Home
http://www.faz.net/-gum-6ybx1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Straßenmusikant Bachblüten

 ·  Ein Mann spielt Geige in der U-Bahn-Station. Seit 35 Jahren, denn er kann nicht anders. Die Welt um ihn herum aber hat sich verändert.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (5)
© Hannes Jung Helmuts Bühne ist die B-Ebene der U-Bahn-Station Hauptwache, immer steht er vor der gleichen Säule.

Um sechs steht Helmut auf. Er schüttelt die Arme und Beine, dann streckt er sich auf einer weichen Matte aus. Helmut zieht die Knie auf den Bauch, den Kopf auf die Brust, lässt wieder locker, denkt dabei an nichts. Seit einiger Zeit nenne man das wohl Yoga, meint Helmut. Egal, er nennt es schon immer Strecken.

Später zieht Helmut sich an, ein weißes Hemd, darüber die Silberkette mit dem Amethyst, die er immer trägt, darüber eine Jeansjacke. In einen Rucksack packt er Haarbürste, Schuhe, Wasserflasche und Camel-Zigaretten. Nun noch die Geige, dann los. Halb zehn ist es, wenn Helmut seine kleine Wohnung verlässt, um die Stadt zu verzaubern. Er macht alles noch genau wie früher. Doch die Stadt hat sich verändert.

Fünfunddreißig Jahre ist es her, dass Helmut zum ersten Mal in der U-Bahn-Station Hauptwache in Frankfurt geigte. Sein halbes Leben. Seitdem kommt er fast jeden Tag. Sein langer brauner Bart ist über die Jahre weiß geworden, sein Haar licht. Manchmal schmerzen Helmut Entzündungen in den Handgelenken, die hatte er früher nicht. Und wenn im Winter der Wind eiskalt durch die Stadt fegt, hat Helmut wochenlang Schnupfen und leichtes Fieber. Er ist hier alt geworden.

Helmuts Bühne ist die B-Ebene. Immer stellt er sich an die gleiche blau gekachelte Säule, direkt neben den Mülleimer aus Metall. Von da aus kann er alles gut sehen, die Rolltreppe hinunter zur U-Bahn, die Treppe hinauf in die Stadt. Über Helmut liegt die größte Einkaufsstraße von Frankfurt, unter ihm donnern die Züge. Ihm gefällt es dazwischen. Helmut liebt Orte wie diesen, an denen alle unterwegs sind, nicht ganz oben, nicht ganz unten. So wie er selbst.

Er steht da immer morgens, ungefähr zwischen zehn und zwölf. Vorher haben es die Berufstätigen eilig, zur Arbeit zu kommen. Da hört niemand einem Geiger zu. Nachmittags eilen sie mit großen Schritten in die Geschäfte, dann nach Hause. Abends hat Helmut es vor ein paar Jahren auch einmal versucht. Doch da kamen Jugendliche, Bierflaschen in der Hand, und pöbelten ihn an. Helmut pöbelte nicht zurück. Er geht ihnen seitdem einfach aus dem Weg.

Früher war das nicht nötig. Als Helmut 1977 nach Frankfurt kam, freute die Stadt sich über ihn. Sie war dreckiger und hässlicher als heute, in der U-Bahn-Station schliefen die Penner. Da stank es nach Urin und kaltem Zigarettenrauch. Vielleicht brauchte die Stadt gerade deshalb die Musik. Ein paar Meter neben den Dealern, die in der B-Ebene Mandraxtabletten verkauften, spielte Helmut Bachs d-Moll-Chaconne, sein Lieblingsstück bis heute.

Helmut spielte mit dem leichtesten Bogen, den er kriegen konnte. „Der schenkt dir nix“, dachte er, „da hörst du jede Nachlässigkeit.“ Es sollte aber keine Nachlässigkeiten geben. Helmut übte jedes Stück für die U-Bahn-Station, bis er es auswendig konnte. Die Jugendlichen saßen dann im Halbkreis auf dem schmutzigen Steinboden und lauschten. Anzugträger standen da, langhaarige Hippies, Hausfrauen mit Dauerwelle. Es gab eine Zeit, da nannten manche die B-Ebene Bach-Ebene. „Das war die Zeit, in der noch niemand iPods und Kopfhörer hatte“, sagt Helmut.

