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Digitaler Exhibitionismus : Selfies als pädokriminelle Handelsware

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Verbal fällt man über andere her. Man rottet sich zusammen, um anderen weh zu tun. Wo Worte nicht reichen, werden die Fotos und Filme genutzt, mit denen Menschen sich präsentieren. Entweder macht man sich nur über sie lustig, oder aber es wird gedroht und erpresst, indem man sie verbreitet – oder gar verändert. Die digitale Existenz des anderen in meiner Photoshop-Software vermittelt das Gefühl einer scheinbar unendlichen Macht, die vergessen lässt, dass an den anderen Bildschirmen Menschen sitzen. Aber wir sollten nicht nur auf die Amandas schauen, sondern auch auf die Täter. Sie machen sich eines neuen Typs von Missbrauch schuldig. Wir müssen endlich verstehen, wie sehr die digitalen Medien und das Internet die Tat des sexuellen Missbrauchs selbst verändern. Pädokriminelle Täter und Täterinnen haben sich das Netz sofort zunutze gemacht. Es vergrößert ihre „Spielwiesen“ exponentiell. Nie konnte ein Fremder so schnell so nah und so ungestört an seine Opfer herankommen. Sexueller Missbrauch gilt von jeher als eine Nahfeld-Tat. Dieses Nahfeld ist durch das Netz ungeheuer erweitert worden.

Die Polizei-Operationen der letzten Dekade hießen „Landslide“, „Marcy“, „Mikado“, „Flo“, „Himmel“ oder „Spade“, und sie richteten sich gegen die Täter alten Typs. Mal war das FBI federführend, mal Europol, mal auch das deutsche BKA. Jeder dieser Schläge gegen den organisierten Handel mit Kinderpornographie wurde mit Superlativen beschrieben, kurz in der Presse gefeiert – und schnell wieder vergessen. Die wahren Superlative, nämlich die rasante Vermehrung solcher Abbildungen findet dagegen selten Beachtung. Bei „Landslide“ sprach man pauschal von „fünftausend Websites“, ohne zu benennen, wie viele Filme oder Fotos, die sexuellen Missbrauch zeigen, darin enthalten seien. „Operation Marcy“ stellte „alleine in Deutschland 745 Computer, mindestens 35500 CDs, 8300 Disketten sowie 5800 Videos“ sicher. Bei „Operation Spade“, in deren Verlauf Sebastian Edathy als Kunde entdeckt wurde, spricht man von mehr als 45 Terabyte sichergestelltem Material – das entspricht der Menge von rund 30000 Kinofilmen.

Leugnen gehört zur Realität des Missbrauchs

Die australischen Strafverfolger beschreiben Konsumenten von Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs so: Sie „leben in aller Regel in Beziehungen, haben Arbeit, verfügen über einen leicht überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten, eine Universitätsausbildung und sind nicht vorbestraft“.

Der digital vervielfältigte und vermarktete Missbrauch hat ein reales Gegenstück. Im Jahr 2012 wurden 12.623 Fälle sexuellen Missbrauchs zur Anzeige gebracht. Hinter dieser Zahl verbergen sich 14.865 missbrauchte Mädchen und Jungen. Das bedeutet, dass etwa alle 40 Minuten in Deutschland ein Kind missbraucht wird. Und das sind nur die polizeilich bekannten Fälle. Laut einer Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens wird aber nur jeder fünfte Missbrauch angezeigt. Wie viele Missbrauchshandlungen mögen sich dann tatsächlich zutragen?

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