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Kneipensterben in Bornheim : Im traurigen Dorf

Ihr Leben war die „Eulenburg“: Weil die Apfelweinschenke zum Wohnhaus wird, zieht Margrit Henze aus. Bild: Eilmes, Wolfgang

Die „Eulenburg“ schließt - auch andere Lokale im Frankfurter Stadtteil Bornheim stehen vor einer ungewissen Zukunft. „Das lustige Dorf ist heute das traurige Dorf.“

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          Vielleicht liegt es auch ein bisschen am Apfelwein. Die Jugend jedenfalls habe sich nie richtig an das saure Getränk gewöhnt, meint Margrit Henze. So sind es vor allem die vielen Stammgäste, die die Nachricht der Chefin mit Tränen in den Augen aufnehmen: Die „Eulenburg“ in Alt-Bornheim schließt - nach 160 Jahren in Familienhand. Die Wirtin kann es selbst kaum fassen: „Mein Leben war nur die ,Eulenburg’. Das tut weh.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frau Henzes Mann Dirk ist krank. Seit 1960 kümmert er sich zusammen mit seiner Frau um die Wirtschaft. Doch die Beine wollten nicht mehr, der Wirt kann die Treppen nicht länger alleine steigen. Die Henzes suchen darum eine behindertengerechte Wohnung. Ihr Sohn Christoph, der seit 1994 in der Küche steht, wollte zwar weitermachen. Aber nicht alleine.

          Bald muss das Haus leer übergeben werden

          Vergeblich hat Margrit Henze nach einem Nachfolger gesucht, der in das Traditionslokal einsteigt. Sie tat es im Stillen und ärgert sich heute, dass sie es nicht an die große Glocke gehängt hat: „Das war ein Fehler.“ In ihrer Not hat sie das Haus an einen Bauherrn verkauft, der auf dem dreieckigen Grundstück Wohnungen errichten will. Die alte Gastwirtschaft, ein dreistöckiges Gebäude von 1899, werde entkernt und ebenfalls zum Wohnhaus, sagt Frau Henze.

          Zum 30. Juni müssen die Henzes das Haus leer übergeben. Schmerzhaft wird es vor allem, das Mobilar der Wirtschaft rauszureißen. Die holzverkleideten Wände, die Bänke, der Tresen, die Bembel auf den Regalen. Am 2. Juni gibt es eine Abschiedsparty für die Stammgäste, mit Livemusik im Hof. Danach wird entrümpelt. Krimskrams, Gläser, Möbel, alte Eulen in aller Form, geschnitzt und aus Stoff, werden am 7. Juni bei einem Flohmarkt in treue Hände übergeben. Einige ausgestopfte Vögel nimmt das Senckenberg-Museum.

          Traditionskneipen vor ungewisser Zukunft

          Die Eulengasse war nicht nur das Elternhaus von Christoph Henze. Der Sohn der Wirtsleute ist dort auch aufgewachsen, er hat im Hof seinen ersten Apfelwein gekeltert und schließlich die Küche übernommen. „Ich stehe ohne alles da“, sagt er - und unterstützt doch die Entscheidung seiner Eltern, einen „bösen Schlussstrich“ zu ziehen. Auch, wenn viele das nicht verstünden. Zuletzt, nachdem der Vater beide Beine verloren hatte, haben sie ihn morgens runter- und abends wieder hochgetragen. Das fest im Bornheimer Vereinsleben verwurzelte Lokal mit Platz für 200 Gäste wurde dem Sohn allein zu viel. Anderen Apfelweinschenken in Bornheim gehe es nicht viel besser, sagt er. „Das lustige Dorf ist heute das traurige Dorf.“

          Inzwischen blicken mehrere Traditionskneipen in Bornheim in eine ungewisse Zukunft. Einige stehen vor einem Generationenwechsel, in dem seit 100 Jahren als Familienbetrieb geführten „Weida im Blauen Bock“ wechselt der Pächter. Das „Malepartus“ an der Bornheimer Landwehr hat ein neuer Wirt übernommen. Und das Haus des „Klabunt“ wird sogar abgerissen. Seit sieben Jahren wird man in der Kneipe an der Berger Straße mit Satire und Lesungen unterhalten, und im Oberbürgermeisterwahlkampf war die Stammkneipe der „Titanic“ sogar die inoffizielle Wahlkampfzentrale des Kandidaten Oliver Maria Schmitt (Die Partei).

          Auf der Suche nach einem neuen Domizil

          Zum 30. Juni ist dem „Klabunt“ gekündigt worden. Überraschend kam das nicht. Die Brache nebenan wartet schon seit Jahren auf eine Bebauung. Nun errichten zwei Bauherren, die Langener ACC Liegenschaftsverwaltung und der Eigentümer Heinrich Gaumer, dort und auf dem „Klabunt“-Grundstück ein Wohn- und Geschäftshaus mit 30 Mietwohnungen und 1000 Quadratmeter Einzelhandel im Erdgeschoss. Hinzu kommt ein Parkhaus mit 200 Plätzen. Dem Architekten Jochem Jourdan zufolge ist der Bauantrag gestellt, noch in diesem Jahr soll der Abbruch beginnen. „Eine nicht vernünftig genutzte Brachfläche steht alsbald dem Wohnungsbau zur Verfügung. Das ist ein Gewinn“, meint der Sprecher des Planungsdezernats.

          Bedauerlich nur, dass Bornheimer Traditionskneipen dafür weichen müssen. „Klabunt“-Pächter Andreas Kramer ist noch auf der Suche nach einem neuen Domizil. In der „Eulenburg“ aber ist in ein paar Wochen ein für alle Mal Schluss.

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