Er kniet sich auf den Boden, um die Geige aus dem Kasten zu nehmen. Eine glänzende Euro-Münze fällt vor seine Füße, ein Mann hat sie da hingeworfen, obwohl Helmut noch keinen Ton gespielt hat. Als wäre er irgendein Bettler. Als verdiente er nicht mit dem Geigespielen sein Geld. Zwanzig, dreißig, manchmal vierzig Euro am Tag. Dazu die kleine Rente, wie ein Gruß aus einem früheren Leben. Helmuts Leben als Oberstudienrat. Es ist seit fünfunddreißig Jahren vorbei.

Helmut war Lehrer für Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Nürnberg. Da hatte er auch noch eine hübsche Frau und genug Geld. Doch dann verlor Helmut die Kontrolle über das Leben, das er führen wollte. Oder das Leben, das ihn führen wollte, verlor die Kontrolle über Helmut. Die Frau lief ihm davon, und er machte Schulden. Die Psychotherapie, mehrere Jahre lang, half Helmut nicht. In dieser Not rettete ihn die Musik.

Schon als kleiner Junge war sie zu ihm gekommen. Fahrende Zigeuner hielten in dem Dorf nicht weit von München, in dem er mit seinen Eltern lebte. Helmut wollte sie Geige spielen hören, sie verlangten Geld dafür. „Ich zahl doch auch nix, wenn die Sonne aufgeht“, sagte Helmut. Da ließen sie ihn zuhören. Bei Mutter und Vater erbettelte er eine kleine Geige, Unterrichtsstunden dazu. Nach einiger Zeit fragte er den Lehrer, wann er einmal Jazz spielen dürfe. So wie Helmut Zacharias, der berühmte Zaubergeiger. „Über Scheißdreck reden wir nicht“, antwortete der Lehrer, der wenige Jahre zuvor noch ein stolzer Nazi gewesen war. „Dem gehört aufs Grab geschissen“, sagt Helmut heute. Denn im Jazz erkannte er sich ja selbst, seinen Eigensinn, seinen Freiheitsdrang, sein Glück.

An die Musik dachte Helmut wieder öfter, als ihm sonst kaum etwas geblieben war, nicht das Geld, nicht die Frau und nicht die Zuversicht. Er nahm die Geige und stieg in seinen Kleinbus, er drehte die Songs der Rolling Stones auf, die er so mochte, und begann den Ort zu suchen, der für ihn der richtige ist. Bis heute hat er ihn nicht wirklich gefunden. Helmut spielte in München, da wurde er sofort vertrieben. Er versuchte es in Hamburg, da zeigten ihm die Polizisten auf der Wache die Gitarren und Geigen, die sie schon einkassiert hatten. Berlin war ihm zu laut, er hörte die Welt vor lauter Autos nicht mehr. Frankfurt fanden Helmuts Freunde schlimm, zu kaputt, zu fertig. Doch er fuhr hin und blieb. Denn das Glatte und Geordnete war ihm ja sowieso zuwider.

Nur die Musik soll perfekt sein in seinem Leben. Deswegen zieht er, bevor er einen Ton spielt in der U-Bahn-Station, seine besonderen Schuhe an. Es sind feine aus schwarzem Leder, und er kauft immer wieder die gleichen, sobald ein Paar ausgetreten ist. Schuhe für Tänzer. Helmut tanzt beim Spielen, kleine Schrittchen, ein leichtes Wiegen. Nie will er schwerer sein als achtundsechzig Kilo, sonst fühlt er sich zu dick. Trinkt er abends zwei kleine Bier, isst er kein Abendbrot. Und er benotet sein Spiel. „Eine Zwei plus kann ich mit viel Üben schaffen“, sagt Helmut. „Aber bei einer Eins hat der Herrgott seine Finger im Spiel.“

Früher interessierte es die Passanten, ob Helmut gut spielte oder nur mittel. Manchmal legte jemand nicht nur eine Münze in den Geigenkasten, sondern auch einen Gruß: winzige Buchstaben auf der Rückseite einer Visitenkarte, lange Gedichte auf buntem Karton, Bleistiftskizzen von Helmut mit der Geige. „Ich hatte den Tag heute schon aufgegeben“, schrieb ein Fremder mit Kugelschreiber auf Notizblockpapier, „in dieser unwirtlichen Atmosphäre konnten Sie mich für ein paar Minuten in eine andere Welt entführen.“

