Knatternd frisst sich der Schraubendreher in das Stahlgetriebe. Im Bremerhavener Werk des Windradbauers Repower Systems hocken Männer in blauen Latzhosen auf meterhohen Antriebswellen und drehen Bolzen in Rotorlager. Gelbe Kräne - hoch wie die ägyptische Sphinx - rollen über Stahlträger und wuchten hydraulische Bremsbacken in Turbinengehäuse. Es riecht nach trockenem Staub. Norbert Giese muss beiseite treten, damit ein Gabelstapler ihm nicht über seine Stahlkappenschuhe fährt.
Giese leitet im Unternehmen das Geschäft mit Windrädern für die offene See. Gerade schrauben seine Arbeiter Dutzende Anlagen für einen Windpark vor der belgischen Küste zusammen. Wenn er durch die Sicherheitstür ins Freie blickt, verdunkelt sich allerdings seine Miene: Auf Betonflächen hinter der Halle ragen mehr als 20 fertige Turbinen in den Himmel - jede von ihnen so groß wie ein Einfamilienhaus. Eingepackt in weiße Plastiksäcke trotzen sie dem Küstenwind.
Fachleute ziehen die Ausbauziele in Zweifel
Eigentlich sollten sie längst vor Helgoland in der Brandung stehen. Doch die Stromtrasse von den Dünen zum geplanten Windpark ist noch nicht fertig. Der Bau verspätet sich um ein Jahr. Deshalb kriechen Arbeiter aller paar Wochen in die Gehäuse, bewegen die Generatoren und leiten Strom in die Kabel, damit die Elektronik nicht korrodiert. „Hier wird ein halbes Kraftwerk zwischengelagert“, sagt Giese. „Das ist ärgerlich und kostet viel Geld.“
Mehr als 2000 Windanlagen sollen sich bis zum Ende des Jahrzehnts in der deutschen Nord- und Ostsee drehen. So will es die Bundesregierung. Mit einer Kapazität von 10.000 Megawatt sollen die Windräder schon in acht Jahren fast 6 Prozent des deutschen Stromverbrauchs decken und so den Ausstieg aus der Kernenergie teilweise abfedern. Doch der Ausbau kommt nur schleppend voran. In Bremerhaven zeigt sich, welche Folgen das hat. Neben Repower hat sich dort ein ganzes Netzwerk aus Unternehmen der Windbranche angesiedelt. Die Betriebe am Standort fertigen Turbinen und Rotorblätter, Rohrtürme und Fundamente. Sie bringen Beschäftigung in eine von Arbeitslosigkeit gebeutelte Region. Und sie spüren nun, dass die Komplexität der Energiewende unterschätzt wurde.
Längst ziehen Fachleute die Ausbauziele in Zweifel. Nach einer Prognose des Bremerhavener Marktforschungsinstitutes Windresearch werden Stromkonzerne, Parkbetreiber und Bauunternehmen bis zum Jahr 2020 höchstens drei Viertel der angestrebten Leistung ins Meer stellen. Kommt es zu weiteren Verzögerungen, schaffen sie womöglich weniger als die Hälfte. „Das ursprüngliche Ziel verfehlen wir auf jeden Fall“, sagt der Geschäftsführer des Instituts, Dirk Briese.
Der verspätete Baubeginn kostet rund 100 Millionen Euro
Inzwischen schließen sich auch Vertreter der Stromkonzerne dieser Meinung an. 10.000 Megawatt Leistung seien in dem genannten Zeitraum nicht mehr zu erreichen, sagt der designierte Chef von RWE Innogy, Hans Bünting. Die Konsequenzen sind bitter. Erstens entstehen den beteiligten Unternehmen finanzielle Schäden. Und zweitens beginnen Investoren daran zu zweifeln, ob ihr Geld im deutschen Meer richtig angelegt ist.
Norbert Giese von Repower verfolgt das Geschehen an vorderster Front. Der salzige Wind pfeift um seinen Helm, als er nach den verhüllten Turbinen schaut. Sie gehören zu den leistungsstärksten Anlagen der Welt. Eine von ihnen kostet etwa 8 Millionen Euro. Solche Riesenräder auf Halde zu legen sei extrem aufwendig, sagt er. Zusammen sind sie fast 8000 Tonnen schwer. Die Lagerfläche musste für Schwerlasten gefestigt werden. Sonst hätte der Küstenboden nachgegeben.
