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Frankfurter Künstlerin : In der Wolle gefärbt

  • -Aktualisiert am

Teils gesprüht, teils gemalt: Sarah Schoderer vor einer neuen Leinwand in ihrem Frankfurter Atelier Bild: Rainer Wohlfahrt

Vor kurzem war sie in Malaysia, seitdem lernt die Frankfurter Malerin Sarah Schoderer von der dortigen Batiktechnik für ihre eigene Kunst. Bald fährt sie wieder hin.

          3 Min.

          Manchmal lohnt es sich, in die Ferne zu schweifen. Zwei Monate lang hat Sarah Schoderer dieses Jahr in Südostasien gelebt und gearbeitet. Das Künstleraustauschprogramm „Air_Frankfurt“ brachte sie in die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur. An der Nordostküste der Malaiischen Halbinsel studierte die Malerin die regionale Batik-Tradition. Die in Kuala Terengganu ansässigen Textilfärbereien haben sie nachhaltig beeindruckt. „Ich habe Batikstoffe mit verschiedenen Motiven aus Malaysia mitgebracht“, sagt sie.

          In ihrem kompakten, unprätentiösen Arbeitsraum im Frankfurter Atelierhaus Basis zeigt Schoderer neue, noch unfertige Leinwandarbeiten. Sie hat auffallend leuchtende Acrylfarben verwendet. Einige Partien hat sie gesprüht, andere mit dem Pinsel aufgetragen. Florale Muster, die man aus ihren früheren Arbeiten nicht kannte, machen den Betrachter neugierig. „Ich fange jetzt an, Motive aus klassischen Batikstoffen auf meine Leinwände zu übertragen“, sagt die 1984 in Süddeutschland zur Welt gekommene Künstlerin. In einem weiteren Schritt will sie mit Ölfarbe Gegenstände in die Bildkomposition einfügen. Schoderer wirkt im Gespräch konzentriert und bedacht, bricht den ernsten Eindruck mit ihrem schalkhaften Lachen hin und wieder aber auch auf.

          Alltägliches mit zeitgenössischen Momenten zusammenziehen

          Auf ihrem Laptop demonstriert sie digitale Skizzen für ihre neuen Gemälde. Zu erkennen sind unter anderem hineincollagierte Fotografien von Gegenständen, etwa ein Plastikstuhl, der zu einem Mülleimer umfunktioniert wurde. Die skurrile Vorrichtung sah Schoderer in Malaysia. „Ich beobachte gern“, sagt sie. Im Atelier setzt sie das Gesehene bildnerisch um: „Ich versuche, meine Beobachtungen hier zu fokussieren.“ Sie versuche, sich so oft wie möglich im Atelier aufzuhalten. Aber auch zu Hause denke sie meist über ihre künstlerische Arbeit nach. Über ihre jüngsten Gemälde sagt sie: „Es geht darum, die traditionellen, schlichten Motive mit alltäglichen, zeitgenössischen Momenten zusammenzuziehen.“ Deren Farbpalette resultiert aus den Eindrücken, die sie in Malaysia gewinnen konnte: „Dort ist mir schnell aufgefallen, dass sie sehr starke, leuchtende Farben haben.“

          Schoderer baut ihre Bilder stets in mehreren Schichten auf. Sie sagt: „In meiner Malerei geht es um die Überlappung von Farben.“ Nun möchte sie eine Brücke zwischen Ölmalerei und südostasiatischer Stofftradition schlagen. Die Vermischung unterschiedlicher Einflüsse und Kulturen interessiert Schoderer auch außerhalb der Kunst. Ein Beispiel für solche Diversität hat sie in Malaysia beobachtet. Dort gebe es keine dominierende Ethnie, keine Mehrheitsgesellschaft, sagt Schoderer. Stattdessen bildeten verschiedene Gruppen einen Vielvölkerstaat. Ihre zweimonatige Künstlerresidenz in Kuala Lumpur beschloss sie mit einer Installation, die lokale Gepflogenheiten aufgriff. Sie habe mit chinesischer Tusche Batikmotive an die Wand gezeichnet, erzählt sie. Auf einer langen Seidenpapierrolle habe sie zudem alltägliche Situationen, die ihr aufgefallen waren, zeichnerisch festgehalten.

          Ihre künstlerische Prägung hat Schoderer an der Frankfurter Städelschule erhalten. 2011 schloss sie ihr Malereistudium bei Christa Näher ab. „Ich habe mich schon früh für Stillleben interessiert“, sagt sie. Besonders hebt sie den französischen Maler Jean-Baptiste Siméon Chardin hervor. Im Städelmuseum ist sein „Stillleben mit Rebhuhn und Birne“ von 1748 zu sehen. Für Schoderers Werdegang spielte Chardin eine bedeutende Rolle: „Dieser Künstler ist vielleicht ein Grund, warum ich überhaupt Malerei studiert habe.“

          Nach dem Studienabschluss blieb sie zunächst in Frankfurt und absolvierte 2013 zwei längere Künstlerresidenzen in Kenia. Insgesamt verbrachte sie etwa neun Monate in dem ostafrikanischen Land. Im Anschluss wollte sie dort bleiben: „Ich hatte die Idee, auszuwandern, weil ich wegen vieler persönlicher Schicksalsschläge keine Lust hatte, in Deutschland zu sein.“ Dass ihr Plan letztlich scheiterte, ist ein Glücksfall für die überschaubare Frankfurter Kunstwelt. Diverse Ausstellungen ließen die Szene an der stetigen Entwicklung ihres Werkes teilhaben. Schoderer ist indes keine Einzelspielerin. „Ich finde Frankfurt für Künstler schon toll, wenn man hier vernetzt ist“, sagt sie. Schoderer weiß, wovon sie spricht. So engagiert sie sich im Künstlerinnenkollektiv „+FEM“, stellt zusammen mit Künstlerfreunden aus und arbeitet in interdisziplinären Projekten mit. Sie schätzt das anspruchsvolle und aufgeschlossene Frankfurter Publikum: „Ich finde, dass es hier ein sehr liberales Klima gibt.“

          Eine Nebenbeschäftigung brachte Schoderer unlängst an die Frankfurter Oper. Sie arbeitet im Kunstgewerbe der Kostümabteilung. Dort werden unter anderem Stoffe für die Kostüme gefärbt, aber auch Kostüme bemalt. Von dieser Arbeit kann Schoderer auch künstlerisch profitieren: „Ich habe angefangen, Leinwandstoffe dort vorzufärben.“ Die Stoffe möchte sie nächstes Jahr nach Malaysia mitnehmen, um sie dort mit Batikmotiven zu versehen und noch einmal einzufärben. Darauf wolle sie zeichnen, sagt Schoderer. Anschließend werde sie die Stoffe abermals färben, so dass man die verschiedenen Schichten nur partiell sehen werde. Malaysia lässt Schoderer offenkundig nicht los: „Ich will mich noch einmal mit der Batiktechnik auseinandersetzen.“

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