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Hersfelder Festspiele : Devot und herrisch

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Dunkelmänner: Szene aus „Der zerbrochne Krug“ mit Stephan Schad (links) als Dorfrichter Adam und Nikolaus Kinsky als Schreiber Licht Bild: dpa

Der frühere Intendant als Regisseur in Bad Hersfeld: Die Besetzung der Gerichtsrat-Rolle in Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ mit einer Frau ist ein Kunstgriff. Freytag verschiebt die Statik dieses Klassikers.

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          Der Herr Gerichtsrat Walter hat sein Geschlecht gewechselt. In die Gerichtsstube des Dorfes Huisum auf der Bühne der Stiftsruine von Bad Hersfeld tritt zur Verblüffung von Richter Adam und des Schreibers Licht eine Frau Gerichtsrätin. Den beiden Männern bleibt sekundenlang der Mund offen stehen. Das kann ja was werden, wenn nun schon gar die Weiber das Justizwesen und auch noch die Gerichtskasse visitieren.

          Des Richters und des Schreibers Befürchtungen sind berechtigt. Die löwenmähnige Blondine in ihrer perfekt sitzenden Uniform aus engen weißen Hosen, schwarzen Stiefeln und blauem Rock mit Weste drunter bringt die Männerwirtschaft in Huisum in der Tat gehörig durcheinander. Die Befürworter der Frauenquote in den Aufsichtsräten hätten ihre Freude daran.

          Nina Petri deutet Erbsenzähler um

          Die Besetzung der Gerichtsrat-Rolle in Heinrich von Kleists Lustspiels „Der zerbrochene Krug“ mit einer Frau ist ein Kunstgriff des Regisseurs Holk Freytag, der die Statik dieses vielgeliebten und -gespielten Klassikers verschiebt. Nina Petri, dem Publikum aus Film und Fernsehen wohlbekannt, macht aus dem Erbsenzähler und Paragraphenreiter Walter, als welcher der inspizierende Gerichtsrat sonst gerne gezeigt wird, eine Mitfühlende, die der Marthe Rull mit ihrem zerbrochenen Krug, temperamentvoll dargestellt von Marie Therese Futterknecht, und ihrer im Verdacht der Untreue stehende Tochter Eve Recht und Gerechtigkeit verschaffen möchte. Petri gibt diese Gerichtsrätin nicht auftrumpfend, sondern besonnen zurückhaltend. Der Kontrast zum egoistisch ganz auf sich selbst bezogenen Richter Adam wird dadurch umso schärfer.

          Mit der Statur dieses Sünders und genialen Lügners steht und fällt Kleists Komödie. In der Hersfelder Einspielung steht sie weitgehend, weil mit Stephan Schad ein Adam auf dem in der Mitte der Bühne errichteten einfachen Podest die Verhandlung leitet und erleidet, der das Devote dieser Figur gegenüber der höhergestellten Inspektorin wie auch das Herrische gegenüber den Klägern, Beschuldigten und dem Dienstpersonal - herrlich die beiden von den Schwestern Laura und Lisa Quarg karikierten Mägde - glaubhaft spielt. Er verblüfft mit seiner Fähigkeit, sich geistesgegenwärtig in jeder kritischen Situation eine neue Lüge einfallen zu lassen.

          Nicht immer verständlich gesprochen

          Allerdings hat Schad die kunstvoll gedrechselten Sätze, die Kleist seiner Hauptfigur in den Mund legt, nicht immer verständlich gesprochen. Und dies, obwohl er und alle anderen Darsteller mit Körpermikrophonen arbeiten, was bis vor kurzem in Bad Hersfeld undenkbar war außer im Musical. Nun aber hat das Festival ganz auf elektronische Verstärkung umgesattelt, was für die Ohren der Zuschauer vorteilhaft ist, wenn nicht gerade mal ein Wackelkontakt alles zunichtemacht.

          Auf eine Pause, die ja jetzt wegen der neuen Bestuhlung der Ruine möglich ist, verzichtet der bisherige Festspiel-Intendant Freytag, den sein Nachfolger Dieter Wedel in einer noblen Geste zu einer Regiearbeit einlud. Was eine kluge Entscheidung war. Eine Unterbrechung hätte den Fluss der Handlung, die sich in einem einzigen Raum abspielt, arg gestört.

          Jetzt läuft das Stück wie am Schnürchen der Entlarvung des alten Adam entgegen, der in der Hersfelder Version ein mittelalter Adam ist, dessen Trieb sich noch gewaltig regt. Hätte Schad nicht diese zwei blutigen Schrammen auf dem Glatzkopf, die ihm Eves Verlobter Ruprecht, dargestellt von dem agilen Sébastian Jacobi, mit der herausgerissenen Türklinke beigebracht hat, könnte er durchaus bei den Frauen noch landen. Er hat, wie man am Ende aus dem Mund der verhaltenen Eve-Darstellerin Andrea Cleven erfährt, ihr nur in ihrer Kammer tief in die Augen geschaut. Vielleicht hat Marthes Tochter aber auch einfach verschwiegen, dass Adam auch ein wenig handgreiflich geworden ist. Die ganze Wahrheit muss man ja in dem bigotten Dorf, in dem die Wahrheit kunstvoll verschwiegen oder zurechtgebogen wird, nicht sagen.

          Die gewaltige Tiefe und Breite der Bühne spielt Regisseur Holk Freytag nur an wenigen Stellen aus, etwa wenn er die Dorfbewohner hinter der Gerichtsstube wie auf einem Boulevard lustwandeln lässt. Einmal, als Frau Brigitte, die Viola von der Burg hinreißend als eine meschugge Seherin spielt, vom Teufel und seinen Spuren berichtet, die dieser im Schnee hinterlassen hat, stiehlt sich der Menschenteufel Adam ins Publikum. Jetzt, da in der Stiftsruine zusätzliche Gänge vorhanden sind, ist der Weg zum Zuschauer ja nicht mehr weit.

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