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Tierschutz : Aggressiv und offensiv

  • -Aktualisiert am

Stefan Bröckling ist Peta-Aktivist und filmt für Peta Fälle wie die von Geflügelproduzenten, die den Tieren einfach brutal das Genick brechen. Bild: Lisowski, Philip

Bekannt geworden ist Peta mit Kampagnen gegen Pelze. Heute kümmern sich die radikalen Tierschützer vor allem ums Essen. Auch in Frankfurt.

          Der Geruch ist das Schlimmste. Er kriecht in Hals und Lunge, verursacht Kopfschmerzen binnen Minuten, lässt seine Augen tränen. Noch Tage später hustet er. „Ammoniak. Das haut einen rückwärts um“, sagt Stefan Bröckling. Dass es in seinem Job stinkt, ist normal, denn Bröckling wühlt im Dreck. Der große Mann mit den ganz kurz geschorenen Haaren ist Rechercheur für den deutschen Ableger der Tierrechtsorganisation Peta. Seit 2008 arbeitet er hauptberuflich für die Organisation, in einem fünfköpfigen Team. Das steigt zum Beispiel heimlich in Betriebe mit Massentierhaltung ein, um Fotos und Videoaufnahmen zu machen. Die Bilder landen auf der Internetseite von Peta. Oder im Fernsehen.

          „Das System Wiesenhof“ hieß ein Bericht, den die ARD im vergangenen August ausstrahlte, und was darin aus den Ställen des Geflügelproduzenten zu sehen war, war nichts weniger als ein Skandal. Von den Videos, auf denen Mitarbeiter der Firma Hühner treten, ihnen das Genick brechen, sie in Lastwagen schleudern und tote Tiere zu Dutzenden in Kadavertonnen entsorgen, hat einige auch Bröckling gedreht.

          „Aber radikal sind wir nicht. Sondern konsequent“

          In einem Frankfurter Café gießt Stefan Bröckling, 41 Jahre alt, schwarzer Kapuzenpullover, ein wenig Sojamilch in seinen Kaffee. Einbrechen, um aufzuklären, ist das seine Mission? „Einsteigen heißt nicht einbrechen“, sagt er. „Wir klettern über Zäune, kommen nachts und heimlich. Aber wir machen nichts kaputt und brechen auch nicht ein.“ Die Türen der Tiermastbetriebe, sagt er, seien meistens gar nicht verschlossen. „Wenn überhaupt, begehen wir Hausfriedensbruch. Das nehmen wir in Kauf.“

          Peta, ein Akronym aus dem Englischen (People for the ethical treatment of animals) ist umstritten. Mit Hilfe von Prominenten und durch provokante Aktionen hat sich die 1980 in den Vereinigten Staaten von Amerika gegründete Organisation einen Namen gemacht: Nackte Körper, Kunstblut, Holocaust-Vergleiche und drastische Bilder hat Peta stets als legitime Mittel im Kampf gegen Tierquälerei erachtet. Seit 1994 ist die Organisation auch in Deutschland aktiv und hat hier nach eigenen Angaben etwa 30.000 Unterstützer. Weltweit sollen es rund drei Millionen sein. „Wir haben das krasseste Auftreten und machen definitiv mehr als einen Infostand in der Fußgängerzone“, sagt Bröckling. „Aber radikal sind wir nicht. Sondern konsequent.“

          „Aber die Art und Weise, wie Peta vorgeht, ist verwerflich“

          Das freilich sehen viele anders. Auch hessische Behörden bekommen das offensive Vorgehen der Aktivisten regelmäßig zu spüren. Erst Ende Februar ging eine Reihe von belastenden Unterlagen beim Frankfurter Ordnungsamt ein - gemeinsam mit einer Anzeige gegen die Stadt. Der Vorwurf: Eine Filiale der Systemgastronomie-Kette Kentucky Fried Chicken an der Frankfurter Hauptwache soll über Jahre hinweg vorsätzlich gegen Hygienebestimmungen verstoßen haben, ohne dass die Behörden angemessen eingegriffen hätten. Das Ordnungsamt weist die Vorwürfe von sich und gibt sich bezüglich Peta vage: „Wir gehen allen Anzeigen nach. Aber der Austausch mit einigen Tierschutzorganisationen klappt besser als mit anderen“, sagt ein Sprecher.

          Der Leiter des für den Wetteraukreis zuständigen Veterinäramtes in Friedberg, Rudolf Müller, wird deutlicher. Peta hat Strafanzeige gegen ihn gestellt und wirft seinem Amt Versagen bei der Beurteilung eines kranken Elefanten im Zirkus Universal Renz vor. Das Tier ist mittlerweile gestorben. „Wir sind dankbar für jeden Hinweis“, sagt Müller, „aber die Art und Weise, wie Peta vorgeht, ist verwerflich.“ Schon bei der ersten Kontaktaufnahme hätten die Tierschützer Druck gemacht und mit einer Anzeige gedroht. Dabei, so Müller, sei der Elefant richtig gehalten, gepflegt und tierärztlich versorgt worden.

          „Wir treten vielen Leuten auf die Füße“

          „Wir erwarten, dass unsere fachlichen Entscheidungen respektiert werden, aber das tut Peta nicht“, sagt Müller und verweist auf die Zusammenarbeit seines Amtes mit der Organisation „Animal Angels“, die hervorragend funktioniere, „obwohl ich auch mal gerne ein Schnitzel esse.“ Der Seitenhieb gilt der von Peta propagierten vegetarischen, besser noch veganen Lebensweise. Im Fall der Elefantendame Maja sieht Müller Kalkül. „Peta ist strikt gegen Tierhaltung im Zirkus. Ich hingegen finde, man muss den Einzelfall prüfen“, sagt er und fügt hinzu: „Ich lasse mich nicht für deren Interessen einspannen.“

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