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Handball-EM : Der nächste deutsche Krimi

  • -Aktualisiert am

Beide Mannschaften schenkten sich aber auch gar nichts. Bild: AFP

Auch dieses Spiel ist nichts für schwache Nerven. Wieder geht es hoch her bei der Handball-EM. Die Deutschen kämpfen, doch es reicht nur zum nächsten Remis. Nun stecken sie in einer schwierigen Lage.

          Mancher der Deutschen mochte gar nichts mehr sagen am Mittwochabend, und die meisten derjenigen, die sich äußerten, flüchteten sich in Durchhalteparolen. „Irgendwann musst du gewinnen“, sagte Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), „wir sind zum Siegen verdammt.“ Tatsächlich steckt die deutsche Handball-Nationalmannschaft in einer schwierigen Lage bei der Europameisterschaft in Kroatien.

          Handball-EM 2018
          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der Ertrag aus der Vorrunde in Zagreb, mit dem sie in die an diesem Freitag beginnende Hauptrunde in Varazdin zieht, ist deutlich geringer als erhofft. Das 25:25 am Mittwoch gegen Mazedonien dämpfte die Hoffnungen auf den Einzug in das Halbfinale erheblich. Um sie überhaupt aufrechtzuerhalten, braucht das Team von Bundestrainer Christian Prokop eine Erfolgsserie in Varazdin. Dort geht es zunächst am Freitag (18.15 Uhr) gegen die Tschechen. Am Sonntag (18.15 Uhr) folgt das Duell mit Dänemark, zum Abschluss am Mittwoch (20.30 Uhr) treffen die Deutschen auf Spanien (Alle Spiele gibt es im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM). Mazedonien geht als einziges Team mit drei Punkten in die Hauptrunde, Slowenien hat nur einen Punkt. Die drei deutschen Gegner haben, genau wie die DHB-Auswahl, zwei Punkte. Die ersten beiden Teams der Hauptrunde ziehen ins Halbfinale ein, der Dritte kommt ins Spiel um Platz fünf.

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          „Wir dürfen uns keinen Ausrutscher mehr erlauben“, sagte Kreisläufer Patrick Wiencek. Allerdings gab es zuletzt kaum Signale dafür, die auf einen großen Durchbruch des Teams deuten würden. Die Deutschen hatten sich vorgenommen, im Handumdrehen ihren Lehren aus dem teilweise miserablen Auftritt gegen Slowenien zu ziehen und die nächste Aufgabe mit deutlich mehr Engagement anzugehen – was aber nur bedingt umgesetzt werden konnte, auch wenn Prokop sich mit der kämpferischen Leistung zufrieden zeigte. Gegen einen Gegner, dem Prokop bescheinigte, Handball mit „ganz viel Herzblut“ zu betreiben. Und mit einem sehr erfolgreichen Trainer: Der Mann heißt Raul Gonzales, er ist Spanier, und er wurde mit Vardar Skopje Champions-League-Sieger. So etwas macht sich bezahlt: Gonzales wechselt demnächst nach Frankreich, zu Paris Saint-Germain, er wird dort unter anderen Uwe Gensheimer unter seinen Fittichen haben.

          Vermutlich wäre der erfahrene Spanier als Nationalcoach nicht auf die Idee gekommen, sein Team einer Säule zu berauben – wie es Prokop jüngst in Sachen Lemke getan hatte. Prokop hatte sich damit reichlich Unmut zugezogen, auch den von Michael Roth, Handballlehrer bei der MT Melsungen, wo Lemke unter Vertrag steht. Roth hatte Lemke nun dabei unterstützt, auf die Schnelle von Fuerteventura über Wien nach Zagreb zu reisen, nachdem ihn der Ruf des Bundestrainers doch noch ereilt hatte. „Das war eine unnötige Aktion“, sagte Roth, „der Stress wäre nicht nötig gewesen.“

          Der Boss der Abwehr ist also wieder da, allerdings musste sich Lemke am Mittwoch erst mal mit der Beobachterrolle begnügen. Wenige Minuten jedoch nur, dann nahm der Melsunger seinen Platz im Zentrum der Deckung ein. Die Deutschen lagen zu diesem Zeitpunkt in Rückstand, da die Mazedonier, angeführt von Routinier Kiril Lazarov, etliche Lücken in der deutschen Verteidigung gefunden und auch genutzt hatten. Mal kamen sie über den bulligen Mann am Kreis zum Zuge, mal mit spielerischer Raffinesse. Die Deutschen, die in den ersten zehn Minuten nur zwei Treffer erzielten, konnten von Glück sprechen, dass Torhüter Andreas Wolff auf der Höhe war.

          Der Kieler glänzte mit einigen Paraden und hielt sein Team damit im Spiel, in dem die Deutschen – trotz der guten Vorsätze – nicht wirklich schwungvoll agierten. So lag zwischendurch eine Differenz von drei Toren zwischen ihnen und den Mazedoniern. Das ließ sich wegstecken, auch dank Wolff. Und mit der Hilfe von Lemke, der tatsächlich Leben in die Bude brachte, der sich den Mazedoniern beherzt entgegenstemmte mit all seiner Erfahrung. Mit ihm, das war nach einem holprigen Start klar zu erkennen, bekamen die Deutschen mehr Halt und Sicherheit. „Er hat direkt Akzente gesetzt“, sagte der Kieler Wiencek über seinen neuen alten Partner.

          Die Deutschen entfachten keinen Handball-Sturm mit dem Nachrücker Lemke, aber sie entwickelten am Dienstag, Schritt für Schritt, zumindest ein bisschen mehr Druck. Nach 18 Minuten schaffte Kapitän Gensheimer mit einem Siebenmeter das 7:7, danach erarbeitete sich das Team von Prokop einen Vorsprung, der zwar nicht komfortabel war, aber nach den ersten 30 Minuten noch Bestand hatte. Das war wenigstens ein Fortschritt gegenüber dem Duell mit Slowenien. Viele zündende Ideen hatten die Deutschen aber auch diesmal nicht, sie wirkten, etwa im Angriff, immer noch zu unentschlossen und zu unpräzise. Ihnen fehlte eine ordnende Hand. Hanning klagte über Zaghaftigkeit im Rückraum, links und in der Mitte. „Wir hatten zu wenig Durchschlagskraft. Das war ein wesentliches Manko.“ Steffen Weinhold, auf der rechten Seite postiert, warf immerhin acht Tore.

          Mazedonien blieb in jedem Fall eine Gefahr, es holte auf, es überholte die Deutschen wieder – mit Recken wie Lazarov oder Ace Jonovski, die schon 37 Jahre alt sind. Und Deutschland musste wieder bangen, musste versuchen, sich zurückzukämpfen. Ein zähes Ringen um jedes Tor. Und eine aufreibende Schlussphase. Torhüter Silvio Heinevetter vollbrachte eine Großtat beim Stand von 25:25, als er einen Wurf des frei vor ihm auftauchenden Stojanche Stoilov abwehrte. Die allerletzte Attacke blieb dann den Deutschen vorbehalten. Sie wurde von Mazedonien auf Kosten eines Freiwurfs gebremst, aber Steffen Fäth konnte die „Mauer“ Mazedoniens nicht überwinden. Wieder ein Hindernis, das sich als zu groß erwies für die deutschen Handballspieler.

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