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Dirndl allenthalben : Alpenglühen in Frankfurt

Klassisch beim Oktoberfest in München: Dirndl Bild: dapd

München ist weit, doch es dirndlt allenthalben auch am Main und andernorts in Hessen. Der Einzelhandel in Frankfurt etwa hat das Oktoberfest für sich entdeckt.

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          Bei C&A standen sie bis vergangene Woche im Schaufenster. Bei Peek & Cloppenburg ist die pfiffig inszenierte Trachtenwelt mit pinken und grasgrünen Dirndl-Schürzen am Dienstag im Schaufenster verschwunden. Bei Kaufhof, dem offiziellen Ausstatter des Frankfurter Oktoberfestes, machen noch jede Menge fesche Buben und Mädel Lust auf Bayern. Zwei Dirndlträgerinnen grüßen auch bei Bally Diehl am Steinweg. Ja selbst die Boss-Filiale an der Freßgass' ist sich nicht zu fein, seinen Puppen Dirndl und Krachlederne überzuziehen.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist der September, in dem der Einzelhandel das Oktoberfest entdeckt. Nicht nur in Frankfurt, sondern in ganz Deutschland, was Verbraucher spätestens dann merken, wenn die Kaffeekette Tchibo Dirndl (99 Euro inklusive Bluse) und Lederhosen (Veloursleder, 89,90 Euro) im großen Stil verkauft. Zum ersten Mal übrigens - nach einem überschaubaren Versuch im vergangenen Jahr. „Das wird sensationell angenommen“, sagt eine Sprecherin.

          Ein boomendes Segment

          „Das Oktoberfest ist nicht nur ein Thema für München“, sagt C&A-Filialleiter Martin Konersmann. Jede Kneipe habe inzwischen ein Oktoberfest. Und das auch in Frankfurt in diesem Jahr zum dritten Mal mehrere Tage im Festzelt geschunkelt und getrunken wird - heuer steht es bei der Commerzbank-Arena, vier Veranstaltungen mit je 2500 Karten sind schon ausverkauft - hat das Geschäft nur noch beflügelt. „Trachtenmode ist seit drei, vier Jahren ein boomendes Segment.“ Im nächsten Jahr will C&A die Kinderabteilung entsprechend erweitern.

          Auch bei Galeria Kaufhof in Frankfurt stehen Trachten derzeit ganz vorne im Schaufenster
          Auch bei Galeria Kaufhof in Frankfurt stehen Trachten derzeit ganz vorne im Schaufenster : Bild: Maria Irl

          Das Angebot bei C&A ist gut. Hier gibt es nicht nur Dirndl in unterschiedlichen Stilen und Längen (129 bis 149 Euro), sondern auch gewalkte Wolljacken in poppigen Farben (49 Euro), die man ebenso gut zur Jeans tragen kann wie die rosa-weiß karierten Dirndl-Blüschen. Die Abteilung ist schon am Morgen gut besucht. Vor allem Frauen, junge wie alte, schieben die Modelle am Ständer neugierig hin und her. In der Umzugskabine wird gekichert. Eine Chinesin, die „eigentlich kein Geld für so etwas“ hat, probiert ein Modell. Oktoberfest ist auch ein bisschen wie Karneval und Verkleiden.

          Der Verkäufer trägt Lederhose und Haferlschuhe

          P&C ist in diesem Jahr zum ersten Mal auf den Oktoberfest-Zug aufgesprungen. „Wir sehen das eher als kleinen Gag, der in die Jahreszeit passt“, heißt es. Sechs Modelle (119 bis 169 Euro) haben wir hier gesehen. Und auch eines anprobiert. Wir müssen gestehen: Das hat was. Einmal am Bändchen der Dirndl-Bluse gezogen, fertig ist das Party-Dekolletee. Die Teile kosten im Schnitt um die 30 Euro.

          Volksfeststimmung verbreitet die Trachten-Abteilung von Galeria Kaufhof. Hier wird am Morgen schon Musik gespielt (“Show me the way to Amarillo“), und der junge Verkäufer trägt Lederhose (ab 249 Euro) und die typischen Haferlschuhe (49,95 Euro), die an der Seite gebunden werden. „Wir brauchen schon wieder Hemden“, spricht er ins Telefon. Wie viel echte Tracht noch in den Dirndln steckt, kann man als hessischer Laie nicht beurteilen. Und es interessiert auch keinen. Dass bei einem Hemd jedoch Hosenträger in Veloursleder-Optik aufgenäht sind, verbuchen wir eindeutig als schlechte Fälschung.

          „Modern interpretierte Tracht“

          Kunden haben gute Laune. „Ich war im letzten Jahr in Jeans auf dem Frankfurter Oktoberfest. Das wird mir dieses Jahr nicht noch mal passieren“, sagt eine kaufentschlussfreudige Frau um die vierzig. Auch Kaufhof-Geschäftsführer Thorsten Herz ist gut gelaunt. Nach einem kurzen Versuch 2001 habe man die Dirndlmode zwischenzeitlich sogar aufgegeben, weil sie nicht mehr lief. In diesem Jahr musste er mit Engelszungen bei den Herstellern reden, damit er noch eine Nachlieferung bekam. Herz bezeichnet das Sortiment als „modern interpretierte Tracht“. Kunden legten Wert auf Qualität. „Man will kein Karnevalskostüm.“

          Die Oktoberfest-Zone beschränkt sich im Übrigen nicht nur auf den Mode-Einzelhandel. In allen Farben, kleinkariert, mit Edelweiß-Blüten und Gemsen bedruckt und bestickt, präsentiert die Einrichtungskette Das Depot seine Oktoberfest-Welt. Hier gibt es kleine Brezeln als Tischdekoration. Bei Bijou Brigitte gegenüber hängen sie in Silber an schwarzen Samtbändern. Und auch bei Strauss Innovation springen den Kunden seit gestern Hirsche von Tassen, Tellern und Kissenhüllen entgegen. So viel Heimatgefühl war nie.

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