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Hessen : 25 Prozent mehr Gewalttaten gegen Polizisten

Etwa bei den Krawallen Ende März in Frankfurt wurden Polizisten verletzt Bild: REUTERS

Die Gewalt gegen Polizeibeamte in Hessen nimmt zu, ebenso in anderen Bundesländern. Nach einer Studie sind die Täter meist alkoholisiert. Innenminister Rhein fordert eine bessere Eigensicherung der Beamten.

          Der Notruf, der am frühen Sonntagmorgen um kurz nach zwei in der Leitstelle des Frankfurter Polizeipräsidiums einging, klang wie einer von vielen. Mehrere betrunkene junge Männer, hieß es, gingen in einem Park aufeinander los. Die Situation drohe zu eskalieren. Es dauerte nur wenige Minuten, bis der Streifenwagen am Bieberpark in Nieder-Eschbach eintraf. Die Beamten stiegen aus, gingen auf die Gruppe zu, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Nie im Leben hätten sie damit gerechnet, in dieser Nacht selbst Opfer von Gewalt zu werden, heißt es bei der Polizei. Doch als die Beamten schlichten wollten, griff die Gruppe plötzlich an - und verletzte einen der Polizisten mit einem harten Gegenstand so schwer, dass er benommen zu Boden ging. Anschließend traten sie auf ihn ein.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Derartige Gewaltexzesse gegen Polizisten sind kein Frankfurter Phänomen - und auch nicht gänzlich neu. Doch sie beunruhigen die Polizei in hohem Maße, denn die Fallzahlen nehmen stetig zu, wie ein bisher noch unveröffentlichtes Lagebild ergeben hat, das das Landespolizeipräsidium erstellt hat. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Übergriffe demnach um 25,7 Prozent gestiegen.

          1782 Fälle registriert

          Für die Studie wurden alle Fälle aus dem Jahr 2011 ausgewertet, bei denen Polizisten im Dienst angegriffen worden sind. Insgesamt 1782 Fälle wurden registriert, davon ereigneten sich 1663 im Streifendienst, 119 in „geschlossenen Einheiten“ der Bereitschaftspolizei, etwa bei Demonstrationen oder Fußballspielen. Bei den Angriffen auf uniformierte Beamte im Streifendienst erlitten die Polizisten in einem Viertel der Fälle Körperverletzungen. Die restlichen Fälle bezogen sich auf Widerstandshandlungen. Die Beamten der Bereitschaftspolizei waren etwa bei der Hälfte aller erfassten Angriffe einfacher oder gefährlicher Körperverletzung ausgesetzt.

          Auch über die Täter gibt die Studie Aufschluss: So konnten insgesamt 1025 Tatverdächtige ermittelt werden, von denen rund 77 Prozent unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol standen. Mit 66 Prozent alkoholisierter Angreifer im Jahr 2010 sei „dieser Einflussfaktor konstant hoch geblieben“, heißt es weiter. 82 Prozent der Tatverdächtigen waren männlich.

          Innenminister Boris Rhein (CDU) bezeichnet die Entwicklung gegenüber dieser Zeitung als „beunruhigend“. Angriffe auf Polizisten seien nicht akzeptabel, sie seien letztlich Angriffe auf die Gesellschaft, sagt er. Solchen Vorfällen sei am besten mit einer verbesserten Aus- und Fortbildung zu begegnen. Die Beamten müssten in der Eigensicherung intensiv geschult werden, damit für sie die Gefahr, in Einsätzen verletzt zu werden, sinke. Teilweise sei das schon geschehen. „Früher hat es die Diskussion um die Schutzweste gegeben, heute trägt sie jeder Beamte.“

          Klage über zu milde Strafen

          Die Polizei klagt aber nicht nur über die offenbar steigende Zahl von Angriffen, sondern auch darüber, dass die Täter aus ihrer Sicht oft mit zu milden Strafen davonkommen. In Einzelfällen würden sie gar nicht belangt, heißt es. Kritik an der Justiz wird insbesondere nach solchen Taten von Seiten der Polizei immer wieder laut. Auch im Fall des verletzten Beamten von Nieder-Eschbach ist dem so.

          Dem Vernehmen nach hat es bei dem Vorfall vom Sonntagmorgen neben den drei Festgenommenen einen vierten Tatverdächtigen gegeben, der den Behörden namentlich bekannt gewesen sei. Die ermittelnden Beamten sollen den zuständigen Staatsanwalt zweimal gebeten haben, Durchsuchungen bei dem Verdächtigen zu erwirken, wie zu hören war. Dies sei aber nicht geschehen. Gegen den Tatverdächtigen hätten daraufhin vorerst keine Ermittlungen eingeleitet werden können.

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