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Wiesbaden streitet weiter : Entscheidung um Netrebko-Auftritt vertagt

Höchst umstritten: Die russische Opernsängerin Anna Netrebko vor dem Wiesbadener Kurhaus im März 2012 Bild: ddp

Im Streit um die geplanten Netrebko-Auftritte bei den Maifestspielen vertagt die Stadt Wiesbaden die angekündigte Entscheidung. Die Anhänger der Opernsängerin üben Kritik.

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          Im Streit um die geplanten Auftritte der russischen Opernsängerin Anna Netrebko bei den Internationalen Maifestspielen hat der Wiesbadener Magistrat am Dienstag keinen Beschluss gefasst. Das teilte das Pressereferat der Stadt mit. Wie berichtet, hatten Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Kulturdezernent Axel Imholz (beide SPD) tags zuvor eine Entscheidung angekündigt und einen Verzicht der Landeshauptstadt Wiesbaden auf repräsentative Veranstaltungen bei den Maifestspielen als „konsequent und in der Sache das richtige Signal“ bezeichnet.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.
          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Weil die Sitzungen des Magistrats vertraulich sind, gab der Sprecher der Kommune zum unerwarteten Verlauf der Diskussion keine Erklärung ab. Nach Informationen der F.A.Z. trat Mende für den von ihm ursprünglich angestrebten Verzicht auf repräsentative Veranstaltungen nicht mehr ein, während Imholz an der Sitzung nicht teilnahm.

          Der Zurückhaltung des Oberbürgermeisters entsprachen die meisten Diskussionsbeiträge. Es wurde davor gewarnt, den bereits entstandenen Imageschaden noch größer werden zu lassen. Es sei misslich, dass der Konflikt zwischen Stadt und Land auf der einen und dem streitbaren Intendanten des Staatstheaters, Uwe Eric Laufenberg, auf der anderen Seite nun öffentlich ausgetragen werde.

          „Egomane“ Laufenberg

          Der bei Weitem größte Zuschuss für die Ausrichtung der Maifestspiele stammt aus der Stadtkasse. Laufenberg, der über die Mittel verfügen kann, hat Netrebko engagiert, obwohl sie wegen ihrer Haltung zum Angriffskrieg Russlands auf der Sanktionsliste der Ukraine steht.

          Von seinem Vorhaben hat der Intendant sich bislang nicht abbringen lassen. Er sei nun einmal ein „Egomane“, hieß es in der Sitzung des Magistrats. Eigentlich müsse er sofort gehen. Den Streit mit ihm fortzusetzen füge dem Ansehen der Stadt und der Maifestspiele jedenfalls weiteren Schaden zu. Im Übrigen sei es nicht konsequent, Festspiele, die man selbst zum größten Teil finanziere, nur punktuell zu boykottieren. Dann solle man sie besser gleich vollständig absagen.

          Für Gesprächsstoff sorgte auch Laufenbergs Auskunft zu den vorgesehenen ukrainischen Produktionen. Man sei gespannt, ob das Taras-Schewtschenko-Theater aus Charkiw und das ukrainische Nationalorchester an Netrebkos Auftritt tatsächlich „nichts auszusetzen“ hätten. Wenn dies so sei und sie wirklich aufträten, müsse die Stadt sich fragen, ob sie mit einem Boykott nicht überreagiere. Unterdessen wird aus dem Staatstheater bestätigt, die beiden ukrainischen Ensembles seien engagiert und seien auch schon zuvor im Kontext mit russischen Künstlern aufgetreten.

          Denkbar sei es beispielsweise auch, so hieß es aus Magistratskreisen, an den beiden Tagen, an denen Netrebko auftrete, die Wilhelmstraße mit den ukrainischen Nationalfarben zu beflaggen. Angesichts der Umstände und der Wortbeiträge herrschte im Magistrat Einigkeit darüber, die Festlegung noch nicht zu treffen. Die nächste turnusmäßige Sitzung des Magis­trat findet in einer Woche statt.

          Hinter vorgehaltener Hand wurde moniert, dass Mende und Imholz sich „sehr weit aus dem Fenster gelehnt“ hätten, als sie den Verzicht der Stadt auf repräsentative Veranstaltungen am Montag ohne Not in einer Pressemitteilung angekündigt hätten. Es wurde aber auch Kritik an der Vorgehensweise der Landesregierung geäußert. Sie sei mit dem Boykott zu weit vorgeprescht, hieß es. Dagegen wurde eingewandt, dass das Land sich in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit der Stadt geäußert habe. Sie sei offensichtlich abgestimmt gewesen. An die Ankündigung des Oberbürgermeisters und des Kulturdezernenten habe sich die Stadt aber nun nicht gehalten.

          Entscheidung wohl schon lange abgesprochen

          Aus dem Staatstheater ist zu hören, die Absichten, die Maifestspiele politischen Gefangenen zu widmen, seien weit vor der aktuellen Erklärung bekannt gewesen. Laufenberg habe sie am 10. Januar mitsamt der vertraglichen Verpflichtung Netrebkos im Magistrat „unter Applaus“ präsentiert. Nachdem Bedenken des Magistrats geäußert worden seien, habe Laufenberg am 17. Januar dem Kulturdezernenten schriftlich geantwortet. Weder sei Netrebko eine Beteiligung am Angriffskrieg vorzuwerfen, noch habe eine Sanktionsliste der Ukraine extraterritoriale Wirkung. Der Vertrag sei einzuhalten.

          Der Vorsitzende des Förderkreises der Maifestspiele, Alexander Klak, äußerte im Namen des Vorstands sein Befremden über die Reaktionen von Stadt und Land. Seines Wissens sei die Absicht, Netrebko zu engagieren, schon lange abgesprochen gewesen. Man habe sich überregionale Ausstrahlung der Festspiele von diesem Engagement erhofft. 2022 hat der Förderkreis 200.000 Euro eingeworben, in der Regel sind es laut Klak um die 100.000 Euro je Festival, der Verein ist somit ein wesentlicher privater Geldgeber. Der Vorstand hat schon am 19. Januar an Mende und Imholz geschrieben, mit der Bitte, die Politik aus dem Theater zu lassen. Die Mitglieder seien über die Sache informiert, es habe keinen Widerspruch gegen das Engagement Netrebkos gegeben.

          Das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, mit der Stadt Dienstherr des Theaters, erklärt auf Anfrage, es sei „wie die gesamte Landesregierung der Ansicht, dass das Engagement von Frau Netrebko angesichts des Überfalls der russischen Föderation auf die Ukraine und der dort begangenen Kriegsverbrechen völlig unangemessen ist. Die Etats von Theater und Festival seien getrennt, das Ministerium unterstütze die Stadt jeweils mit einer Produktionsförderung für einen Programmpunkt in Höhe von bis zu 75.000 Euro. Noch liege kein Antrag vor, welcher Programmpunkt das in diesem Jahr sein werde. Das Ministerium habe „nicht die Absicht, die Opernvorstellungen mit Frau Netrebko zu unterstützen.“

          Die Einladung von Netrebko und die Tatsache, dass ihr Name in einer Pressemitteilung mit der von Opfern von Unrechtsregimes genannt werde „als Provokation gegenüber allen wahrgenommen, die unter den täglichen Angriffen Russlands auf die Ukraine leiden oder bei uns davor Schutz suchen.“

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