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Fliegenfischen Ködern als schöne Kunst betrachtet

 ·  Manche Liebhaberei entwickelt einen ganz besonderen Charme: Ohne dass man recht weiß, warum, umgibt sie ein Glanz, der sie zu adeln scheint. Zu diesen besonders edel wirkenden Nebensachen gehört das Fliegenfischen.

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© Pardey Vergrößern Täuschend echt: Naturnahe Imitation eines Beutetiers

Ein angelnder Gentleman, angetan mit Hut und Tweedjacket, steht in Watstiefeln in einem über steinerne Stufen sprudelnden Flüsschen, lässt die Angelschnur fliegen und zieht mit heftig durchgebogener Rute schließlich einen prächtigen Lachs aus dem Gewässer: Kaum ein Bild könnte besser zu unseren verkitschten Landhausstil-Phantasien passen. Und so herrscht die Auffassung vor, das elegante Angeln mit der Fliegenrute, regional aus gutem Grund immer noch Federangel genannt, stamme aus dem Großbritannien des 18. oder 19. Jahrhunderts.

Tatsächlich ist es viel älter. Bei Wolfram von Eschenbach schon kommt es vor. Und noch vor dem Hochmittelalter beschreibt der römische Sophist Aelian im dritten Jahrhundert an einer Stelle seiner siebzehn Bücher umfassenden Naturgeschichte der Tiere (Peri zoon idiotetos) eine mazedonische Art des Angelns, mit der ein Fisch von gefleckter Haut gefischt werde. Wer denkt da nicht gleich an Bachforellen?

Ein abendfüllendes Thema

Die Beschreibung der Methode ist mutatis mutandis immer noch aktuell: Um einen Angelhaken wird da laut Aelian rote Wolle gewickelt, mit der wachsfarbene Federn vom Kehllappen eines Hahns befestigt werden. Dieser Köder gaukelt dem gesprenkelten Fisch seine Leibspeise vor, eine Fliege, „von den Eingeborenen allgemein Hippouros genannt“. Diese wespenähnliche Fliege lasse sich auf dem Wasser nieder, der Fisch sehe sie, schieße gierig auf sie zu und beiße in den Haken. Warum haben die Mazedonier nicht die Fliege selbst als tierischen Köder verwendet? Auch das begründet Aelian: Sie verliere ihre natürliche Farbe, wenn man sie anfasse.

Werner Steinsdorfer, Theo Atanassov und Jörg Schuft würden die antike Fliege vielleicht als Trockenfliege einordnen oder von einem Parachuter reden: ein Köder, der lagerichtig wie ein fliegendes Insekt auf der Wasseroberfläche landet und von unten her von einem Raubfisch geschnappt wird. Die drei Männer sitzen im Foyer Ost der Messe Friedrichshafen während der „Aquafisch“, Süddeutschlands größter Anglermesse, und zeigen, umlagert von interessierten Zuschauern, wie es gemacht wird, das Fliegenbinden. Vorwiegend darum soll es hier gehen, nicht um das richtige, trickreiche Werfen von Schnur und Köder, nicht ums Angeln an Bach, Fluss und Küste zur rechten Zeit und auch nicht um die Fische, die man mit Fliegen angeln kann, nämlich beinahe so gut wie alle Arten. Das Binden der Köder allein ist ein mehr als abendfüllendes Thema.

Wie eine zum Schlüpfen aufsteigende Nymphe

Fliege, das ist ein gröblich verallgemeinernder Oberbegriff: Es kann das sein ein Köder, der den Anblick eines bestimmten Beutetiers täuschend ähnlich nachahmt. Oder aber der Köder setzt durch Bewegung und/oder seine Färbung und die Reflektion des Lichts einen Schlüsselreiz, der den Fisch zuschnappen lässt. Fliegen sind also keineswegs alles Fliegen, ja nicht einmal nur Insekten. Es gibt mindestens vier größere Kategorien von Fliegen, die jeweils noch etliche Untergruppen umfassen. Und jede der vier Arten von Ködern ist für eine spezielle Art des Fischens Voraussetzung.

Da wären zunächst die Nassfliegen, die wie die allermeisten Fliegen vom bloßen Gewicht der Schnur und nicht von einer besonderen Beschwerung beim Wurf dorthin getragen werden, wo der Angler seinen Köder anbieten will. Die Nassfliege gilt als Urform dieser Köderart und schwimmt nicht, sondern treibt unter der Wasseroberfläche. Dabei kann sie wie ein totes Insekt oder eine zum Schlüpfen aufsteigende Nymphe aussehen.

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