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Jazz aus Frankfurt : Hansdampf in allen Gassen

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Umtriebig: Sebastian Sternal spielt nicht nur Jazz, sondern macht sich auch als Lehrer, Kurator und Netzwerker für das Genre stark. Bild: Mark Trebron

Der Pianist Sebastian Sternal ist nicht nur ein gefragter Jazz-Musiker, sondern auch ein umtriebiger Hochschullehrer und Netzwerker.

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          Normalerweise würde Sebastian Sternal dieser Tage nicht so entspannt seine kleine Tochter im Kinderwagen durch den Niddapark schieben. Doch auch der Elan des 36 Jahre alten Pianisten, der vergangenen Sommer der Liebe wegen nach Frankfurt gezogen ist, wird derzeit von der Corona-Pandemie ausgebremst. Eigentlich sollte Sternal dieser Tage mit Frederik Kösters Band Die Verwandlung auf der Bühne stehen. Für Mai waren neun Konzerte mit Denis Gäbel, Clarence Penn und Reuben Rogers geplant, zudem eine Aufnahme im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks. Der Semesterstart an der Hochschule für Musik in Mainz wurde bereits verschoben, der Unterricht findet zunächst nur online statt, was einige Änderungen im Lehrplan erforderte.

          Mit gerade mal 31 Jahren wurde Sternal 2015 zum Leiter der Abteilung für Jazz und populäre Musik an der Mainzer Hochschule berufen. Zuvor hatte er dort vier Jahre eine halbe Professur inne. Seitdem zeigt er bei der Ausgestaltung seiner Aufgaben viel Einsatz und Einfallsreichtum. Mit Verve hat er der Jazz-Abteilung ein neues Renommee verschafft, das mittlerweile bundesweit ausstrahlt. Nicht zuletzt durch die Berufung neuer Dozenten und Lehrbeauftragter wie der Posaunistin Shannon Barnett, die als ausdrucksstarke Virtuosin bekannt ist und so keinen Verdacht aufkommen ließ, „Quotenfrau“ zu sein. Darüber hinaus gelang es Sternal, den Jazz in die städtische Gesellschaft zu bringen. „Ich habe Spaß am Gestalten und natürlich auch den Vorteil, dass ich mich hier auskenne“, sagt der gebürtige Mainzer.

          Leben für die Musik

          Sein Talent als Netzwerker ist fast so beeindruckend wie seine Musik, für die er unter anderem mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, dem Neuen Deutschen Jazzpreis und dem WDR Jazzpreis ausgezeichnet worden ist. 2010 gewann er in Paris den internationalen „Concours de piano jazz Martial Solal“. Sternal ist nicht nur ein brillanter Pianist und eigenständiger Komponist, sondern auch ein überzeugender Redner. Eine 2012 von ihm initiierte Konzertreihe im Mainzer Konzertsaal Frankfurter Hof lockte zu inzwischen rund 30 Veranstaltungen jeweils 200 bis 300 Jazzfans, Honoratioren und politisch Verantwortliche. Die oft um ein bestimmtes Thema kreisenden Programme bringen Studenten und nationale oder gar internationale Jazzmusiker zusammen. Für einen Abend über Chet Baker konnte Sternal auch den „heute-journal“-Anchorman Claus Kleber als Moderator gewinnen. „Die Konzerte haben eine Botschafter-Funktion, sie verstehen sich als Türöffner, um die Leute auch mal zu kleineren Veranstaltungen zu bringen“, sagt er. Weiterhin hat Sternal ein prominent besetztes Kuratorium für die Jazz-Abteilung gegründet, dem unter anderem Kleber und Lars Reichow angehören. „Es kann Jazz präsent machen und bürgerliche Kräfte aktivieren. Auch im Hinblick auf Fundraising, das unsere Arbeit unterstützt und die Umsetzung weiterer Ideen ermöglicht“, sagt der Pianist.

          Mancher mag mutmaßen, dass unter einem so umfassenden Hochschul-Engagement die Kunst leiden könnte. Aus Sternals Sicht gilt jedoch das Gegenteil. Er habe festgestellt, dass ihm universitäre Arbeit noch mehr künstlerische Freiheit ermögliche. „Das Existentielle in der Musik definiert sich für mich nicht darüber, dass ich von ihr leben muss. Ich drücke mich durch und in der Musik aus, das war als Kind schon so, und das wird auch immer so bleiben. Heute kann ich mich umso mehr in künstlerische Risiken stürzen und Projekte aussuchen, für die ich wirklich brenne. Das ist ein echtes Privileg“, schwärmt er. Hinzu komme, dass ihn die pädagogische Arbeit inspiriere: „Meine innerlichen Quellen werden aktiviert, zum Beispiel wenn die Studierenden Musik mitbringen, die ich noch nicht kenne. Außerdem muss ich Dinge beim Erklären ganz anders durchdringen und habe dabei oft ungeahnte Erkenntnisse. Solche Situationen und Auseinandersetzungen empfinde ich als sehr bereichernd.“

          Über Horizonte hinausblicken

          Sternals nächstes großes Uni-Projekt heißt „Jazz Campus Mainz“ und wird 2021 richtig anlaufen. Es umfasst die Einrichtung einer „Jazz Summer School“ und die Etablierung eines europäischen Ensembles, das von internationalen Jazzmusikern angeleitet wird und regelmäßig in Mainz zusammenkommt.

          Am 2. Oktober 1983 geboren, erhielt Sternal mit sechs Jahren klassischen Klavierunterricht. Sein Lehrer war kein Purist und brachte dem Jungen nach einiger Zeit auch amerikanische Jazz-Standards, genretypische Spielweisen und Grooves nahe. Stilprägende Figuren wie Herbie Hancock und Oscar Peterson elektrisierten das erst elf Jahre alte Talent, gleichzeitig wurde Sternal von seinem Lehrer darin bestärkt, zu improvisieren und sich eigene Stücke auszudenken. Mit 15 Jahren kam er ins Bujazzo, das Jugendjazzorchester der Bundesrepublik, für das er bald auch komponierte. Dem Klavierstudium in Köln folgte ein weiteres für Komposition, in dessen Rahmen er von Herbst 2007 an ein Jahr lang in Paris lebte.

          Von jeher blickt Sternal gern über Horizonte hinaus, nicht nur musikalisch. Schon zum Abitur wurde er Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und konnte so auch Netzwerkerfahrungen sammeln. Sein 2011 gegründetes Ensemble Symphonic Society umfasst acht Jazzer und ein Streichquartett, es vereint wegweisend Einflüsse aus Klassik, Moderne und Improvisationen. Die beiden herausragenden Alben der Formation wurden jeweils mit Jazz-„Echos“ der Phonoakademie ausgezeichnet. Einen weiteren dieser Jury-Preise erhielt Sternal 2018 für sein Trio-Album „Home“, eingespielt mit dem langjährigen Weggefährten Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und dem amerikanischen Star-Bassisten Larry Grenadier. Im Oktober will Sebastian Sternal zwei neue Produktionen umsetzen, nämlich sein erstes Soloalbum und ein erstes Album mit dem seit 2016 bestehenden Trio mit Burgwinkel und der französischen Trompeterin Airelle Besson. Und wenn das Coronavirus erst einmal im Griff ist, wird der umtriebige Sternal sicher wieder in verschiedenen Konstellationen auf hiesigen Bühnen zu erleben sein.

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