Beliebter Snack : Warum Hanuta aus Hessen kommt

Vor 70 Jahren hat Ferrero in Stadtallendorf die erste Produktionsstätte außerhalb Italiens eröffnet. Einige Süßigkeiten werden nur hier hergestellt. Ein Blick hinter die Kulissen.
Eine braune Masse wälzt sich träge aus einem großen Metalltrichter und fällt auf eine Walze mit gut einem Meter Durchmesser. Es duftet nach Schokolade und gerösteten Nüssen. Die Walze rollt die Schokomasse auf kleinen, quadratischen Waffeln aus. Wenige Meter weiter presst ein Roboter oben auf die Schokoladenschicht eine zweite Waffel – das Ergebnis ist unverkennbar: Hanuta.
In Reihen à 16 Stück gleiten die Haselnusstafeln auf einem breiten Fließband durch Halle 3 des Ferrero-Werks in Stadtallendorf. Seit 70 Jahren produziert das italienische Unternehmen in der hessischen Kleinstadt nahe Marburg. Anlässlich des Jubiläums hat Ferrero der F.A.Z. einen kurzen Einblick in die Fabrik gewährt, die als eine der größten Produktionsstätten für Süßwaren auf der ganzen Welt gilt.
Am Eingang des einige Hundert Hektar großen Geländes prangen ungewöhnliche Verbotsschilder: Erdnüsse dürfen die Werkstore nicht passieren. Weil diese Nüsse besonders häufig allergische Reaktionen hervorrufen, soll nicht der kleinste Krümel in Nutella, Mon Chéri oder Rocher gelangen.
Tagesproduktion von fast 1000 Tonnen
Alle diese und noch weitere Ferrero-Produkte werden in Stadtallendorf hergestellt – insgesamt 350.000 Tonnen Naschwerk im Jahr, also fast 1000 Tonnen täglich. Etwa zwei Drittel davon sind für den deutschen Markt bestimmt, der Rest wird exportiert.
Hanuta allerdings ist eine lokale Spezialität, die ausschließlich hier und nur für Deutschland, Österreich und die Schweiz hergestellt wird. Aus großen Backöfen gleiten die dünnen Waffelplatten in gläsernen Aufzügen hinab zu der Produktionslinie, auf der die Haselnussschnitten zusammengesetzt werden.
Diese Arbeit erledigen Maschinen, doch hinter vielen davon sitzen Beschäftigte, die Hände in blauen Einweghandschuhen, die Haare von Häubchen bedeckt. Mit konzentriertem Blick begutachten sie die auf dem Fließband vorbeiziehende Ware. Ist ein Hanuta schief oder eine Ecke abgebrochen, muss es aussortiert werden. „Diese Arbeit erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit“, sagt Claudio Grasso, der für Hanuta und Kinder Crispy zuständige Werksleiter.

Allein an der Produktion dieser Süßigkeiten sind rund 230 Beschäftigte beteiligt, die überwiegend im Schichtdienst arbeiten. Insgesamt hat Ferrero in Stadtallendorf, wo 21.500 Menschen leben, 5300 Mitarbeiter. International sind es mehr als 50.000. Ferrero betreibt heute 41 Produktionsstätten, hinzu kommen Vertriebsstandorte, das Unternehmen ist in mehr als 50 Ländern vertreten – aber in Stadtallendorf hat die Expansion des aus einer Konditorei entstandenen Familienunternehmens begonnen. Das Ferrero-Haus in Frankfurt, wo Vertrieb, Marketing und weitere zentrale Abteilungen der Deutschlandgesellschaft untergebracht sind, gibt es erst seit Mitte der Sechzigerjahre.
In Stadtallendorf ließ Michele Ferrero 1956 – zehn Jahre nach der Unternehmensgründung durch seinen Vater Pietro – die erste Produktionsstätte außerhalb Italiens errichten. Stadtallendorf warb seinerzeit um die Ansiedlung von Industriebetrieben auf einem Gelände, auf dem sich im Zweiten Weltkrieg die größte deutsche Produktionsstätte für Sprengstoff befunden hatte. Noch vor der Deutschlandgesellschaft von Ferrero, die zunächst Assia hieß – so lautet das italienische Wort für Hessen – siedelte sich hier die Gießerei Fritz Winter an, die bis heute neben dem Süßwarenwerk sitzt.
Jeden Herbst kommt Verstärkung von Sardinien
Als erstes Ferrero-Produkt wurde in Stadtallendorf Mon Chéri gefertigt, Hanuta kam 1959 auf den Markt. Schon in den Sechzigerjahren verkauften sich die Süßwaren so gut, dass Ferrero für die besonders nachfragestarken Wintermonate Saisonarbeiterinnen aus Italien holte, um die Stammbelegschaft in Stadtallendorf zu unterstützen. Auf Initiative von Michele Ferreros Mutter Piera wurden die Frauen auf Sardinien rekrutiert, weil dort die Arbeitslosigkeit hoch war. Für ihre Unterbringung wurde ein Wohnheim errichtet, die „Villa Piera“. Noch heute kommen jeden Herbst etwa 300 Aushilfen aus Italien, darunter sind inzwischen auch Männer.
Am Standort gibt es eine eigene Schokoladenfabrik, in der Kakaobohnen für Nutella, Rocher oder eben Hanuta verarbeitet werden, und eine Rösterei für Haselnüsse. Schon bei Anlieferung der Rohstoffe werden Geschmacksproben genommen – die ersten in einer ganzen Serie von Verkostungen.
Tag für Tag suchen eigens dafür geschulte Beschäftigte im Verwaltungsgebäude des Werks einen kleinen Raum mit Testplätzen auf. Durch Sichtschutzwände voneinander getrennt, nehmen sie an schmalen Tischen Platz, auf denen jeweils ein Tabletcomputer installiert ist. Durch eine kleine Durchreiche wird ihnen dann ein Teller vorgesetzt, in der Regel mit zwei Proben. Heute sehen beide wie Hanuta aus – in irgendeiner Hinsicht unterscheiden sie sich aber, wie Judith Wieser erläutert, die als „Sensorical Specialist“ die Tests vorbereitet. Mal gehe es um Änderungen etwa bei der Backzeit der Waffeln, mal sei auch ein Nachahmerprodukt dabei.

