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Roncalli : Zirkus für die Herzen der Gläubigen und Ungläubigen

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Der Bulgare Encho Keryazov stemmt sich mit Kraft und Eleganz in die Höhen des Zirkuszelts. Bild: Hoang Le, Kien

Roncalli-Direktor Bernhard Paul schafft es im neuen Programm, Artistik, Anspruch und Stil zu vereinen, ohne aufzutrumpfen. Allein Clown David Larible ist einen Besuch wert.

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          Droben im Himmel verteilt der gute Papst Johannes XXIII., vor seiner Ernennung als Angelo Giuseppe Roncalli bekannt, in den Reihen der himmlischen Heerscharen seit Wochen Programme seines irdischen Lieblingszirkus. Wie der Papst damals die katholische Kirche, so hat Bernhard Paul, sein Verehrer auf Erden, mit der Gründung von Roncalli vor 35 Jahren den Zirkus erneuert. Und da der Auftritt der katholischen Kirche zumindest in deutschsprachigen Landen derzeit nicht der erfreulichste ist, blickt der Selige, der JohannesXXIII. seit dem Jahr 2000 kirchenoffiziell ist, dieser Tage gewiss lieber auf den Festplatz in Frankfurt als auf das Bischofspalais in Limburg. Denn hier vor der Eissporthalle erfreut die nächsten drei Wochen der Zirkus Roncalli mit seinem neuen Programm „Time ist Honey“ die Herzen der Gläubigen und Ungläubigen.

          Diese Show widerspricht in keinster Weise der Sittenlehre, die der Roncalli-Papst einst vertreten hat. Mag sein, dass sich sein weniger großzügiger Nachfolger Benedikt XVI. an den langen Beinen und knappen Kostümen der Direktoren-Töchter Vivi und Lili Paul stören würde. Doch nach Joseph Ratzinger wird vermutlich auch niemals ein Zirkus benannt.

          Die Familienbande

          Sowohl Vivi, die Luftartistin am Ring, wie auch das Nesthäkchen Lili als Schlangenfrau legen ihren ersten großen Auftritt im Zirkus ihres Vaters hin. Langsam wird es ernst für sie und ihren Bruder Adrian, der in der ausgezeichneten Zirkus-Band die Gitarre spielt. Denn Bernhard Paul ist vor wenigen Tagen 65 Jahre alt geworden und möchte sich irgendwann nach Mallorca zurückziehen. Und da der Zirkus traditionell auf der Familie aufbaut, müssen in absehbarer Zeit die Kinder den Betrieb übernehmen.

          Familienbanden verdankt es Roncalli übrigens auch, dass einer der großen Clowns unserer Zeit das Zelt zum Lachen bringt. Wäre David Larible nicht Bernhard Pauls Schwager, hätte er wohl nicht 2005 den amerikanischen Großzirkus Ringling Bros. and Barnum & Bailey, wo er ein Star und Kassenmagnet war, verlassen, um mit Roncalli durch Deutschland zu ziehen. Der Italiener, der zu Beginn der Show mit seinem Koffer durchs Zelt schlappt und den Conferencier tollpatschig um eine Stelle anhaut, erweist sich, kaum ist er in seinen Frack geschlüpft, als Meister der Komik, der das Publikum in den siebten Himmel des Lachens zaubert. Seine Reprisen zwischen den Nummern der Artisten und Dompteure wie auch seine beiden großen Auftritte als Dirigent und als Herr der Teller zeigen Larible als ein Genie der Manege, das jeden noch so schwierigen Mitspieler aus dem Publikum souverän in die Nummern einbezieht und aus jeder Situation noch den letzten komischen Funken schlägt. Allein dieses Clowns wegen lohnt sich ein Besuch auf dem Festplatz.

          Ein Zirkus lebt von Neuerungen

          Direktor Bernhard Paul hat nie Sensationszirkus gemacht. Seine Programme sind nicht Angebereien, sondern geprägt von einer poetischen Grundhaltung, die dem Ideal der Schönheit und Harmonie verpflichtet ist. Alles passt in den Roncalli-Shows zusammen: die Farben, das Licht, die Töne, die Nummern. In anderen Zirkussen rasen fünf, sechs Motorradfahrer mit lautem Röhren und einem Affentempo durch eine Kugel aus Stahlgittern, bei Roncalli steigt ein Mann auf ein Fahrrad und dreht seine Runden in einem Rundgestell aus Holzlatten, das langsam in den Zelthimmel gezogen wird. Das ist artistisch genauso anspruchsvoll wie das Motorradfahren - aber weniger laut und auftrumpfend.

          Nicht dass Direktor Paul nicht dauernd neue Attraktionen suchte. Er weiß, dass ein Zirkus von Neuerungen lebt, dass das Publikum immer auch etwas sehen will, was noch nie gezeigt worden ist. In dieser Show ist das ein Spaziergang auf Flaschen, den der junge Michael Ortmeier hinlegt. Zum ersten Mal gezeigt hat er sein Kunststück in der Fernsehsendung „Wetten, dass...?“. Bei Roncalli ist daraus eine richtige Nummer geworden mit einer Uhr in der Mitte, deren Zeiger den Artisten bei seinem Balanceakt antreibt.

          Stolz durch den Himmel wandern

          Mittelmaß wird nicht geduldet bei Roncalli. Kaum zu glauben, mit welcher Waghalsigkeit die beiden Flieger der Cedeno Brothers sich von ihren Untermännern mit den Füßen durch die Luft schleudern lassen. Und mit welcher Kraft und Eleganz der Bulgare Encho Keryazov seine Handstände in den Himmel des Zeltes stemmt. Diese und andere Nummern sind nicht nur geprägt von einem hohen Schwierigkeitsgrad, sondern auch durch Pfiff. Der Schornsteinfeger Andrey Romanovsky verbiegt sich nicht nur, er faltet seine Glieder so kunstvoll zusammen, dass er - schwups - durch die Kaminröhre rutsch. Und Jemile Martinez jongliert nicht einfach mit Bällen, sondern im Jahr der Europameisterschaft mit Fußbällen.

          So darf der selige Angelo Giuseppe Roncalli also stolz durch den Himmel wandern und die Engel und Heiligen darauf aufmerksam machen, dass dort drunten auf der Erde ein nach ihm benannter Zirkus ein Lob auf Gottes Schöpfung und die Wunder dieser Erde singt.

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