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Flucht vor den Nazis : „Rettet wenigstens die Kinder!“

  • -Aktualisiert am

„Ein liebenswürdiges Kind“: Ellen Adler mit ihrem Akkordeon Bild: Angelika Rieber

Die Schriftstellerin Angelika Rieber hat zur Flucht jüdischer Kinder vor den Nazis nach Belgien recherchiert – und konnte dabei Überlebende aus Frankfurt ausfindig machen.

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          „Rettet wenigstens die Kinder!“ – So lautete sinngemäß die Forderung vieler ausländischer Hilfsorganisationen, nachdem im Zuge des Novemberpogroms von 1938 die deutschen Juden das Land kaum mehr verlassen konnten und somit in der nationalsozialistischen Falle saßen. Das britische Parlament beschloss denn auch zwei Wochen nach der Pogromnacht, 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland in England aufzunehmen. Es folgten die berühmten Kindertransporte auf die Insel.

          Weniger bekannt sind jene nach Belgien. Denn auch dieses Land hatte sich bereit erklärt, 1000 jüdische Kinder ins Land zu lassen. Angelika Rieber aus Oberursel, die Ende 2018 zusammen mit Till Lieberz-Groß das Buch „Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main“ herausgegeben hat, recherchierte über diese Kinderemigration nach Belgien und ist dabei auch auf Frankfurter Kinder gestoßen.

          Eines davon ist die 1927 geborene Ellen Adler, die mit ihren Eltern Hugo und Flora Adler und der vier Jahre älteren Schwester Inge am Reuterweg wohnte. Seit 1934 besuchte das Mädchen die liberale jüdische Schule Philanthropin an der Hebelstraße. „Sie ist ein liebenswürdiges Kind. Im Unterricht hat sie Eifer und Lebhaftigkeit gezeigt“, zitiert Rieber aus dem Abgangszeugnis von Ellen Adler.

          Traumatisiert durch das Konzentrationslager

          Ihre Familie war recht gutsituiert, denn der Vater besaß einen Großhandel für Schmuckwaren an der Gutleutstraße nahe dem Wiesenhüttenplatz. Der Druck auf ihn als Jude wurde immer größer, so dass er sich Anfang November 1938 gezwungen sah, das Geschäft seinem Partner zu übergeben. Nach der Pogromnacht wurde Hugo Adler frühmorgens von drei Männern aus seiner Wohnung gezerrt und nach Buchenwald verbracht. Drei Wochen später verließ er das Konzentrationslager bei Weimar als gebrochener Mann. „Seine Augen waren geschwollen und blutunterlaufen, seine Kleidung verschimmelt“, berichtete seine Ehefrau Flora in einem Brief.

          Hugo Adler war derartig traumatisiert, dass er zitterte und weinte, wenn es an der Tür schellte. Er dachte, die Gestapo würde ihn wieder holen. Ihrem Mann sei der Lebensmut verlorengegangen, erzählte Flora Adler später. Immerhin gelang es Hugo Adler, im Februar 1939 nach England auszureisen. Seine Frau und die Tochter Inge folgten wenige Wochen später, wie Rieber recherchiert hat.

          Die elf Jahre alte Ellen war zu diesem Zeitpunkt längst in Belgien. In ihrem Zug, der im Dezember Deutschland in Richtung Brüssel verlassen hatte, spielte Ellen für die mitreisenden Judenkinder auf ihrem Akkordeon. Dieses Instrument ist auch auf einem Foto von Ellen Adler zu sehen, das erhalten geblieben ist. Zwei Monate lang lebte das Mädchen in einem Kinderheim in Belgien, später nahm ein kinderloses Ehepaar, das sie adoptieren wollte, Ellen auf. Zu ihrem Glück konnte sie im Juli 1939 zu ihren Eltern nach England ausreisen. Denn ein knappes Jahr später, im Mai 1940, besetzten die Deutschen Belgien, womit das Leben der Mädchen und Jungen aus den Kindertransporten wieder bedroht war.

          Überleben in Belgien

          Rieber hat versucht herauszufinden, wie viele Kinder aus den Rettungstransporten nach Belgien überlebt haben, doch genaue Zahlen darüber gibt es nicht. Nach Belgien eingewandert sind 931 Kinder, verlassen haben das Land wieder 292 Mädchen und Jungen. 131 erreichten wie Ellen England, 15 schafften es nach Palästina, 52 kehrten nach Deutschland zurück und wurden vermutlich im Holocaust ermordet. Man weiß indes nicht, wie viele der Kinder, die in Belgien verblieben, am Leben geblieben sind. Nicht bekannt ist ebenso, wie viele ihre Eltern wiedersehen konnten.

          Aber Forscherin Rieber konnte Belege finden, dass mehrere Kinder aus Frankfurt deportiert und getötet wurden, zum Beispiel Leo Weiß, Alice Gottlieb oder Hilde Strauß. Auch Ellen Adlers Tante Charlotte Meyer und ihre 1937 geborene Cousine Renée Louise wurden 1943 deportiert und in Auschwitz umgebracht. Ellen hingegen konnte zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester im September 1940 in die Vereinigten Staaten ausreisen. Dort wurde sie Krankenschwester.

          Ihren Kindern hat Ellen Adler nichts von ihrem Schicksal erzählt, sie wollte eine unbelastete Amerikanerin sein. Erst gegenüber ihren Enkelkindern öffnete sie sich. 2003 nahm Ellen Leimann, wie sie nun hieß, an einem Besuchsprogramm der Stadt Frankfurt teil und besuchte ihre ehemalige Heimatstadt. An der IGS Nordend hat sie damals Schülern von ihrem Schicksal erzählt.

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