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Frankfurter Museumsaufseher : Hüter ihrer Lieblingswerke

„Sie ist perfekt, vollkommen“: Alexander Ulfig neben „seiner“ Maria-Skulptur Bild: Helmut Fricke

Sechs Frankfurter Museumsaufseher erzählen, welches Ausstellungstück ihnen am meisten bedeutet und warum. Sie berichten auch von Kollegen, die nicht mehr als den Mindestlohn erhalten, von schüchternen und von penetranten Besuchern.

          8 Min.

          Skulpturensammlung Liebieghaus

          „Nicht von dieser Welt“

          „Vor einiger Zeit habe ich eine Wohnung gesucht, was in Frankfurt nicht gerade leicht war. Trotzdem war ich nach kurzer Zeit erfolgreich: Jetzt lebe ich in einer wundervollen und bezahlbaren Wohnung und ich glaube, die Madonna hat mir dabei geholfen. Ich bin eigentlich ein Atheist, aber diese Maria ist nicht von dieser Welt. Seit ich vor zweieinhalb Jahren hier angefangen habe, halte ich regelmäßig Zwiegespräche mit ihr. Sie ist perfekt, vollkommen.

          Es ist nicht nur ihre äußere Schönheit, die mich fasziniert, diese Maria strahlt eine positive Energie aus. Ein Besucher hat mal die Theorie geäußert, es hätten schon so viele Gläubige zu der Maria gebetet, dass sich die hoffnungsvolle Energie der Betenden auf die Skulptur übertragen habe. Eigentlich glaube ich nicht an solche Dinge, aber in diesem Fall erscheint es mir plausibel.

          Es gibt im Menschen ein Bedürfnis nach Transzendenz, das man auch im Blick der Engel-Skulptur sieht, die neben der Maria steht. Wenn Sie das Liebieghaus besuchen, müssen Sie sich vor den Engel stellen und ihm direkt in die Augen schauen. Sehen Sie auch, wie filigran diese Köpfe aus dem Mittelalter gearbeitet sind. Das glaubt man gar nicht, wenn man an diese Epoche denkt, aber hier ist ein unglaubliches Können verborgen.

          Das Liebieghaus ist für mich das schönste Museum in Frankfurt. Hier bin ich lieber als im Städel Museum, wo ich auch noch eingesetzt werde. Die Kunst im Liebieghaus gefällt mir einfach besser. Ich mag eigentlich alles - von der Antike bis zum Impressionismus. Aber mit der Kunst danach kann ich schwer etwas anfangen, die Formen lösen sich auf.

          Ich beschäftige mich viel mit Philosophie. Wenn einmal nicht so viel los ist, denke ich über Gott und die Welt nach. Aber meistens habe ich gut zu tun. Ich bin recht streng und ermahne die Besucher auch, wenn sie den Kunstwerken unbeabsichtigt zu nahe kommen. Wissen Sie, ich liebe diese Skulpturen und will nicht, dass ihnen etwas passiert.“

          Alexander Ulfig, Aufsicht und Sicherheitskraft in der Liebieghaus Skulpturensammlung über die Skulptur „Maria einer Verkündigungsgruppe“ vom Meister von Großlobming, Wien, um 1400.

          Museum Judengasse

          „Hier zu arbeiten hält jung“

          „Als ich vor 70 Jahren geboren wurde, war der Sonntag noch ein besonderer Tag. Meine Eltern hatten nicht viel Geld, aber am Sonntag wurde ein Braten aufgetischt, und meine Mutter hat den Schrank aufgeschlossen und die Kaffeemühle rausgeholt. An den Duft, der durch die Küche strömte, wenn sie die Kaffeebohnen mahlte, erinnere ich mich heute noch. Darauf habe ich mich jede Woche gefreut.

          Deswegen ist dieser Gewürzturm auch mein absolutes Lieblingsstück hier im Museum. An Sabbat wurde er mit edlen oder auch mal weniger edlen Gewürzen gefüllt - je nachdem, was man sich als Familie gerade leisten konnte. Und dann wurde der Turm am Tisch herum gereicht und jeder hat daran gerochen, um sich mit dem Duft von Zimt und Nelken für den Rest der Woche zu stärken. Der Turm zeigt außerdem, wie Juden und Christen früher versöhnlich miteinander gelebt haben. Er wurde von einem christlichen Silberschmied für den Schabbat gefertigt. Das ist ein schöner Gedanke.

          Gewürzturm: das absolute Lieblingsstück von Rosemarie Savila

          Insgesamt sind nur noch sieben oder acht dieser Gewürztürme erhalten. Das habe ich in einer Führung gelernt. Ich höre immer gut zu, wenn Führungen hier stattfinden. Wenn ich mit Besuchern rede, versuche ich ihnen immer zu vermitteln, wie unglaublich schmal und eng die Häuser waren, in denen die Menschen in der Judengasse gewohnt haben. Die Gasse selbst war auch nur vier Meter breit.

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