https://www.faz.net/-gwz-aam7j

Virus-Variante B.1.1.7 : Tödlich, tödlicher, doch nicht am tödlichsten?

Sars-CoV-2-Viren haften auf der Oberfläche von Zellen. Bild: AFP

Ist die Coronavirus-Variante B.1.1.7 nicht so gefährlich wie gedacht? Das sollen zwei britische Studien belegen. Tun sie aber nicht. Als Zeugnis für „Übertreibungen“ taugen sie kaum, wie die genaue Lektüre zeigt.

          5 Min.

          Müssen sich die Corona-Forscher korrigieren? Ihre Warnsirenen drosseln? Die britische Variante B.1.1.7, so ist plötzlich überall zu lesen, sei anders als behauptet doch nicht tödlicher als das ursprüngliche Virus. Virologen, Epidemiologen, ja auch die Bundeskanzlerin mit ihrer Rede von „einer neuen Pandemie“, werden in sozialen Netzwerken attackiert. Und mit was? Mit zwei vergleichsweise speziellen, kleinen und schwer verallgemeinerbaren Realwelt-Studien britischer Forscher. Eine Revolution? Wissenschaftlich wohl eher nicht, und das lässt sich in den Studien selbst schön zeigen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Kurz ein Blick zurück: Britische Virologen und Epidemiologen waren sich nach dem Auftauchen der Coronavirus-Variante B.1.1.7 Ende vergangenen Jahres und nach Analyse der Ausbreitungsdaten in Südengland und London schnell einig, dass es sich bei dem Virusstamm mit seinen mehr als einem Dutzend unterschiedlicher Mutationen im Erbgut um einen besonderen Erreger handelt. Entstanden war diese Variante mutmaßlich im September. Rasch verdrängte sie die ursprüngliche „Wildtype“-Virusvariante. Epidemiologisch deutete bald alles darauf hin, dass sich B.1.1.7 schneller vermehrt, zumindest aber viel leichter übertragen lässt. Ein evolutionärer Vorteil für das Virus, das für das Infektionsgeschehen wichtig ist, weil es die Pandemie beschleunigt. Grundsätzlich neu war das nicht.

          Auch eine andere Variante, D614G, war schon mit einer höheren Übertragbarkeit aufgefallen. Allerdings ließ die Vielzahl, in kurzer Zeit etablierter Mutationen erahnen, dass B.1.1.7 noch ansteckender sein könnte und sich auch rasch gegen die bis dahin kursierenden Ursprungsviren durchsetzen würde. Ende Januar kamen dann die ersten Berichte heraus über den britischen Gesundheitsdienst und die „Nervtag“-Gruppe der Regierung in London, die zeigen, dass es mit der Ausbreitung in Südengland auch zu vermehrten Krankenhauseinweisungen und schwereren Verläufen insbesondere bei jüngeren Menschen gekommen war. In den Folgewochen kümmerten sich mehrere hochkarätige Forschergruppen darum, im Labor ebenso wie in den Kliniken, Kommunen und mit Hilfe epidemiologischer Modelle zu klären, ob die Mutationen das B.1.1.7-Virus wirklich kränker macht und besonders tödlich ist. Hunderttausende Covid-19-Patienten wurden einbezogen. Zuletzt, als sich die Variante in Europa rasend schnell ausbreitete und bald auch in Deutschland dominierte, gab es kaum noch Zweifel: Letalität und das Risiko schwerer Covid-Erkrankungen gelten als deutlich erhöht – verglichen mit dem „alten“ Virustyp um gut 60 Prozent höher.

          Eine Studie, zwei völlig verschiedene Interpretation

          Diese Aussage sei nun infrage gestellt, hieß es gestern – in einigen Quellen durchaus nicht ohne einen Anflug von Genugtuung, dass die Wissenschaftler sich wieder getäuscht hätten. Nicholas Davies allerdings, ein B.1.1.7-Spezialist der London School of Hygiene & Tropical Medicine, rückte die Zahlen schnell zu Recht. Er hatte zusammen mit Kollegen vor drei Wochen eine Veröffentlichung zur erhöhten Sterblichkeit nach B.1.1.7-Infektionen in „Nature“ veröffentlicht. „Komplett in Übereinstimmung mit dem, was bisher gemessen wurde“, kommentierte Davies das Ergebnis der in „Lancet Infectious Diseases“ veröffentlichten klinischen Genomstudie, die an diesem Dienstag veröffentlicht wurde. Komplett anders allerdings auch, als die neue Untersuchung von Dan Frampton vom University College London in der Öffentlichkeit interpretiert wird. Wie das möglich ist?

          Weil ganz offensichtlich schnell überzogene Schlüsse gezogen wurden. Ort der Untersuchung waren zwei Kliniken im Nordosten Londons. Von den Patienten, die dort wegen einer Covid-Erkrankung zwischen dem 9. November und 20. Dezember – vor dem britischen Impfstart – vorstellig oder eingewiesen wurden, hat man Proben genommen und 341 für detaillierte Genomsequenzierungen einbezogen. Fast zweihundert von ihnen hatten sich, wie sich herausstellte, mit B.1.1.7 angesteckt, der Rest noch mit der „alten“ Variante. Bei den Patienten wurde nachgesehen, wie es ihnen im Verlauf der Erkrankung geht. Spätestens zwei Wochen nach dem PCR-Test oder den ersten Symptomen war der Covid-19-Schweregrad ermittelt worden, nach 28 Tagen wurde klinisch Bilanz gezogen. Fazit: Wir erkennen keinen Zusammenhang zwischen B.1.1.7 und der Schwere der Erkrankung.“ 16 Prozent der B.1.1.7-Patienten starben im Verlauf der 28 Tage, aber auch 17 Prozent bei den anderen Covid-19-Patienten.

          Weitere Themen

          Gelungene Mars-Landung Video-Seite öffnen

          Chinesischer Rover : Gelungene Mars-Landung

          Der chinesische Rover „Zhurong“ ist Staatsmedien zufolge erfolgreich auf dem Mars gelandet. Ziel der Mission ist es, Daten zu Wasservorkommen im Untergrund zu sammeln und nach Hinweisen auf Leben zu fahnden.

          Topmeldungen

          Laschet bei seiner Rede zum virtuellen politischen Aschermittwoch der CSU im Februar

          Armin Laschet : Kanzlerkandidat mit Imageproblem

          CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet kämpft um seine Wirkung in der Öffentlichkeit. Die besondere Herausforderung dabei: sein unterlegener Konkurrent Markus Söder.
          Talkrunde bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

          Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.
          Udo Lindenberg während seiner Tournee 2019 in Hamburg

          Panikrocker wird 75 : „Udo Lindenberg ist wie eine Kunstfigur“

          Wer ist der Mann, der die Bühnen seit Jahrzehnten prägt und die deutsche Sprache in der Popmusik salonfähig gemacht hat? Udo Lindenberg im Gespräch über Alkoholabstürze, einsame Corona-Stunden im Hotel Atlantic und die Aktion #allesdichtmachen.
          Coronavirus-Test in Niedersachsen

          Corona in Deutschland : RKI registriert 5412 Neuinfektionen

          Das Infektionsgeschehen in Deutschland flaut weiter ab. Wegen des Feiertags vergangene Woche müssen die Werte aber mit Vorsicht interpretiert werden. In einigen Bundesländern endet die Priorisierung beim Impfen in Arztpraxen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.