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Krasser Mangel an Fachkräften : Lokführer dringend gesucht

Begehrte Fachkraft: Lokführer bei der Arbeit Bild: dpa

In den vergangenen Monaten haben Zugausfälle viele Fahrgäste in Rhein-Main verärgert. Die Verkehrsunternehmen wollen deshalb neues Personal einstellen. Aber das ist gar nicht so einfach. Obwohl Lokomotivführer Lukas hilft.

          „Ausfälle von Bahnen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt wegen Grippewelle.“ „Krankmeldung im Stellwerk wirbelt S-Bahn-Verkehr durcheinander.“ „Zugausfälle am laufenden Band in der Wetterau.“ Solche Meldungen haben in den vergangen Wochen und Monaten die Fahrgäste im Rhein-Main-Gebiet verärgert. Sie alle sind auf Personalnöte bei den Verkehrsunternehmen zurückzuführen. So sei etwa der Arbeitsmarkt für Lokführer leergefegt, sagte Knut Ringat, der Chef des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, vor vier Monaten mit Blick auf die personellen Engpässe.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Völlig unattraktiv scheint der Beruf des Lokführers, des Fahrdienstleiters und des Zugtechnikers aber doch nicht zu sein. Vor einem Zug an Gleis 21 im Frankfurter Hauptbahnhof warten beim Azubi-Casting der Deutschen Bahn AG jedenfalls an die 100 junge Frauen und Männer, um sich nach einem Ausbildungsplatz zu erkundigen oder sich sogar schon dafür zu bewerben. Lukas, der Lokomotivführer aus Michelstadt, der just seine Ausbildung abgeschlossen hat, und sein Kollege Yannik aus Friedberg, Lokomotivführer im ersten Lehrjahr, erklären interessierten jungen Menschen, was auf sie als Azubi in diesem Beruf zukäme. Das Fahren sei das Schönste, schwärmen beide. Doch zur Ausbildung gehörten auch Seminare, Berufsschule und das Pauken von Theorie.

          1100 Euro im dritten Lehrjahr

          Drei Jahre lang dauert die Ausbildung. Wenn man so fleißig und gut ist wie Lukas, erlassen die Ausbilder dem Lehrling ein halbes Jahr. Danach können die Azubis sofort bei der Bahn anfangen, denn der Konzern gibt allen Auszubildenden eine Beschäftigungsgarantie nach bestandenem Abschluss. Ein junger Mann mit kosovarischen Wurzeln zeigt sich wild entschlossen, sich als Lokführer-Azubi zu bewerben. 904 Euro Verdienst im ersten, 1100 Euro im dritten Lehrjahr, das sei doch nicht schlecht. Nach ein paar Jahren könne man bis zu 50 000 Euro im Jahr verdienen. Zudem sei bei der Bahn der Job sicher. Am liebsten möchte er einen ICE lenken.

          Lokomotivführer Lukas wird künftig am Steuer einer S-Bahn sitzen. Ihm ist es wichtig, dass er im Rhein-Main-Gebiet arbeitet, damit er nach dem Dienst heim nach Michelstadt fahren kann. Für ihn, der nach dem Abitur eigentlich Radiojournalist werden wollte, ist Lokomotivführer mittlerweile ein Traumberuf – auch wenn er im Schichtdienst arbeiten wird und wegen der vielen Verspätungen mit Unmut der Fahrgäste rechnen muss.

          Die Welt vom Cockpit eines ICE aus gesehen

          Die 20 Jahre alte Badia aus Dietzenbach, die gerne Fahrdienstleiterin werden möchte, der 18 Jahre alte Samuel aus Mannheim, der auf eine Ausbildung als Zugbegleiter aus ist, oder der 22 Jahre alte Owejb aus Bürstadt, der einmal die Welt vom Cockpit eines ICE aus sehen möchte, haben durchaus gute Chancen auf einen Ausbildungsvertrag. Denn die Bahn sucht, nicht anders als ihre Konkurrenzunternehmen wie etwa die Hessische Landesbahn oder die Busunternehmen im Land, händeringend nach Fahrern und anderen Mitarbeitern.

          600 Azubis möchte die Bahn in diesem Jahr allein in Hessen, dem Saarland und der Pfalz einstellen, berichtet Annamaria Dahlmann, Leiterin des DB-Recruiting in der Region Mitte. Zudem biete man noch 150 Stellen für eine duale Ausbildung an. 2018 habe man zum ersten Mal ein Casting in einem Zug veranstaltet. Das Interesse sei so groß gewesen, dass man diese Veranstaltung wiederhole und vor kurzem auch in Mainz und in Koblenz mit einer solchen Aktion präsent gewesen sei.

          Bahn sucht 22.000 Leute

          In Hessen benötige die Bahn in diesem Jahr 280 neue Lokführer und 150 Fahrdienstleiter, vermeldet die Recruiting-Chefin. Die Bahn stehe vor dem Problem, dass sehr viele ihrer Beschäftigten bald in Ruhestand gingen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre müssten 100.000 Mitarbeiter ersetzt werden. In diesem Jahr wolle die Bahn 22.000 neue Mitarbeiter einstellen. „Die Leute kommen nicht von selbst, wir müssen sie ansprechen“, sagt Dahlmann. Die Bahn mache Werbeaktionen in Schulen, vor Stadien, vor Baumärkten – also überall, wo viele Menschen anzutreffen seien. Man spreche potentielle Mitarbeiter aber auch über soziale Netzwerke wie Xing oder Linkedin an.

          Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt hat nach Zugausfällen wegen Personalmangels im vergangenen Jahr zusätzliche Leute eingestellt. Doch die waren noch nicht vollständig ausgebildet, als Anfang März die Grippe zuschlug und sich Fahrer reihenweise krankmeldeten. Im nächsten Jahr dürfte das Verkehrsunternehmen besser in der Lage sein, krankheitsbedingte Ausfälle zu verkraften.

          Enorme Kosten wegen vieler Ausfälle

          Der Ausfall von Zügen wegen Fahrermangels kostet die Bahn und andere Eisenbahnunternehmen, die im Auftrag des Rhein-Main-Verkehrsverbundes den Regionalverkehr bestreiten, jede Menge Geld. Denn in den Verträgen sind Strafzahlungen vorgesehen bei Ausfällen und Verspätungen. In der Rhein-Main-Region muss die Bahn jedes Jahr Strafen in Millionenhöhe entrichten.

          Die Ursache des Fahrermangels liege nicht darin, dass die Verkehrsunternehmen zu wenig Personal einstellten, sagte jüngst RMV-Chef Ringat. Vielmehr gebe es auf dem Arbeitsmarkt nicht genügend Fahrer. Man habe es in der Verkehrsbranche ähnlich wie im Gesundheitswesen mit einem Mitarbeiter-Notstand zu tun. Die Berufe des Busfahrers und des Lokomotivführers müssten als Mangelberufe anerkannt und die Ausbildung und Umschulung staatlich gefördert werden.

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