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Wirtschaftspolitik : Mut zur Zerstörung

Autozulieferer, die sich auf Benzin- und Dieselmotoren spezialisiert haben, werden in ihrer jetzigen Form bald nicht mehr gebraucht. Bild: dpa

Der Staat braucht in dieser Krise Mut, schöpferische Zerstörung zuzulassen. So tragisch das auch für jeden einzelnen Betroffenen ist.

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          Der italienische Philosoph Antonio Gramsci hat Krisen als „Interregnum“ bezeichnet – als eine Zwischenherrschaft also, in der alte Gewissheiten stürben, das Neue aber noch nicht geboren werden könne. Gramsci, der die Kommunistische Partei in Italien gegründet hat und 1937 gestorben ist, hat ganz sicher nicht an Corona, Konjunkturprogramme und Kreditschirme gedacht, als er diese Gedanken formulierte. Dennoch beschreiben seine Sätze sehr passend die epochalen Herausforderungen dieser Wirtschaftskrise.

          Es sterben seit Ausbruch der Krise Gewissheiten und ganze Geschäftsmodelle. Wer kann schon halbwegs verlässlich vorhersagen, ob die Menschen jemals wieder zu so vielen, weiten Reisen aufbrechen werden wie vor Corona? Es ist unklar, ob der Warenhandel in einer zunehmend protektionistischen Welt alte Höhen erklimmen wird. Schon mit größerer Gewissheit lässt sich sagen: Autozulieferer, die sich auf Benzin- und Dieselmotoren spezialisiert haben, werden in ihrer jetzigen Form bald nicht mehr gebraucht. Das Neue ist noch nicht geboren – aber es gibt erste Ultraschallbilder, um im Bild des italienischen Denkers zu bleiben.

          Die Politik täte gut daran, sich als Geburtshelferin zu betätigen und nicht weiter alten Gewissheiten hinterherzurennen. Die staatlichen Kredite für Unternehmen, von denen niemand so genau weiß, ob sie künftig noch gebraucht und lebensfähig sein werden, erklimmen täglich neue Höchststände. Die Regierung verhandelt mit etlichen Unternehmen über große Stützungsmaßnahmen und sogar über Beteiligungen wie im Fall der Lufthansa. Wie jetzt kolportiert wird, sollen auch Autozulieferer Interesse an staatlicher Rettung haben.

          Sollte die Politik sie mit hohen Millionensummen künstlich am Leben halten, würde das die ganze Widersprüchlichkeit der Rettungspolitik verdeutlichen: Da soll die Autoindustrie mit Hilfe hoher Kaufprämien einerseits ganz auf Elektro getrimmt werden – und andererseits darf kein Zulieferer aus der alten Motorenwelt auf der Strecke bleiben? Man kann den Strukturwandel nicht wollen und zugleich ausbremsen. Der Staat braucht in dieser Krise Mut, schöpferische Zerstörung zuzulassen, so tragisch das auch für jeden einzelnen Betroffenen ist. Nur dann kann das Neue besser werden als das Alte.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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