Die Probanden wissen vorher nicht, welches das Standardprodukt ist und welches das veränderte. Durch die Blindverkostung soll erreicht werden, dass die Tester eine möglichst unvoreingenommene Bewertung abgeben – dazu müssen sie über das Tablet Fragen zu den Proben beantworten. Gefragt werde nicht nach persönlichen Präferenzen, sondern nach bestimmten Merkmalen, sagt Wieser. Sie erklärt das am Beispiel einer Sonderedition von Giotto mit Zimtsterngeschmack: „Die Frage ist hier nicht: ‚Schmeckt es dir?‘, sondern: ‚Schmeckst du den Zimt raus, und wie intensiv?‘“
Bei den Verkostungen geht es aber nicht nur um Sonderprodukte. Auch die Herkunft der Rohstoffe könne den Geschmack beeinflussen, sagt einer der Testesser, Thorsten Becker: „Eine Haselnuss aus Chile schmeckt anders als eine aus der Türkei.“
Produktion soll klimafreundlicher werden
Becker ist einer von rund 300 Mitarbeitern, die sich freiwillig für die regelmäßige Teilnahme an den Verkostungen gemeldet haben. Im Hauptberuf ist er für Umwelt- und Energiemanagement am Standort zuständig. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn das Ferrero-Werk in Stadtallendorf verbraucht jährlich rund 200 Millionen Kilowattstunden Strom – diese Menge reiche für etwa 57.000 Haushalte, sagt Becker. Noch größer ist mit 450 Millionen Kilowattstunden der Jahresbedarf an thermischer Energie. Rund 78.000 Tonnen an Treibhausgasen stößt das Werk aus.

2018 seien es noch 7000 Tonnen mehr gewesen, sagt Energiemanager Becker. Zur Verkleinerung des CO₂-Fußabdrucks habe die Installation von Solarpaneelen auf mehreren Werksgebäuden beigetragen und die Rückgewinnung von Abwärme etwa aus der Nussrösterei und aus Druckluftanlagen. Weitere Fortschritte erhofft sich Becker von einer neu errichteten Fabrik für Mon Chéri, in der statt Erdgas mit Strom betriebene Wärmepumpen zum Einsatz kommen.
Bis 2030 möchte Becker außerdem eine Biogasanlage errichten lassen, um Erdgas auch da zu ersetzen, wo eine Elektrifizierung schwierig ist – etwa in den Backöfen für die Hanuta-Waffeln. Die Stromkapazitäten, die dafür nötig wären, gebe das Versorgungsnetz derzeit nicht her, sagt der Energiemanager. Biogas dagegen ließe sich mit im Werk anfallenden Abfällen – wie Waffelresten oder Haselnussschalen – herstellen.
An der Verringerung von Abfällen arbeiten auch die Verpackungsentwickler in Stadtallendorf. Bei der Neugestaltung der Hanuta-Packung vor acht Jahren zeigte sich allerdings, dass Käufer traditionsreicher Markenprodukte auf sichtbare Veränderungen äußerst sensibel reagieren. Die über Jahrzehnte verwendete Aluminiumverpackung mit Papierdeckel wurde damals durch eine bedruckte Plastikfolie ersetzt. In Facebook-Gruppen wurde daraufhin der Verlust eines Kindheitsrituals beklagt: das Abkratzen kleiner Schokoladenreste, die in der alten Verpackung stets hängen blieben.
„Wir kriegen heute noch Anfragen, warum Hanuta nicht mehr so aussieht wie früher“, sagt Entwickler Michael Krätke. Doch die neue Verpackung lasse sich viel besser recyceln als der „komplexe Aluminiumverbund“, aus dem die alte bestanden habe – außerdem bleibe Hanuta in der neuen Folie länger haltbar.

Unter kritischer Beobachtung steht Ferrero – wie andere Süßwarenhersteller auch – allerdings vor allem mit Blick auf seine Lieferanten. Das Unternehmen gibt an, 100 Prozent seines Palmöls von zertifizierten Anbietern zu beziehen. Beim Kakao seien 99 Prozent „über Zertifizierungen oder unabhängig verwaltete Standards“ abgedeckt. Organisiert wird die Beschaffung der Rohstoffe von Luxemburg aus, wo sich seit 1997 die Konzernzentrale befindet.
Nach dem Nachhaltigkeitsbericht für das Jahr 2025 sollen in Kooperation mit der Hilfsorganisation Save the Children die Lebensbedingungen von Kindern in den Kakaoanbaugebieten in Westafrika verbessert und „Kinderarbeit bekämpft“ werden. Deutlich wird allerdings auch, dass noch viel zu tun ist: 2025 hat das Programm dem Bericht zufolge 85 Gemeinden in Elfenbeinküste erreicht, bis 2030 sollen 150 weitere hinzukommen.





