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Buchkette Thalia hat hoch gepokert - und verliert

Der Buchhändler Thalia schließt Laden um Laden. In der Not setzt die Kette auf ein erweitertes Sortiment: Kunst, Spielzeug, Multimedia. Der Erfolg bleibt bislang aus. Eigentümer Douglas kürzt rabiat.

© dpa Vergrößern Lange galt Thalia als Bedrohung für kleine Buchhandlungen. Jetzt ist die Kette selbst bedroht: 30 Filialen könnten schließen

Manche Geschichten lassen sich am besten anhand eines Ortes erzählen: Nehmen wir dafür das Baedekerhaus in Essen. Das Gebäude steht für bald 200 Jahre Buchhandel. Seit Gottschalk Dietrich Baedeker 1817 am Burgplatz mit seiner Druckerei und Buchhandlung startete, wurden hier immer Bücher verkauft.

Damit ist nun Schluss: Am Samstag konnten die Kunden zum letzten Mal stöbern - die Thalia-Buchhandlung bleibt fortan geschlossen. Wer sich künftig einmietet, ist nicht bekannt, ein neuer Buchhändler wird es kaum sein.

Historie zu beenden „schmerzt uns sehr“

Es war ein rascher Abgang, still und leise. Wer will schon große Aufmerksamkeit, wenn ein Traditionshaus fällt? Der Hagener Douglas-Konzern, zu dem die Thalia-Buchläden gehören, auf jeden Fall nicht. Eine 200jährige Historie zu beenden, „schmerzt uns sehr“, erklärt eine Sprecherin. Natürlich, denn wer das Baedekerhaus aufgibt, dem steht das Wasser bis zum Halse. So zumindest lautet das einhellige Urteil in der Branche.

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Thalia steckt in der Krise - das weiß man, seit Douglas-Chef Henning Kreke im Frühjahr seine Unzufriedenheit mit der Buchsparte bekundete und die Schließung von etwa 15 Häusern ankündigte sowie Verkleinerungen der Geschäfte, wo es nur geht. Das Problem: Thalia, noch vor zwei Jahren eine Vorzeige-Tochter des Konzerns, „auf die wir besonders stolz sind“, bricht der Umsatz weg und schreibt Verluste. Das ist unangenehm für Kreke, der seit Monaten Gespräche mit Investoren führt, die sich sehr für den Douglas-Konzern interessieren - aber nicht unbedingt für eine defizitäre Buchsparte. Kommenden Mittwoch steht, mal wieder, eine Aufsichtsratssitzung zu den Schicksalsfragen an. Endgültige Beschlüsse sind noch nicht zu erwarten.

Bis zu 30 Häuser könnten dichtmachen

Viel Zeit hat Thalia nicht, deshalb wird durchgegriffen, ohne Rücksicht auf die Tradition: Auch in Bonn verschwindet eine Institution, die Bouvier-Universitätsbuchhandlung aus dem Jahre 1828, noch gar nicht lange im Besitz des Douglas-Konzerns. Cottbus, Hattingen, Soest und Plauen wurden bereits geschlossen, es folgen demnächst Wuppertal, Bielefeld und Köln, Basel und Mannheim, vielleicht auch Mülheim. Und Branchen-Experten sind sich sicher: Es wird dabei nicht bleiben. Bis zu 30 Häuser könnten dichtmachen, wird kolportiert. Der Verlag selbst macht ein Geheimnis aus der Frage, wie viel Fläche übrigbleibt, die Neuausrichtung komme gut voran, heißt es nur.

