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Weltkulturerbe durch Tabak : Traditionspflege auf dem Acker

Aromatisches Südhessen: ein Lorscher Tabakpflanzer bei der Ernte Bild: Stadt Lorsch

Die Stadt Lorsch hofft, Weltkulturerbe zu werden. Und das mit einem aus der Mode geratenen Produkt – es geht um Tabak.

          3 Min.

          Bei nicht wenigen Spargelbauern liegen die Nerven blank, weil dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie die ausländischen Erntehelfer nicht einreisen dürfen. Auch bei den Tabakbauern in Lorsch ist die Lage schwierig, aber nicht wegen bestehender Personalnot. Ihr Tabakprojekt funktioniert nur über ehrenamtliche Helfer aus der Stadt.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Für die müssen allerdings, wie Projektleiter Bernhard Stroick berichtet, wegen der Pandemie-Auflagen dieses Jahr genaue Einsatzpläne erstellt werden: „Nicht mehr als zwei Leute dürfen zusammenarbeiten, auch dann nur mit dem vorgegebenen Zwei-Meter-Abstand.“ Auf dem Frühbeet am historischen Trockenschuppen sollen so heute die verquollenen Samen ausgebracht werden. Danach muss das abgedeckte Beet bis Mitte Mai gewässert und belüftet werden. Erst nach den Eisheiligen dürfen die Pflänzchen ins Freie.

          Geprägt vom Tabak

          Der Tabakanbau in Lorsch ist 2013 vom Kulturamt der Stadt als Kulturprojekt neu initiiert worden. 300 Jahre lang, bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wurde in dem südhessischen Städtchen Tabak angebaut. Zeitweise arbeitete ein Drittel der Bevölkerung in der Herstellung von Zigarren. Die ganze Landschaft war geprägt von den hohen Stauden, den Tabakschuppen und den Manufakturen. Nach der Ernte waren die Bauernhöfe geschmückt mit den aufgefädelten Tabakblättern, die in luftigen Unterständen zum Trocknen hingen. Das ganze dörfliche Leben wurde geprägt vom Lebenszyklus dieser Pflanze: Der St. Josefstag im März markierte den Beginn der Wachstumsperiode, nach den Eisheiligen wurden die Pflanzen ins Beet gesetzt, die Kirchweih als Lorscher Kerb fand einen Monat früher im September statt, weil dann die Erntehelfer ausbezahlt waren und damit zu zahlungskräftigen Kunden wurden.

          Als die Stadt, in der sich das Unesco-Welterbe Kloster Lorsch befindet und die Geschäftsstelle des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald, 2013 dazu entschloss, den Tabakanbau wiederzubeleben, standen von Anfang an der kulturhistorische und soziale Aspekt im Vordergrund. Und der reicht seit der Anlage eines 1000 Quadratmeter großen Tabakbeetes über eine Besichtigung des Tabakmuseums hinaus.

          Stroick und den anderen Tabakpaten geht es darum, „die sozialen Rituale nachvollziehbar zu machen, die das Jahr prägenden Termine rund um den Tabak, das gemeinsame ,Beackern’, das Einbringen der Tabakernte und den Einblick in die Zigarrenproduktion“. Dass es in Lorsch seit 2014 eine „Lorsa Brasil“ gibt, die ein besonders aromatischer Geschmack auszeichnet, hat also weniger mit Nikotingenuss zu tun, als mit dieser Form lebendiger Vermittlung von Sozialgeschichte.

          Tabakkultur als Immaterielles Erbe der Menschheit

          Annemarie Remeza, selbst Tabakpatin, hat zwar keine Sorgen wegen der anfallenden Arbeiten. Die könnten von Einzelnen und auch Tandems ohne Probleme bewältigt werden. „Aber schade ist es schon, dass nicht alle beim traditionellen Aussäen dabei sein können.“ Das sei stets eine gesellige Angelegenheit mit Kaffee und Kuchen und der einen oder anderen Lorsa Brasil nach getaner Arbeit. In Lorsch gibt es dieses Jahr noch einen weiteren Grund, das Tabakprojekt fortzuführen und damit zu zeigen, „dass diese agrarische Kultur ungeheuer verbindenden Einfluss auf die Gemeinschaft hat“, wie Gabi Dewald vom Kulturamt der Stadt sagt. Der besondere Aspekt ist die im vergangenen Jahr begonnene Unesco-Initiative.

          Gemeinsam mit den Kommunen Heddesheim, Hockenheim, Schwetzingen und Hatzenbühl hat Lorsch beim Land Hessen den Antrag auf Eintrag der „Tabakkultur und Verarbeitung am Oberrhein“ als Immaterielles Erbe der Menschheit gestellt. Die Entscheidung darüber, ob der Antrag von Wiesbaden aus an die Bundesministerkonferenz weitergereicht wird, soll bald fallen.

          Unabhängig davon verfolgt Lorsch ein transnationales Kulturprojekt zum Tabakanbau, ein Austauschprojekt zwischen dem Tabakmuseum Lorsch und dem Museo del Tabaco Habana in Kuba. Ein weiteres Vorhaben betrifft eine kulturanthropologische Untersuchung zur Prägung deutscher und kubanischer Tabakgemeinden. Es gibt in Lorsch also starke Gründe, sich während der Arbeit auf dem Feld als „Kulturschaffender“ zu fühlen und als Bewahrer eines Menschheitserbes. Auch der Genuss einer Lorsa Brasil lässt sich als Traditionspflege verstehen. Wie Stroick berichtet, konnte mit dem Fermentieren der letzten Ernte im Januar begonnen werden. „Wir waren mit der Verteilung von Hitze und auch Feuchtigkeit sehr zufrieden.“ Der verarbeitungsfähige Tabak werde jetzt in die Manufaktur gebracht, damit daraus die typischen Lorscher Zigarren gerollt werden können.

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