teuer ist. Aber was eine eine militärische Auseinandersetzung angeht, hat Obama diese Möglichkeit  gestern ja strikt ausgeschlossen. Ich frage mich ob starke wirtschaftliche Sanktionen (Gas-Boykott) nicht auch für beide Seiten, wenn es dazu kommt, ein Disaster darstellen würden. Dann wäre es auch ein Chickengame. Das ist nicht unwahrscheinlich.

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