Wie teuer die Lagerung wider Willen für Repower wird, sagt Giese nicht. Den Großteil des Gesamtschadens müsse wohl der Käufer schultern - der Energiekonzern RWE. Er braucht die Turbinen für seinen geplanten Windpark „Nordsee Ost“. Der verspätete Baubeginn kostet RWE nach eigener Aussage rund 100 Millionen Euro. Die Schuld gibt der Konzern dem Netzbetreiber Tennet. Die niederländische Gesellschaft muss die Windparks in der deutschen Nordsee anschließen. Doch ihr fehlt das Geld dazu. RWE prüft eine Klage, Tennet fordert Hilfe vom Staat.
„Aus dem Windgeschäft steigen wir auf keinen Fall wieder aus“
Wenige Kilometer nordwestlich des Werkes von Repower zeigt sich, wie das Geschehen auf Investoren wirkt. Dort peitscht die Strömung das Weserwasser gegen den Deich des Blexer Bogens. Holger Banik, Geschäftsführer der Hafengesellschaft Bremenports, schlägt den Kragen hoch. Er soll private Geldgeber finden, die dort ein Terminal bauen - extra für die „Offshore“-Branche. Früher hätte so etwas die Stadt gemacht, doch die hat kein Geld. 200 Millionen Euro soll die Anlage kosten. 10 Prozent Rendite seien drin, sagt er. Die fertigen Pläne liegen in der Schublade des zuständigen Senators. Wenn Banik über die Flussmündung blickt, sieht er den Terminal schon vor seinem geistigen Auge: mit Kränen und Kaimauern, die Bremerhaven zum Zentrum der europäischen Windkraftbranche machen sollen.
Aus dem Kreis der Interessenten hat sich eine Handvoll Bieter herauskristallisiert. Dazu gehört ein Konsortium um den Bremer Hafenbetreiber BLG Logistics und den Baukonzern Hochtief. Doch je näher der Abschluss rückt, desto vorsichtiger werden die Anwärter: das Verfahren stockt. Eigentlich sollten 2014 die ersten Türme und Rotoren umgeschlagen werden. Jetzt wird es erst ein Jahr später so weit sein. Die Bieter werben um Banken, sagt Banik. Doch die Institute seien skeptisch. Auch er fordert Staatshilfe: Ein Teil des 5-Milliarden-Euro-Programms der staatlichen Förderbank KfW müsse den Häfen zur Verfügung stehen. „Wenn wir den Terminal nicht bekommen, wenden sich die Unternehmen womöglich vom Standort ab“, sagt er.
Vorerst behelfen sich die Betriebe mit Übergangslösungen. Ein Nachbar von Repower Systems, die Weserwind GmbH, parkt ihre 900 Tonnen schweren Dreifüße für Windräder auf dem Autoterminal im Norden der Stadt. Detthold Aden, Chef von BLG Logistics, hat den Platz an das Unternehmen vermietet, nachdem wegen der schwachen Autokonjunktur 2009 seine Flächen leer standen. Inzwischen ist er auf den Geschmack gekommen: „Aus dem Windgeschäft steigen wir auf keinen Fall wieder aus.“ Für sein Unternehmen sieht er ein jährliches Umsatzpotential von 200 Millionen Euro - das wäre in etwa ein Fünftel des derzeitigen Gesamtumsatzes von BLG. Der Bauboom auf See werde kommen, sagt er. Auch wenn die Projekte sich verspäteten: „Es gibt keinen Weg zurück.“
Nicht durchdacht
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 07.04.2012, 16:57 Uhr
Ach so, das nennt man Energiewende, koste es was es wolle. Nun ja, wir
haben es ja
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 07.04.2012, 12:05 Uhr
Die Ingenieure haben ihren Job gemacht...,
Manfred Schwierz (Drehxbank)
- 07.04.2012, 11:26 Uhr
Da war er wieder der Papiertiger
Carsten Zimmermann (Maltegreif)
- 06.04.2012, 23:56 Uhr
Die Energiewende geht weiter
klaus keller (klkeller)
- 06.04.2012, 22:27 Uhr