Heute bleiben viele stehen, obwohl sie gar nicht zuhören wollen. Sie wollen nur reden. Dann erzählen sie von Fernsehgeigern, David Garret, André Rieu. Wenn Helmut das nicht mehr erträgt und zu spielen beginnt, reden sie weiter davon, wie wichtig Musik sei. Und reden den Bach kaputt. Einmal, Ende der Achtziger war das, sprach eine feine Dame Helmut an, begeistert von seinem Können. Sie lud ihn in ihre Villa ein. Es war die Ehefrau von Hilmar Kopper.

Irene Kopper servierte Helmut Kaffee. Jedes Jahr schrieb sie ihm eine Postkarte aus Bayreuth: die Festspiele, so schön. Als ihr Mann, der Chef der Deutschen Bank, 1995 seinen sechzigsten Geburtstag in einem noblen Hotel im Taunus feierte, buchte sie Helmut für die Musik. An diesem Tag wartete eine dunkelblaue Limousine vor seiner kleinen Wohnung. Am Steuer saß Hilmar Koppers Chauffeur.

Heute ist Irene Kopper eine alte Frau. Es geht ihr nicht gut. Ruft man sie in ihrem Haus in Kronberg an, zittert eine kleine Stimme durchs Telefon. Doch fragt man nach Helmut, dem einfachen Straßengeiger, ruft sie mit aller Kraft, die ihr geblieben ist: „Das war kein einfacher Mann!“ Seine Musik, so schön. „Die Geburtstagsgäste reden noch heute von seinem Auftritt“, flüstert sie. Auch ihr Sohn, ein Geschichtsprofessor, erinnert sich. „So ein kluger, gebildeter Mann“, sagt er, „wie geht es ihm?“ Seine Mutter hat Helmut schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen, an der U-Bahn-Station ist sie nicht mehr. Da sind jetzt andere.

Wenn Helmut die Stadt zu laut wird, fährt er mit der U-Bahn bis in den Taunus. Dann steigt er auf den Altkönig, 798 Meter hoch. Da hängen im Winter manchmal Tausende kleiner Eiszapfen an den Ästen der Bäume. Und wenn die Morgensonne die Luft zu wärmen beginnt, fallen sie auf den gefrorenen Boden. Helmut liebt ihr helles Ping, schön wie Musik. Und er liebt den Gipfel des Altkönig, nicht Himmel, aber auch nicht mehr Erde, Frankfurt in der Ferne so klein, Bankentürme wie Streichhölzer. Ein Dazwischen. Manchmal sieht Helmut dort oben sogar auf die Wolken herab. Das sind die besten Tage.

So oft er genug Geld gespart hat, fliegt Helmut. Vor allem seit 1989. Da drehten Fernsehleute einen Vierzehn-Minuten-Film über ihn, „Vivace“, und gewannen den Hessischen Filmpreis. Wolfgang Gerhardt gratulierte Helmut, überreichte ihm zehntausend Mark. Es war das erste Mal, dass nicht nur die Filmemacher ein Preisgeld bekamen, sondern auch der, den sie zeigten. Mit dem Geld reiste Helmut nach London, er spielte Bach unter der Waterloo Bridge. Seitdem ist er jedes Jahr in der Stadt, für ein paar Tage oder eine Woche. Mit einer Freundin zusammen gibt er Konzerte im Foyer des National Theatre, das nächste noch in diesem Monat. Darauf ist er stolz: nicht die ganz große Bühne, aber ein gutes Haus. Kein Ruhm, aber Respekt.

Jetzt steht er in der U-Bahn-Station Hauptwache, die Geige in der Hand, den hingeworfenen Euro schon im aufgeklappten Kasten. Gleich wird er den Bogen auf die Saiten setzen, so wie immer. Er wird Bach spielen, Mozart, Beethoven, auswendig wie immer. Egal, dass es früher vielleicht schöner war. Die Beatles, sagt Helmut, sangen Yesterday und versanken im Weltschmerz. Die Stones sangen: Yesterday don’t matter if it’s gone.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel