Borchardt über Rilke : Ein Liebling des Publikums

Der bislang ungedruckte Nachruf von Rudolf Borchardt auf Rainer Maria Rilke ist ein Fragment. Die lange Reihe scharfer Urteile Borchardts über seinen Kollegen lässt ahnen, warum der Text unvollendet blieb.
An einem Abend des Frühjahrs 1903, so erzählt Heinrich Vogeler in seinen „Erinnerungen“, habe ihn Rudolf Borchardt in die Florentiner Pensione Benoit am Lungarno Serristori geführt, „zu einem seiner Freunde, der ein auf dem flachen Dach eines alten Palastes aufgebautes Zimmer bewohnte. Von dem Zimmer aus trat man gleich ins Freie. Unten blinkten die Lichter von Florenz. Wir wurden wie alte Bekannte empfangen. Keiner nannte seinen Namen. Seltsam versonnen wirkte die Persönlichkeit dieses neuen Menschen auf mich. Ich glaubte einen Mönch vor mir zu haben, der seine Hände meist hoch vor den Körper erhob, als wolle er immer ein Gebet beginnen. Dazu kam der weiche, wollige junge Bart, wie ihn Klosterbrüder haben, deren Kinn und Backen nie das Rasiermesser fühlen. Auf dem Rückwege fragte ich meinen Begleiter: ‚Bei wem sind wir eigentlich gewesen?‘ ‚Den müssen Sie doch kennen. Das ist der Dichter Rainer Maria Rilke‘, war die Antwort.“


