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Hessische Jugendherbergen : Herbergen für Halbschläfer

Jugendherbergen sind noch immer das, was sie immer schon waren: günstig und sympathisch, aber nichts für Langschläfer. Bild: dapd

Jugendherbergen sind auch heute noch das, was sie immer schon waren: einfach, günstig, sympathisch - und eher nichts für Leute, die am nächsten Tag fit sein müssen. Egal, ob man in der kleinen hessischen Herberge in Waldeck nächtigt oder im riesigen Frankfurter Haus der Jugend: Kuriose Leute trifft man überall.

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          Gulasch und Früchtetee

          Der Weg zurück in die Schulzeit führt über eine Steintreppe, durch eine Holztür und einen schmalen gefliesten Gang. Die Tür zu Zimmer1 quietscht. In dem schmalen Raum stehen ein Stockbett, ein karger Holzschrank, ein Tisch, ein Stuhl. Über dem Eckwaschbecken hängt ein Spiegel. Das einzige Fenster ist hoch gelegen und ziemlich klein. Der dunkelbraune Läufer auf rötlich-braunen Fliesen ist mit Brandlöchern übersät. Es riecht süßlich. Eine Übernachtung hier, in einem Zwei-Bett-Zimmer der Jugendherberge in Waldeck, kostet 23,90Euro - inklusive warmem Abendessen, Frühstück und Bettzeug.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Haus mit seinen 163Betten liegt am Edersee in Nordhessen. Kaum 400Meter sind es vom Hinterausgang bis zum Ufer, es geht einen Rasenhang hinunter, dort stehen ein paar Schaukeln und zwei kleine Fußballtore. Kinder toben über das große Grundstück. Vor allem Schulklassen kommen in die Herberge. Der fehlende Komfort macht ihnen nichts aus. 2011 zählte Waldeck unter den 36 Jugendherbergen in Hessen trotzdem die wenigsten Übernachtungen: Es waren exakt 9921.

          Das Gulasch zum Abendessen schmeckt so, wie Gulasch schmecken muss. So hat es schon 1987 im Sauerland geschmeckt, 2001 in Mecklenburg auch, und daran hat sich, Gott sei Dank, auch im Sommer 2012 nichts geändert. Das Gulasch ist leicht pampig, aber bissfest. Dazu gibt es Reis. Natürlich findet sich auch der kalte Früchtetee, allerdings nicht mehr wie früher in schweren Metallkannen, die ein Kind alleine kaum zum Tisch schleppen konnte. Der Tee kommt wie das Wasser aus einem schicken Spender.

          Eben betritt Frau Maier den Speisesaal. Hätte man irgendwo auf der Welt ihren Beruf raten müssen: Lehrerin wäre in der sehr engen Auswahl gewesen. Hier aber, am langen Esstisch einer Horde Zehnjähriger, macht das Raten keinen Spaß. Frau Maier sagt: „Halb acht, denkt diesmal an festes Schuhwerk.“ Eine gute Stunde später werden ungefähr 20Grundschüler zu beobachten sein, die vor dem Eingang zur Herberge auf einer Steinmauer sitzen und einem Naturburschen lauschen, der zum Beispiel von ihnen wissen will, warum Fledermäuse eigentlich so große Ohren haben.

          Bis dahin grüßt Dennis im Speisesaal jeden. „Hallo, ich bin Dennis.“ Sein Deutschland-Trikot hat die Tage nicht unbeschadet überstanden. Kaum anzunehmen, das er es wechseln wird, bevor er nach Hause fährt. Ein anderer Junge mit runder Brille beißt herzhaft in eine Leberwurststulle. Seine Klassenkameraden erfreut er kauend mit der Essensregel: „Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König, abends wie Bettelmann.“

          Aus dem Untergeschoss klackert ein Tischkicker, von draußen tönt das Klick-Klack einer Tischtennisplatte im Dauerbetrieb. Flipflops klatschen auf Flurfliesen, Kinderlachen schallt durch die Gänge. Die Duschräume sind schlicht, um es vorsichtig zu sagen. Kaum ein Hallenbadbetreiber würde sich trauen, sie seinen Badegästen anzubieten. Aber die Fliesen sind sauber, und die Duschen gehen nicht nach ein paar Sekunden wieder aus. Da ist es sogar fast nicht so schlimm, dass die Tür zur Toilette die ganze Nacht lang mit der Tür von Zimmer1 verwechselt wird.

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