Ski-Weltverband : Wie die „neue FIS“ mit dem Eliasch-Erbe kämpft

Der Weltskiverband steht vor einem finanziellen Scherbenhaufen. Die neue Führung unter Alexander Ospelt versucht, verspielten Kredit wiederzuerlangen, und setzt auf bessere Kommunikation und mehr Events.
„Das Geld ist ja nicht weg“, bemüht Jörg Flechtner ein geflügeltes Wort aus der Finanzbranche: „Es gehört nur einem anderen.“ Manchmal hilft Galgenhumor, um eine prekäre Situation darzustellen. Und „die finanzielle Situation der FIS ist mehr als prekär“, so Flechtner, Präsident des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), in einer Medienrunde über die wirtschaftliche Lage der „Fédération Internationale de Ski“ (FIS).
Beim Weltskiverband schrumpfte das Eigenkapital auf den Schweizer Konten schneller als das Gletschereis in den Alpen. Konkret verkleinerte sich das FIS-Vermögen zwischen 2021 und 2025 um etwa 80 Millionen auf 43 Millionen Schweizer Franken. Ohne geeignete Gegenmaßnahmen wären die Reserven bei gleichbleibendem Wirtschaften spätestens in der Saison 2028/29 aufgebraucht, so die alarmierende Prognose.
Die neue Verbandsführung um den Liechtensteiner Rechtsanwalt Alexander Ospelt steht somit auf finanziell sehr dünnem Eis – und macht den bisherigen FIS-Präsidenten Johan Eliasch für das beachtliche Defizit verantwortlich. Der Geldabfluss beruhte offenbar auf einer fatalen Mischung aus strategischen Fehlern und in Rechtsstreitigkeiten versenktem Kapital. Der britisch-schwedische Geschäftsmann Eliasch hatte im Juni 2021 die Führung der FIS übernommen und mit großen Worten angeführt. Sein großes Ziel, den Skisport weltweit zu positionieren, hat er dabei drastisch verfehlt.
Riss zwischen großen und kleinen Verbänden
Seit Juni 2026 ist nun Ospelt der oberste Chef der Skifahrer. Der Anwalt aus dem kleinen Fürstentum mit der großen Finanztradition kam nach einer Kampfabstimmung beim FIS-Kongress in Belgrad an das Amt. Der 58-Jährige setzte sich denkbar knapp mit 65:64 Stimmen gegen den sechs Jahre älteren Eliasch durch.

Seitdem versucht er, den Scherbenhaufen zusammenzufegen – was ihn noch eine Weile beschäftigen wird. Denn neben den Finanzen näherte sich auch die Stimmung im Verband einem Tiefpunkt. Nicht nur DSV-Chef Flechtner hat einen „großen Riss“ zwischen den großen Skinationen und den kleineren ausgemacht.
Eliasch stützte sich vorwiegend auf kleinere Nationalverbände, denen er Aufmerksamkeit und finanzielle Vorteile versprach. Ospelt hingegen wurde von den traditionellen Wintersportnationen wie dem DSV getragen, die sich schon lange an Eliaschs autokratischem Stil gerieben hatten.
Auch die Skistars wehrten sich
„Kommunikation“ und „Vertrauen“ heißen nun die Zauberworte des Neuanfangs. Ospelt will versuchen, möglichst alle Stimmen zu hören, wie er bei einem Pressegespräch in Sölden mehrfach versicherte.

Ihm zur Seite steht Urs Lehmann, dessen Funktionärskarriere zuletzt einigen Kapriolen unterworfen war. Zunächst war der langjährige Präsident des Schweizer Skiverbands als Gegenspieler Eliaschs aufgetreten. 2021 hatte er sich ebenfalls um das FIS-Präsidentenamt beworben, unterlag aber. Dann avancierte er 2025 überraschend zum FIS-Geschäftsführer. Doch schon ein Dreivierteljahr später trat er nach Differenzen mit Eliasch wieder zurück.
Ospelt reaktivierte den 57-Jährigen für sein Team. Lehmann firmiert nun als Generalsekretär, allerdings nur interimsweise. Die beiden Führungsfiguren nennen sich derzeit scherzhaft „General“ und „Boss“ – und versichern, ihre Zusammenarbeit sei für die kommenden vier Jahre ausgelegt.
Demut und Geduld als Schlüsselfaktoren
Urs Lehmann bringt das nötige Fachwissen aus zwei Karrieren mit. Er war selbst alpiner Rennläufer und 1993 sogar Abfahrts-Weltmeister. Dass er den Titel seinerzeit völlig überraschend gewann und er im Weltcup keine nennenswerten Erfolge einfuhr, spielt dabei keine Rolle. Zudem ist er promovierter Betriebswirt.
Als größtes Problem der Ära Eliasch beschreibt Lehmann dessen nicht vorhandene Geduld bei strategischen Entscheidungen und fehlende Demut hinsichtlich der globalen Wichtigkeit des Skirennsports.
Als strategische Fehlentscheidung habe sich vor allem die anvisierte Zentralvermarktung der Medienrechte im Ski-Weltcup herausgestellt, ohne zuvor die bilateralen Absprachen mit den einzelnen Kernverbänden angemessen zu berücksichtigen. Diese Umstellung habe viel Geld verbrannt, ohne den erwünschten Nutzen zu erzielen. Nun müssen Einzelgespräche mit 25 verschiedenen Verbänden geführt werden. Lehmann spricht von einem „Puzzle mit 30.000 Teilen“.
Von einem Milliardär wie Eliasch habe man erwartet, dass er mit Geld umgehen könne, verlautet im Nachhinein aus Skisportkreisen. Vielleicht lag genau in dieser Annahme aber auch der Fehlgedanke. Schließlich könnten zwanzig Millionen Schweizer Franken Verlust pro Jahr für einen wie ihn auch einfach nicht der Rede wert gewesen sein.
Die „neue FIS“ versucht nun, Ausgaben zu reduzieren und die Einnahme-Seite aufzufüllen, um nicht in ein paar Jahren blank wie eine Almwiese ohne künstliche Beschneiung dazustehen.
Der erste Gedanke zur Geldvermehrung stieß freilich unmittelbar auf Kritik: Bislang findet nur alle zwei Jahre eine alpine Weltmeisterschaft statt, in Zukunft soll dies in jedem nicht-olympischen Jahr der Fall sein. „Wir haben eine Lücke im Kalender“, erklärt Lehmann, „die wollen wir füllen.“
Der Trend gehe zu mehr Events; der Mehrwert an Aufmerksamkeit sei wichtig. Mehr Gold-Möglichkeiten für die Sportler – mehr Geld für den Verband, so der Gedanke. „Weltmeister bleibt Weltmeister“, meint Lehmann dazu aus eigener Erfahrung, an diesem Status ändere es auch nichts, wenn es mehr Weltmeister gäbe. Ospelt versprach aber auch, erst mal gründlich zu analysieren und dann zu entscheiden. Schon das wäre ein strategischer Neuanfang nach Jahren der Alleingänge.





