https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/schauspiel-frankfurt-bruecken-schlagen-18341995.html

Eröffnung Schauspiel Frankfurt : Neue Bilder auf den Bühnen

Mateja Meded, Miriam Schiweck und Katharina Linder (von links nach rechts) spielen Thomas Köcks „Solastalgia“. Bild: Robert Schittko

Brücken schlagen zu „Onkel Wanja“ und in die Freie Szene: Familien-Playback von Joana Tischkau und Weltschadenstheater von Thomas Köck am Schauspiel Frankfurt.

          2 Min.

          Thomas Köcks Auftragswerk „Solastalgia“ klingt, als hätten sich die düsteren Prognosen zur Natur und zur menschlichen Indolenz, die Jan Bosses Inszenierung von „Onkel Wanja“ ins Heute wendet, noch zugespitzt. Zu einem Weltschadensbericht, der kunstvolles Musiktheater ist. Mit den mittleren der vier Premieren zur Saisoneröffnung hat das Schauspiel Frankfurt Brücken geschlagen. Die eine von der ersten Premiere im Großen Haus in die Kammerspiele.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Die andere Brücke geht in die freie Szene, die in vorigen Koproduktionen des Schauspiels mit dem Mousonturm bekannte Gruppen wie Rimini Protokoll oder Forced Entertainment präsentiert hat. Mit der Frankfurter Choreographin Joana Tischkau und ihrem Bruder Aljoscha, der als Sozialpädagoge arbeitet, ist eine hiesige Handschrift im Bockenheimer Depot zu sehen. Mit Themen, die man sonst eher suchen muss: Geschwisterlichkeit, Familie auch jenseits der Blutsverwandtschaft, wie sie zumal in der amerikanischen Pop-, Fernseh- und Subkultur beschworen werden. Diese wiederum als Identifikationsmodelle auch für nichtweiße Personen in der deutschen Gesellschaft. Wobei die Wiedererkennensreaktionen des bunt gemischten Premierenpublikums auch bewiesen, wie schwer es gerade in der Kultur ist, mit Abgrenzungen zu arbeiten.

          Alf und Michael Jackson performen

          Das Bilden von Ähnlichkeiten, optisch, emotional, gesellschaftlich, stellt Bindung her, zeigt Joana Tischkau. Und auch, eine gute Stunde lang, was für eine tolle Performerin sie ist. Sie gibt den schmierigen Showmaster Werner, sie ist Michael Jackson und Alf. Ihre „Familie“ geben, neben Aljoscha, Karl-Ishan Barta, Joanna Bauer, Wadim Jurk, Silvie Mutl, Kaya Otto, Raissa Steinke, Christine Weissbrich, Lovester Wilson, von denen man kaum glaubt, dass sie gecastete Laien sind. Mit wenigen Ansagen im Fernsehstil entsteht eine souveräne textlose Kostümschlacht und Playback-Show. Identität und Interpretation hebt Tischkau in „Yo Bro“ auf die Bühne. Das ist, einerseits, viel, weil man es kaum sonst sieht. Andererseits fehlt jenseits des Mimetischen jede weitere Auseinandersetzung, die diese Bilder weiter trüge.

          Ein einziges ununterbrochenes „Weil“

          Das ist bei „Solastalgia“ anders. Die ebenso kurze Arbeit, eine Frankfurter Koproduktion mit dem Kunstfest Weimar, schließt an Köcks „Paradies“-Trilogie an, auch dort gibt es einen Vater, der sich selbst verbrennt. Nun ist diese Geschichte ein langer komplexer Strang, ein bitteres Klagelied, das sich mit einer Wut-Tirade mischt, orchestriert von den Musikerinnen Laja Haro Catalan, Maria Laura Oliveira und Patricia Pinheiro. Der Dramatiker Köck inszeniert selbst, mit einer Sorgfalt, die bis zu dem vom einem Pilzmyzel hergestellte Bühnenbild und den sprechenden Kostümen aus Plastikmüll und Neopren den Mythos eines deutschen Waldes, Turbokapitalismus und das buchstäbliche Burnout eines Vaters, scheinbar Disparates, ebenso desolat wie schlüssig zusammen bringt, als ununterbrochenes „weil“. Katharina Linder, Mateja Meded und Miriam Schiweck sprechen im Chor grandios präzise, spielen wundervoll in ständigen Stimmungswechseln von trockenem Witz bis Abgrund. Die übergroße Lautstärke kann getrost wegfallen. Man trägt auch so einen gewaltigen Nachhall aus dem Theater nach Hause.

          ■ „Yo Bro“, Bockenheimer Depot, nächste Vorstellungen am 26., 28., 29. September, „Solastalgia“, Kammerspiele, nächste Vorstellung am 14. Oktober.

          Weitere Themen

          Verspieltes bei Nima

          Geschäftsgang  : Verspieltes bei Nima

          In einer Randlage im Frankfurter Nordend behauptet sich seit 15 Jahren die Geschenke-Boutique Nima. Familien sind hier die besten Kunden.

          Topmeldungen

          Kandidat für den Senat: Herschel Walker

          Stichwahl in Georgia : Bloß nicht über Trump reden

          Vor der Stichwahl um den letzten offenen Senatssitz am Dienstag wollen die Republikaner vor allem eines: sich möglichst wenig mit ihrem früheren Präsidenten auseinandersetzen. Leichter gesagt als getan.
          Was wird aus Twitter?

          Kommunikation im Netz : Schlimmer als Twitter

          Elon Musk könnte seine Plattform ruinieren. Doch auf den möglichen Nachfolger Mastodon hat die Rechtsordnung keine gute Antwort. Ein Gastbeitrag.
          Wacker-Chemie-Werk in Nünchritz

          Wacker-Chemie-Chef Hartel : „Wir jammern zu viel in Europa“

          Die hohen Gaspreise seien weiter „absolut herausfordernd“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Münchner Spezialchemiekonzerns. Die Abkehr von fossilen Energien böte gleichzeitig große Chancen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.