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„Cry Baby“ am Deutschen Theater : Zwanglos drauflos

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Die Klingen kreuzen: Bernd Moss und Sophie Rois in René Polleschs „Cry Baby“ Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Souverän als Autor und als Regisseur: Es scheint, als habe René Pollesch mit seinem fröhlich-klugen Diskurstheater beste Chancen, auch am Deutschen Theater zum Publikumsliebling zu werden.

          Schlafes Bruder ist der Tod, aber so ernst wird René Pollesch in seinem neuen Stück „Cry Baby“ nicht: Der Schlaf ist hier als konsequente Verweigerung von Aktivitätsdrang und Verpflichtungen aller Art einfach eine sehr angenehme Existenzweise. Wer schläft, sündigt nicht und kann dabei trotzdem unzensiert seinen Wünschen folgen. Zu solchen Phasen beherzt unökonomischer Weltabgewandtheit zählt Pollesch außerdem den Tagtraum oder das Schlafwandeln, weshalb immer wieder auf Heinrich von Kleists Schauspiel „Prinz Friedrich von Homburg“ verwiesen wird. Besagter Prinz wand sich nachts im Garten bekanntlich einst einen Lorbeerkranz, um sich so selbst für ersehnten künftigen Ruhm auszuzeichnen. Mit einem Foto der lorbeerbekränzten Schauspielerin Sophie Rois warb das Deutsche Theater Berlin denn auch für diese Premiere, mit der man in die aktuelle Saison startete.

          Pollesch und Rois, die jahrelang höchst erfolgreich zusammen an der Berliner Volksbühne gearbeitet haben, sind nun nach dem Ende der Ära Castorf ans Deutsche Theater gewechselt.

          Die Neugier auf die beiden war dort enorm. Der Schlussapplaus der mit knapp siebzig Minuten nicht gerade langen Aufführung fiel überwältigend aus. Es scheint, als habe Pollesch mit seinem fröhlich-klugen Diskurstheater – und dem bei Max Ophüls entlehnten Motto „Zwanglos drauflosdenken“ – beste Chancen, hier ebenfalls zum Publikumsliebling zu werden. Für sein spektakuläres Debüt am neuen Haus hat die Bühnenbildnerin Barbara Steiner den Saal mit Proszeniumslogen auf die Bühne hinauf verlängert.

          Da markiert ein überhoher, zart bemalter Vorhang ein Boudoir und bedeckt vor einem nicht vorhandenen Fenster teilweise ein prächtiges blassgelbes Doppelbett. In diesem Refugium wird diskutiert und gestritten und der Gegensatz von Kunst und Leben nonchalant zelebriert. Alle tragen feine, von Tabea Braun ausgewählte Pyjamas oder Morgenmäntel, einzig Sophie Rois ein bodenlanges, weites Gewand. Adäquat hochdramatisch bis divenhaft ist bei allen zur Schau getragenen Erschöpfungszuständen der Hauptcharakterzug der von Sophie Rois gespielten Figur, obwohl sie mit den Worten „Oh mein Gott! Ich bin so müde“ den Abend eröffnet und entschlossen ihr Bett ansteuert. Sie wird dann Ingeborg Bachmann und Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ zitieren und als dessen Gattenmörderin Klytämnestra im historisch-pathetisch korrekten Burgtheaterstil die „Rs“ rrrrollen und die Augen ebenso. Lustvoll lästig gestaltet Bernd Moss einen renitenten Zuschauer, der laut aus seiner Loge meckert, wenn ihm etwas nicht gefällt („Ich glaube, Sie können sich nicht ausdrücken“), und der sich später als Jesuitenpater mit der fulminanten Sophie Rois – nun als ketzerischen Libertin – ein ziemlich komisches, bisweilen hübsch tänzerisches Fechtduell liefert.

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          Judith Hofmann und Christine Groß als Nachtschattengewächse sorgen trotz behauptetem Ennui für zusätzliche Dialogblüten etwa über Mieten, Märkte und Moden. Christine Groß hat zudem die Leitung des aus zwölf jungen Frauen bestehenden Chores inne, der in bunten Pyjamas und mit Gewehren mal als kleistsches Erschießungskommando einmarschiert, mal als kompakte schläfrige Masse auf dem Bett herumlungert. Es ist dies der elastisch-geschmeidige Nachwuchs, der sich eigene Gedanken macht und als „durchorganisiertes Team“ begreift: „Genies sind immer auf der Meta-Ebene.“ Die Personenzuschreibungen sind fließend, ein Handlungsbogen ist nur entfernt zu erkennen, dazu sind Flamenco-Rhythmen oder Evergreens à la „Crying“ von Roy Orbison zu hören.

          Als Autor hat Pollesch alle Ideen, Phantasien und Querverweise, als Regisseur alle szenischen Kunstmittel souverän in der Hand. Zwischen Tradition und Vision, zwischen emotionalen Wahrheiten und intellektuellen Volten entwickelt er mit dem hervorragenden Ensemble seine schöne, überzeugend verdichtete Inszenierung. Und der Chor, der die älteren Protagonisten zwischendurch hämisch auslacht, schluchzt schließlich, alleingelassen und wie die Hühner auf der Stange an der Rampe aufgereiht. So ist das eben: Das Theater geht weiter, als es das Leben erlaubt.

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