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Lastwagenfahrer-Wettbewerb : Fernfahrer wird der Bub aber nicht

Der erste Teil des Wettbewerbs: „Sparfahrt“. Den ruhigsten Gasfuß hatte der Franzose Lacombe , der später Dritter wurde
          3 Min.

          Nimmt man die vom schwedischen Lastwagenhersteller Scania initiierte und organisierte Veranstaltung für sich, kann es um den Lastwagenfahrer nicht so schlecht bestellt sein. Seit 2003 messen junge europäische Fahrer ihr Können (Altersgrenze 35 Jahre), die Europäische Kommission und die International Road Union (IRU) sind von Anfang an als ideelle Träger mit dabei. Mehr als 17.000 Fahrer haben sich 2012 um eine Teilnahme beworben, wobei hierfür beileibe nicht nur ein Mausklick genügte, es musste ein umfangreicher Fragebogen ausgefüllt und qualifiziert bearbeitet werden.

          Boris Schmidt
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Nach etlichen nationalen Vorentscheidungen traten letztendlich am ersten September-Wochenende 24 Trucker aus 24 europäischen Ländern gegeneinander an. In Södertälje, dem Stammsitz der Schweden, mussten sie beweisen, wie gut sie mit einem Lastwagen umgehen können. In der Vorrunde ging es aber auch um theoretisches Wissen, um Themen wie Ladungssicherheit, um spritsparendes Fahren. Dafür wurde echt gepackt und echt gefahren, nicht nur Wissen abgefragt. Und bei einem gestellten Unfall-Szenario musten die Teilnehmer zeigen, ob und wie schnell sie ein Feuer löschen können und ob die Grundhandgriffe der Ersten Hilfe noch sitzen.

          „Combo“, „Knock the King“ und „Super-Z“

          Gewinnen konnte in Schweden aber nur, wer ein Meister in Sachen Manövrieren ist. Wer jemals selbst gefahren ist, weiß, dass das Rückwärtsfahren mit Hänger die hohe Schule der Kunst ist. „Combo“, „Knock the King“ und „Super-Z“ hießen die Übungen, die zunächst die 18 (Viertel-)Finalisten, dann die sechs Halbfinalisten und schließlich die drei Finalteilnehmer zu bewältigen hatten.

          Eng war es immer, und wie gut alle Trucker ihr Handwerk und damit ihr „Auto“ kennen, zeigte sich stets, wenn mit einer der vier Ecken eines 16-Meter-Sattelzugs eine rund 1,20 Meter hohe Figur umgeworfen werden musste, ohne dass dabei zwei weitere, die direkt danebenstanden, mit umfielen. Äußerste Genauigkeit war gefragt, auch wenn das Ziel mehr als 16 Meter weit weg und nur klein in einem der Außenspiegel zu sehen ist. Es fiel fast immer nur der eine Kegel, der fallen sollte, alle Achtung!

          Verdienter Sieger wurde schließlich der Ire Gabriel Warde, der sich gegen die Konkurrenz aus Russland und Frankreich durchsetzte. Lohn der Mühen: eine nagelneue Scania-Sattelzugmaschine im Wert von 100.000 Euro. Warde, ein 34 Jahre alter Vater von vier Kindern, konnte sein Glück kaum fassen.

          Das geht schief: Fallen dürfen hätte nur der rote Kegel in der Mitte. Thomas Fensel scheitert im Halbfinale an dem Russen Dmitrey Semenov
          Das geht schief: Fallen dürfen hätte nur der rote Kegel in der Mitte. Thomas Fensel scheitert im Halbfinale an dem Russen Dmitrey Semenov : Bild: Boris Schmidt

          Der 24 Jahre Pfälzer Thomas Fensel schied im Halbfinale aus. Für ihn war schon die Reise nach Schweden ein Riesenerfolg, musste er sich doch über eine der vier deutschen Vorrunden (je 20 Fahrer) und das deutsche Finale in Koblenz (12 Fahrer) für Södertälje qualifizieren. Allein in Deutschland hatten 1500 junge Trucker den Fragebogen ausgefüllt. Wobei der Wettbewerb - und darauf legt Scania größten Wert - offen für alle ist. Er richtet sich nicht nur an Scania-Fahrer, dennoch waren 40 Prozent der Bewerber Scania-Piloten. Scania hat in Deutschland bei den schweren Lastwagen aber nur einen Marktanteil von rund neun Prozent.

          Für Scania in Södertälje ist das YETD-Finale der Höhepunkt des Jahres, das riesige Werk mit 8000 Beschäftigten hat Tag der offenen Tür, und jedes Mal kommen weit mehr als 10000 Menschen.

          Natürlich will Scania mit dem Wettbewerb für sich werben, und man nimmt auch sehr viel Geld in die Hand - schließlich finden unter Scania-Regie entsprechende Wettbewerbe ebenfalls in Asien und Südamerika statt, so dass 70000 Fahrer weltweit erreicht werden, aber nicht nur Martin Lundstedt, frischgebackener Vorstandsvorsitzender (seit 1.September) betont immer wieder, dass es darum gehe, dem Berufsstand als Ganzes mehr Attraktivität zu verschaffen.

          Fans fast wie beim Fußball: Der inoffizielle Titel für den besten und lautesten Unterstützer ging aber nicht an die Norweger, sondern an die Franzosen
          Fans fast wie beim Fußball: Der inoffizielle Titel für den besten und lautesten Unterstützer ging aber nicht an die Norweger, sondern an die Franzosen : Bild: Boris Schmidt

          Das ist auch bitter nötig. Unterhält man sich mit den Teilnehmern, hört man immer wieder das Gleiche: Man selbst habe ja einen ganz guten Job, aber generell sei die Lage sehr schlecht. Händeringend würden Fahrer gesucht, doch zu den Bedingungen, wie sie oft vorzufinden sind, will das keiner machen. Und die Zahl der jungen Fahrer nimmt in Deutschland immer mehr ab, nur noch 17 Prozent sind jünger als 35, was auch damit zu tun hat, dass es kaum noch junge Männer gibt, die bei der Bundeswehr so nebenher den Lkw-Schein „geschenkt“ bekommen.

          In zehn Jahren fehlen in Deutschland 150.000 Fahrer, klagte die Dekra diese Woche auf der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover. Und das Berufsbild des Fahrers ist arg ramponiert, wenn nicht gar ganz zerstört. Der junge Mensch von heute ist durch das Internet bestens informiert. Jeder weiß doch, was ihn heute erwartet, und das wollen nur die wenigsten mit sich machen lassen. Und interessiert sich doch einmal ein junger Mann auf einer Berufsbörse für Haupt- und Realschüler für eine konkrete Lehrstelle in einer mittelständischen Spedition, zerrt ihn die Mutter mit der Bemerkung weg: „Fernfahrer wird der Bub nicht.“

          Das Problem geht selbstverständlich alle an, nicht nur Scania. Den Schweden, die seit geraumer Zeit zum VW-Konzern gehören, gebührt aber ein großes Lob für ihr Engagement in der Sache. VW hat gut eingekauft, schließlich hat Scania eine Umsatzrendite von rund 14 Prozent. Das schafft im Konzern sonst nur Porsche.

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