Die Verlage jedenfalls sind beunruhigt. Um noch ein paar Euro in die Kasse zu bekommen, versucht Thalia verstärkt längst verstaubte Titel als Remittenten zurückzugeben. In dem Maße sei das „ein schlechtes Zeichen“, sagt ein Verleger. Nicht dass die Buchverlage Thalia sonderlich liebten, aber irgendwohin müssen sie ihre Ware liefern. „Und Thalia hat ja fast alle anderen weggebissen.“

In der Vergangenheit stets der Bösewicht, die Krake

In den vergangenen Jahren war Thalia aus Sicht der Kulturmenschen stets der Große, der Bösewicht, die Krake, die Verlagen Knebelverträge aufdrückte und reihenweise kleine Buchhändler in den Ruin trieb. So stieg die Kette zum größten Buchhändler Deutschlands auf, erhöhte die Zahl der Häuser von 80 im Jahr 2002 auf knapp 300 im Jahr 2010. Nicht mehr lange, dann wollte Thalia die Marke von einer Milliarde Euro Umsatz knacken.

Daraus wird wohl erst mal nichts. Schuld daran ist zum einen Amazon, denn plötzlich ordern viele (ein Viertel) ihre Bücher am Computer oder laden die Titel gleich als E-book herunter. Das Problem haben alle Buchhändler. Dass Thalia besonders leidet, hat hausgemachte Ursachen: Der zum Konzern gehörende Online-Händler Buch.de kann sich gegen Amazon nicht durchsetzen und die von Thalia-Chef Michael Busch gepriesene „realitätsorientierte Expansion“ war zuletzt völlig überzogen. Das rächt sich jetzt.

Schlechte Standortwahl des Dortmunder Vorzeigehauses

Ein typisches Beispiel: In Dortmund hat Thalia vor zwei Jahren ein Vorzeigegeschäft eröffnet, das sich jedoch ganz bald als „zu groß“ erwies, so die offizielle Lesart, Ende Januar ist dort Schluss. „Zu groß für Dortmund? Das ist lächerlich“, meint dagegen ein Mitarbeiter. Der Standort sei schlicht falsch gewählt - schräg gegenüber der Mayerschen Buchhandlung, ein etabliertes, riesiges Haus. „Thalia hat hoch gepokert und verloren.“

Die Thalia-Masche war immer die gleiche: Wollte die Konkurrenz vor Ort nicht weichen oder nicht verkaufen, übertrumpfte man sie in nächster Nähe mit einem Büchertempel, je größer, desto besser. Oft hat das funktioniert, irgendwann aber nicht mehr. So wie in Braunschweig. Da hat sich der alteingesessene Händler gegen Thalia behauptet. Eine Sensation, die Thalia-Chef Busch noch ein Jahr zuvor ausgeschlossen hatte: Das Geschäft aufgeben? „Das schließe ich definitiv aus.“ 2010 war trotzdem Schluss.

Bisher keine Besserung in Sicht

Zu dem Zeitpunkt ruderten die anderen Branchengrößen, Hugendubel und Mayersche, längst zurück. Thalia aber machte munter weiter mit den Neueröffnungen, unter anderem in Dortmund, in Bonn. Genau in den Städten wird nun geschlossen.

In der Not versucht Thalia alles Mögliche - bislang ohne Erfolg. Der nächstliegende Gedanke war, das Sortiment zu erweitern: Wenn der Kunde schon keine Bücher kauft, dann vielleicht Schlüsselanhänger, Tassen, Schokolade, Kochschürzen oder Fußball-Fanartikel. Kunstartikel sollen es richten oder Playmobil-Figuren, doch ist der erste Spielwaren-Artikler trotz „langfristiger Kooperation“ nach einem Jahr wieder weg, Toys’R’Us springt in die Bresche. Zudem sollten weitläufige „Multi-Channel-Läden“ mit Computerterminals und Hörduschen die Kunden anlocken, doch die nehmen das Angebot einfach nicht an.

Was also soll Thalia künftig sein? Multi-Media-Shop oder Krimskramsladen? Kreke stellt sich eine Art Edelboutique vor, klein, fein, mit hochpreisigen „haptischen“ Titeln. Im Baedekerhaus in Essen schüttelt man den Kopf. Ab Montag räumen die Mitarbeiter hier die Regale leer, ohne zu wissen, was aus ihnen wird. Ein sehr haptisches Erlebnis.

Quelle: F.A.S.

 
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