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Video von Naturschützer : „So sieht es aus, wenn ein Eisbär verhungert“

  • Aktualisiert am

Bild: Screenshot / Instagram / Paul Nicklen

Ein Video des preisgekrönten Naturfotografen Paul Nicklen geht viral: Zu sehen sind laut dem Biologen die letzten Stunden im Leben eines Eisbären. Damit will er „die Mauern der Apathie“ im Hinblick auf den Klimawandel einreißen.

          Der amerikanische Late-Night-Moderator John Oliver versucht schon seit einer Weile, Donald Trump mit Hilfe von Werbespots auf dessen Lieblingssendern etwas beizubringen – von dort bezieht der Präsident bekanntlich einen Großteil seiner Informationen. Als Oliver sich vor drei Wochen in die Winterpause verabschiedete, kündigte er wieder an, auf „Fox News“ den ganzen Winter lang verschiedene Spots zeigen zu lassen, in denen der „Katheter-Cowboy“ zum Beispiel erklärt, dass man Kohle nicht mit Hilfe eines Schwammes zu einem sauberen Rohstoff machen könne, dass man während einer Sonnenfinsternis besser nicht in die Sonne schaut, und dass die Navy SEALs nicht wirklich Seals, also Seelöwen, seien. („Ich weiß mein Freund, ich war auch enttäuscht.“)

          Die Spots sind sehr lustig, vielleicht hätte Oliver die Werbeplätze aber lieber für ein anderes Video buchen sollen, in dem tatsächlich ein Tier zu sehen ist – und in dem Trump etwas über die Folgen des Klimawandels hätte lernen können, den er mal als Erfindung der Chinesen bezeichnet hat. Der preisgekrönte Fotograf und Biologe Paul Nicklen hat auf seinem Instagram-Account vor wenigen Tagen eine Aufnahme hochgeladen, die mittlerweile mehr als eine Million mal aufgerufen worden ist. Zu sehen ist laut Nicklen ein in der Arktis verhungernder Eisbär, der sich auf der Suche nach Nahrung in die Nähe einer Inuit-Siedlung geschleppt hat. Schnee ist weit und breit nicht zu sehen, das völlig abgemagerte Tier taumelt durch die karge Landschaft, wühlt in einer Mülltonne nach Essen, kaut auf einem Stück Müll herum und sinkt schließlich entkräftet zu Boden. „Der Eisbär war nicht alt, aber er ist in den nächsten Stunden oder Tagen mit Sicherheit gestorben“, schrieb der Kanadier dazu. „So sieht es aus, wenn man verhungert. Es ist ein langsamer und schmerzvoller Tod.“

          Das Video wurde laut dem Gründer der Umweltschutzorganisation „Sea Legacy“ im Spätsommer im kanadischen Teil der Arktis auf der Baffininsel aufgenommen. Sein gesamtes Team habe während der Aufnahmen mit den Tränen gekämpft, ihre Aufgabe sei es aber nun mal, sowohl die wunderschönen Seiten der Natur als auch die „herzzerbrechenden“ zu zeigen, „wenn wir die Mauern der Apathie niederreißen wollen“. Nicklen, der dreimal den „World Press Photo Award“ für Naturfotografie gewonnen hat, schreibt weiter, man könne das Problem auch nicht lösen, indem man einzelne Eisbären füttere. „Wenn die Erde sich weiter erwärmt, werden wir Bären und ganze polare Ökosysteme verlieren. Und wenn Wissenschaftler sagen, dass Eisbären in den nächsten 100 Jahren aussterben werden, denke ich an die weltweite Population von 25.000 Bären, die auf diese Weise sterben.“

          Tatsächlich schwindet das arktische Packeis und mit ihm die Überlebensaussichten für die neunzehn Eisbärpopulationen in der Arktis, die Eisschollen zum Jagen brauchen, in rasantem Tempo. Ende September 2016 registrierte das amerikanische „National Snow and Ice Data Center“ mit seinen Satellitenmessinstrumenten eine Ausdehnung der sommerlichen Meereisfläche von nur noch 4,14 Millionen Quadratkilometer. Das war, gleichauf mit dem Jahr 2007, der zweitniedrigste je gemessene Wert. Und die Eisschmelze hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur beschleunigt, sie beginnt auch noch in den meisten Bärenhabitaten früher im Frühling und endet später im Herbst.

          Aus dem jährlichen Bericht der amerikanischen Klimabehörde NOAA ging Anfang dieses Jahres dann hervor, dass 2016 das wärmste Jahr seit Messbeginn vor 137 Jahren war, es den schnellsten Zuwachs an Treibhausgasen gab, der Meeresspiegel im Durchschnitt einen neuen Höchststand erreichte, die Oberflächentemperatur der Ozeane die höchste je gemessene und die jährliche maximale Ausdehnung des arktischen Meereises im März die kleinste seit Beginn der Satellitenmessungen vor 37 Jahren war. Trump interessierte das wenig, er kündigte wenig später den Ausstieg aus dem Klimaabkommen von Paris an.

          Ist also schon alles zu spät für die Eisbären? Nein, sagt Paul Nicklen. „Er gibt Lösungen. Wir müssen unseren CO-2-Fußabdruck verringern, die richtige Nahrung zu uns nehmen, aufhören, unsere Wälder niederzureißen, und anfangen, die Erde – unsere Heimat – an erste Stelle zu setzen.“ Diesen Seitenhieb würde dann bestimmt auch Donald „America first“ Trump verstehen – wäre das Video denn je auf „Fox News“ zu sehen.

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