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Hoffnungsträger Sewing : Schatten über der Deutschen Bank

Hingucker: Wer den von Vorstandschef Christian Sewing proklamierten Aufwärtstrend der Deutschen Bank erkennen will, muss schon sehr genau hinsehen. Bild: Wolfgang Eilmes

Weil Deutschlands größtes Geldhaus erstmals seit 2014 Gewinn macht, sieht Vorstandschef Sewing die Trendwende gekommen. Doch ist es für diese Einschätzung nicht noch etwas zu früh?

          Am 8. Januar 2018 war es so weit. Da hatte JP Morgan genau so viel verdient wie die Deutsche Bank im ganzen Jahr. Während die amerikanische Großbank jüngst einen Jahresgewinn von 31 Milliarden Dollar verkündete, reichen Christian Sewing 341 Millionen Euro, um eine Trendwende bei Deutschlands größtem Geldhaus auszurufen. Auch wenn diese Rechnung mathematisch nicht ganz seriös sein mag, so zeigt sie doch die Größenverhältnisse in einer Branche auf, in der die Deutsche Bank international längst den Anschluss verloren zu haben scheint.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Da helfen auch die gestern bei der Jahresmedienkonferenz des Konzerns beinahe mantraartig vorgetragenen Parolen ihres Vorstandschefs Sewing wenig. Der nämlich wiederholt in professioneller, aber reichlich abgeklärter Manier, was man als Vorstandschef halt so sagt: Die Bank stehe auf einem stabilen Fundament, habe eine starke Bilanz vorzuweisen, mache ihre Hausaufgaben, arbeite hart, sei ein solides Gebäude und befinde sich auf dem richtigen Weg. Das klingt gut, sicher. Und doch reicht schon ein Blick auf den Aktienkurs, dass draußen, unter den Aktionären und Analysten, das kaum mehr einer zu glauben wagt.

          Die Deutsche Bank und mit ihr Sewing scheinen gefangen in einem dichtgewobenen Netz aus Altlasten, Kapitalmarkt-Turbulenzen, Imageschäden und sinkenden Erträgen. Zwar gab sich der erst im April vergangenen Jahres angetretene Nachfolger des glücklosen Briten John Cryan bei seiner Premiere als Vorstandsboss vor Journalisten kraftvoll und selbstbewusst, sich aus dieser Umklammerung befreien zu können. Die Frage allerdings lautet: Reicht das erste Gewinnjahr seit 2014 dazu, den Konzern zurück auf den Wachstumspfad zu führen? Die Zweifel an einer positiven Antwort sind erheblich.

          Undankbare Aufgabe für Sewing

          Hoffnungsträger Sewing kann man bisher kaum einen Vorwurf machen. Zwar ist der Aktienkurs der Bank seit seinem Amtsantritt um rund 30 Prozent geschrumpft. Dennoch dürfte dieser Befund an dem Neuen weitgehend abprallen, schließlich wird die aktuelle Situation vor allem seinen Vorgängern angelastet. Sewing hat nun die undankbare Aufgabe, die Bank zurückzuführen zu „kontrolliertem Wachstum“, wie Sewing es vor den Journalisten immer wieder nennt – was auch immer das bedeuten soll.

          Auf dem Weg dorthin wollen sich Sewing und seine Vorstandskollegen nicht von Störfeuern beirren lassen. Die Rechtsstreitigkeiten, die in den Vorjahren Unmengen von Geld verschlungen haben? Weitgehend beigelegt, beruhigt Rechtsvorstand Karl von Rohr. Negativnachrichten wie die Großrazzia in den Frankfurter Banktürmen im November vergangenen Jahres wegen des Verdachts auf Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen? Gehören der Vergangenheit an, es lägen keine Hinweise auf Fehlverhalten der Bank oder der Mitarbeiter vor.

          Die zuletzt immer wieder kritisierten Boni für Investmentbanker? Kein Kommentar. Und variable Vergütungen für den Vorstand, auf die man im Vorjahr wegen der Verluste verzichtet hatte, was Sewing „eine Frage des Anstands“ nennt? Darüber entscheide der Aufsichtsrat, aber die Situation sei wegen des Gewinns natürlich eine andere als 2018. Die Kernaussage lautet: „Wir haben unseren Plan, und den arbeiten wir ab. Über alles andere mache ich mir keine Gedanken.“

          Chronische Schwäche?

          Auch bei einem anderen Thema gibt sich Sewing zugeknöpft, das die Branche und vor allem den Finanzplatz seit Monaten beschäftigt: Fusioniert die Deutsche Bank mit der Commerzbank? Oder ist das Geldhaus mit Blick auf die mäßige Bewertung gar ein Übernahmekandidat für einen amerikanischen Konzern? „Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen.“

          Sewing weiß selbst, wie schwierig die Aufgabe ist, die Bank dauerhaft in die Gewinnzone zurückzuführen. „Wir sind natürlich noch nicht dort, wo wir hinwollen“, sagt er. Im laufenden Jahr sollen weitere Kosten reduziert und Stellen gestrichen werden. Vor Jahresfrist arbeiteten noch gut 97.000 Männer und Frauen bei Deutschlands größtem Geldhaus, inzwischen sind es 91.700, Ende des Jahres sollen es „deutlich unter 90.000“ sein.

          Doch wie das Haus gleichzeitig die zuletzt abermals gesunkenen Erträge wieder steigern soll, könnte die Kernfrage mit Blick auf die Zukunft des Konzerns sein. Die Schwäche der so wichtigen und weltweit einst bedeutenden Investmentbank wird langsam chronisch, und auch auf anderen Feldern lässt sich kein Ertragsbringer erkennen. Über dem Gewinn der Bank liegt ein großer Schatten.

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