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SV Darmstadt 98 : Ein Nachmittag mit Goliath

Lilien“-Schwarm gegen Bayern: Kempe, Holland, Caldirola und Sulu (v. l.) Bild: Reuters

Von der Münchner Millionentruppe geschäftsmäßig ausgebremst: Die Welt des SV Darmstadt 98 bleibt trotz der 0:3-Niederlage gegen die Bayern heil.

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          Nicht nur für die Darmstädter Fußballprofis, von denen sich ein paar bei unterklassigen Klubs nicht hatten durchsetzen können, bevor sie bei den „Lilien“ unter Trainer Dirk Schuster sportlich aufblühten, ist die Abenteuerreise durch die Bundesliga ein großer Zugewinn. Spät in ihrer ungewöhnlich verlaufenen Karriere treffen sie auf Weltstars wie am Samstag beim Heimspiel gegen Bayern München. Dieses Highlight erlebt zu haben und das Wissen um die eigenen, begrenzten Möglichkeiten ließ sie das 0:3 ohne großen Frust verkraften. Auch Vereinspräsident Rüdiger Fritsch bekommt es nun mit Fußballprominenz zu tun, die er früher nur aus dem Fernsehen kannte.

          Jörg Daniels
          Redakteur in der Sportredaktion

          An seiner Seite auf der maroden Haupttribüne schaute sich Karl-Heinz Rummenigge das Duell David gegen Goliath an. Was den Sachverstand des Münchner Vorstandsvorsitzenden angeht, „merkt man, dass er ein absoluter Weltklassespieler war. Da kommen zielgerichtete Analysen“, stellte der Jurist Fritsch voller Anerkennung fest. Respekt ja, Angst nein: „Große Nervosität“ machte der Darmstädter bei seinem Sitznachbarn nicht aus. „Er hat schon ein paar andere Schlachten geschlagen.“ Fritsch freute sich über die „nette“ Zusammenkunft mit dem Bayern-Boss.

          Bayern mit geschäftsmäßiger Sachlichkeit

          Der Saisonhöhepunkt war auch ein Charaktertest für die Darmstädter Fußballfamilie. Erfolgsverwöhnte Anhänger neigen im Überschwang der Gefühle dazu, den Blick für die Realität zu verlieren, plötzlich zu hohe Erwartungen zu haben. Fußballmärchen und kein Ende. Auch im Oberhaus ließ sich der widerstandsfähige Aufsteiger nicht unterkriegen – in den ersten vier Spielen blieb er ungeschlagen, geriet nicht in Rückstand, siegte in Leverkusen. Insgeheim traute mancher der Mannschaft also den Sturz des Meisters zu.

          Als die Bayern dann aber mit ihrer B-Elf das ungleiche Aufeinandertreffen in geschäftsmäßiger Sachlichkeit für sich entschieden hatten, das Fußballwunder ausgeblieben war, wurde der Verlierer wie ein Sieger gewürdigt. Das Publikum spendete nach dem Abpfiff minutenlang Beifall. Der Kredit und das Verdienst der Mannschaft sind so groß, dass ganz andere Dinge passieren müssten, bevor kollektive Enttäuschung Fuß fasste. „Kompliment an die Fans und die Zuschauer“, sagte Fritsch. „Die Leute haben alle verstanden, in welcher Mission wir unterwegs sind.“ Sie lautet: „Wir machen Bayern München keine Konkurrenz. Unsere Ziele sind ganz weit unten angesiedelt.“

          Vorfreude auf das nächste Spiel

          Schon für das Gros der Bundesliga-Konkurrenz gilt: Der FC Bayern München spielt in einer anderen Liga. Das ist der Standardspruch der Unterlegenen. „Für uns Darmstädter spielen die Bayern sogar mehrere Ligen höher“, sagte Fritsch. Der Blick des Underdogs geht steil nach oben. Auf dem Platz schauten die SV-98-Profis Marcel Heller und Konstantin Rausch den Bayern-Spielern oft nur hinterher. Heller zählt zu den Flinkesten seiner Berufsgruppe. Doch die Münchner Douglas Costa und Kingsley Coman sind noch schneller. „Wir liefen oft nur hinterher und sind kaum an den Ball gekommen“, sagte Rausch.

          „Irgendwann wirst du dann vom Kopf her müde, weil die Bayern einfach unglaublich gut spielen.“ Die Millionentruppe aus München schaffte es ohne große Mühe, den „Lilien“-Express auszubremsen. Stillstand statt der nächsten Sensation. Einen Betriebsschaden fürchtet Stürmer Dominik Stroh-Engel, dem sich in der ersten Halbzeit die große Chance zum 1:1-Ausgleich bot, nicht. „Von der Niederlage geht die Welt nicht unter“, sagte er. Für Trainer Dirk Schuster war das Ergebnis „die normalste Sache der Welt“.

          Schon am Dienstag, im Heimspiel gegen Werder Bremen, will sein Team wieder Fahrt aufnehmen. Auf dem Papier kommt der Alltag auf die Darmstädter zu. Aber nur dort: „Wir befinden uns die ganze Saison im Ausnahmezustand“, sagt Fritsch. „Mit Werder kommt die nächste Herausforderung.“ Torhüter Christian Mathenia freut sich auf das Flutlichtspiel. „Das wird wieder etwas ganz Besonderes.“ Unter besonderer Beobachtung von Fatih Terim soll der Darmstädter Kapitän und Innenverteidiger Aytac Sulu stehen. Dessen Karrieresprung ist dem türkischen Nationaltrainer nicht entgangen. Ein Debüt mit 29 Jahren in der Nationalmannschaft wäre das nächste Kapitel der unglaublichen Darmstädter Erfolgsgeschichte.

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