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Philosophie und Karneval Das Dasein nachtet fast

In Komödien tritt der Philosoph meist als Narr auf – oder umgekehrt. Wie humorfähig die Philosophie ist, zeigt auch das Beispiel Martin Heideggers und seines karnevalistischen Bruders Fritz.

© Familienbesitz Familie Heidegger, Repro: Verlag C. H. Beck Vergrößern Martin und Fritz Heidegger im Jahre 1961

Fritz Heidegger hatte seinem weltbekannten älteren Bruder mindestens eines voraus: „im Charakterfach Humor“ war er ihm, wie er selbst sagte, „haushoch überlegen“. Und das machte ihn in Meßkirch und Umgebung schon lange vor Martin berühmt - nachzulesen in Hans Dieter-Zimmermanns Studie „Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht“. Was der Herr Professor so trieb, konnten die Einheimischen ohnehin nicht nachvollziehen: „Was ist denn das, ein Philosoph? Ah ich weiß, einer der viel sooft“, mutmaßte ein Meßkirchner. Dabei war eher Fritz Heidegger der Trinkfreudige. Intellektuell konnte  er es mit seinem Bruder durchaus aufnehmen, ein Sprachfehler aber verwehrte ihm die angestrebte Karriere als Geistlicher, er wurde Bankangestellter, doch die Predigt zur Fastnacht ließ er sich nicht nehmen. Warum sein Stottern dabei aufhörte, bleibt nicht weniger rätselhaft als manche seiner Sätze.

Es ist dieses schwierige Verhältnis zum Sprechen, das ihm die Sprache als eine fremde Macht begegnen ließ und ihn zu einem ähnlichen Umgang mit ihr zwang wie seinen Bruder: Die Ermächtigung Martin Heideggers, Worte und Sätze zu zerpflücken, diente dazu, die Sprache selbst sprechen zu lassen. Für Fritz dagegen zerfielen die Worte von sich aus in ihre Lautbestandteile. Und um eine komische Wirkung zu erzielen, musste er nur die Fremdheit der Sprache, wie sie ihm ohnehin vertraut war, zur Darstellung bringen. Opfer seiner Fastnachtsreden wurde auch die hochgeschätzte Philosophie seines Bruders, die er - wo das „Ding dingt“ und die „Stille stillt“ - nur zu referieren brauchte. Wollte dieser, wie er in den „Beiträgen zur Philosophie“ schreibt, im „Sagen“ das „Hörenkönnen mitentspringen lassen“, so erreichte er damit leider oft das Gegenteil. Es zeigt sich hier, wie brüchig die Grenze zwischen Ernst und Komik ist und dass beide Phänomene oft aus dem selben Prinzip hervorgehen: Dem Ungenügen an der Sprache.

Gegenentwurf zur Definition

Martin Heideggers eigenwillige Sprachkreationen sind wohl das beste Beispiel für die unfreiwillige Komik ernster Theorie. „Nichts komischer als eine Theorie der Komik“ - Robert Gernhardt setzte in „Was gibt’s denn da zu lachen“ freilich hinzu: „wer zu diesen Worten auch nur andeutungsweise mit dem Kopf genickt hat, ist bereits gerichtet.“ Denn selbst eine schlechte Büttenrede ist noch unterhaltsamer als die Theorie. Warum auch sollte der Theoretiker den Komiker auf dessen Fachgebiet übertreffen wollen? Dass der Karneval Jahr für Jahr das Land spaltet, zeigt jedoch, dass sich über Humor durchaus streiten lässt – und dazu muss man wohl oder übel theoretisieren. Aber wie?

Auch in der Komiktheorie ist Humorlosigkeit das erste Gebot, über alles Weitere wird man sich kaum einigen können. Davon abgesehen ist der misslungene Bestimmungsversuch selbst ein verlässliches Prinzip der Komik – man denke nur an Karl Valentin, etwa in dem Film „Die verkaufte Braut“: „Wenn einer a Geld hat und is kein Artist, des is gerade so als wie, als irgendwas anderes“. Hier sind wir wieder bei Heidegger, dessen Philosophie, da ist er sich mit seinem gehässigen Gegenspieler Adorno einig, gerade ein Gegenentwurf zum Prinzip der Definition ist, mit der man ja ohnehin nie fertig wird.

Schaut in den Abgrund!

Doch auch in ihrer Ernsthaftigkeit stehen Fritz Heideggers „Fasnetsreden“ der Philosophie seines Bruders nahe - und entstammen zugleich einer anderen Welt. Der Narr war schließlich schon Jahrhunderte zuvor, anders als im bildungsbürgerlichen Karneval des 19. Jahrhunderts, vor allem für das „memento mori“ zuständig. Ein „Häuflein Dreck“ nannte er die Versammelten in seiner Rede von 1934 in unzeitgemäß barocker Rhetorik. Das wahre Sein sei nicht zum Tode, sondern beginne erst mit ihm. Da mag manchem Zuhörer das Schmalzgebäck im Halse stecken geblieben sein. Fritz opponierte damit nicht nur gegen die Sprache in ihrer Gewöhnlichkeit, was Martin das „Gerede“ nannte, sondern auch gegen die uneigentliche Lebensform, in der sie verankert war. So meint er 1937: „Fastnacht halten, heißt ja nichts anderes, als sich auf den Kopf stellen, damit die trübe Wasserbrühe Eurer Voreingenommenheit besser auslaufen kann.“ Was würde Fritz Heidegger wohl zum Narrentreiben unserer Zeit sagen? Vermutlich, was er ohnehin während der übrigen Jahreszeiten gerne behauptete: „Die Scheiß-Fasnet kotzt mi a!“

Immerhin: Unser öffentlich-rechtlicher Karneval trägt, seiner nivellierenden Wirkung zum Trotz, noch etwas von dem in sich, was Joachim Ritter im Jahre 1940 diagnostizierte: Dass in der Komik das Ausgegrenzte, das Nichtige, eine geheime Zugehörigkeit mit der ausgrenzenden Ordnung bewahrt: „Wolle mer se reilasse?“ - schallt es aus der Mehrzweckhalle.

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Zum diesjährigen Narrentreiben liefert Heino den Soundtrack. In Zeiten, in denen nahezu alles ironisch gebrochen ist - nur der Politikerrede wollen wir es noch nicht zugestehen, wie das Beispiel Peer Steinbrücks zeigt - darf man sich auch wieder unbeschwert dem Karneval hingeben. Was der Ironie als Vehikel indirekter Kommunikation dabei verlorengeht, ist freilich das Sokratisch-Subversive der Fastnachtsreden Fritz Heideggers: Da gibt es keine Inszenierung des Allzualltäglichen, vielmehr, so verkündete er in der Rede von 1937, „ruft euch der Humor geradezu auf: Gründet die montane Industrie der psychologischen Tiefenschau. Schaut in den Abgrund…“ Das Komische appelliert hier an einen Ernst des Lebens, der im Gewöhnlichen zu verschwinden droht, oder, wie eine Heidegger-Schülerin ihren Professor einmal parodierte: „Das Dasein nachtet fast.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.02.2013, 09:02 Uhr