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Hauseinbrüche : Schütze sich, wer kann

Alle Fenster zu und die Haustür abgesperrt? Allein mit solchen einfachen Mitteln verhindert man Wohnungseinbrüche. Bild: dpa

Der Staat versagt bei der Bekämpfung von Wohnungseinbrüchen. Die Polizei ist überfordert, die Aufklärungsstatistik dementsprechend traurig zu lesen – goldene Zeiten für osteuropäische Räuberbanden.

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          Der vergangene Freitag war ein guter Tag für Nordhausen. Die Polizei hat die Täter einer Serie von 36 Wohnungseinbrüchen ermittelt, wie die Landespolizeiinspektion sicherlich nicht ganz ohne Stolz bekanntgab. Vier Verdächtige im Alter zwischen 21 und 33 Jahren hat sie gefasst. Die Truppe trieb schon seit über einem Jahr ihr Unwesen, hebelte Balkontüren und Fenster auf, klaute Bargeld, Schmuck, Laptops und Handys.

          Diese Nachricht, verbreitet von der Deutschen Presse-Agentur, blieb leider weitgehend unbeachtet, dabei enthielt sie eine kleine Sensation: „Die Polizei fand die Gegenstände und gab sie den rechtmäßigen Eigentümern zurück“, hieß es in der Meldung.

          Das mag wie eine Petitesse klingen, tatsächlich ist es aber ein Grund zum Jubeln. Denn der Polizeialltag sieht anders aus. Mehr als 152.000 Wohnungseinbrüche hat die Kriminalstatistik für das vergangene Jahr ermittelt, das ist der höchste Stand seit 16 Jahren. Für die Betroffenen ist das Eindringen in das Privateste ein großer Schock, der lange anhält. Auch die Polizei kann wenig tun: Die Beamten kommen in vielen Fällen lediglich zum „Beileidsbesuch“, wie die Stippvisite nach dem Einbruch intern nur hilflos-sarkastisch genannt wird.

          Staat subventioniert Sicherheit

          Die Aufklärungsquote ist mit rund 15 Prozent beschämend gering, noch kleiner ist der Prozentsatz der Täter, die überhaupt verurteilt werden. Bei anderen Vergehen kann die Polizei mindestens die Hälfte aufklären, bei Mord und Totschlag sind es sogar 95 Prozent der Fälle.

          Immer professioneller gehen international agierende Banden vor, so dass die Strafverfolgungsbehörden gar nicht mehr nachkommen. Das Problem ist so erdrückend geworden, dass nun auch die Bundesregierung gehandelt hat. Das klingt erst einmal gut – wenn man sich von der törichten Idee verabschiedet, sie könnte zum Schutz ihrer Bürger mehr Beamte auf die Straße schicken. Weit gefehlt. Tatsächlich hat sie sich für die kostensparendere Variante entschieden: Sie stellt Geld zur Verfügung, damit die Bürger aufrüsten, jedes Jahr zehn Millionen Euro.

          Damit sollen all jene gefördert werden, die ihre Wohnung mit einem besseren Einbruchsschutz ausstatten: Riegel und Gitter vor Fenster und Türen, Alarmanlagen, Bewegungsmelder. Wer vernünftig vorsorgen will, muss mit Ausgaben in vier-, wenn nicht gar fünfstelliger Höhe rechnen. Da kann es nicht schaden, wenn der Staat ein wenig unter die Arme greift. Ab Herbst kann auf Antrag die staatseigene KfW-Bank 20 Prozent der Gesamtkosten übernehmen, maximal 1500Euro.

          Den Einstieg schwerer machen

          In Wahrheit ist dies jedoch das Eingeständnis des Scheiterns auf ganzer Linie. Es bedeutet nichts weniger, als dass der Staat das Problem nicht in den Griff bekommt. Schon vor langer Zeit haben die Innenminister osteuropäische Verbrecherbanden als Problem identifiziert, haben emsig eine bessere Zusammenarbeit und einen intensiveren Informationsaustausch besprochen. Bewirkt hat das bisher offensichtlich wenig.

          Das Eingeständnis des Scheiterns trifft allerdings auch die Bürger selbst. Schon seit Jahren mahnt die Polizei gebetsmühlenartig einen besseren Einbruchsschutz an. Nichts sei so effektiv, wie den Einbrechern den Einstieg so schwer wie möglich zu machen. Ein Dieb, der länger als geplant braucht, um das Fenster aufzuhebeln, lässt lieber ab (und versucht es beim Nachbarn).

          Wie man das Desaster verhindert

          Doch noch immer vergessen die Menschen morgens ihre gekippten Fenster, wenn sie sich auf den Weg zur Arbeit machen, lassen die Balkontür sperrangelweit offen stehen und sparen sich sogar die Rollos. Die Polizei dringt oft erst dann mit ihren Warnungen durch, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Wer schon einmal in seiner durchwühlten Wohnung gestanden hat, geht entsetzt in die Beratungsstelle der Polizei – und hört dort, wie er das Desaster hätte verhindern können.

          Dazu sind Investitionen nötig, keine Frage. Es ist mühselig und teuer, sich für Fenster und Türen den notwendigen Schutz zu besorgen, daran wird auch die Staatsknete nichts ändern. Leider aber ist es auch unverzichtbar. Die eigenen vier Wände zu schützen sollte allerdings schon Anreiz genug für diese Mühe sein. Nordhausen ist nicht überall.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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