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Ankläger im Auschwitz-Prozess : Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät

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„Justizgeschichte mitgeschrieben“: Bundesjustizminister Heiko Maas (rechts) ehrt Gerhard Wiese. Bild: Wonge Bergmann

Gerhard Wiese war einst Ankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Jetzt hat Bundesjustizminister Heiko Maas den früheren Staatsanwalt mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

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          Von Raum 253 des Landgerichts aus hat Fritz Bauer den Frankfurter Auschwitz-Prozess gelenkt und beobachtet. In dem kleinen Saal, der heute nach dem legendären hessischen Generalstaatsanwalt benannt ist, instruierte Bauer die drei jungen Staatsanwälte, die von Dezember 1963 bis zum 6. Mai 1965 zunächst im Plenarsaal des Römers und dann im Haus Gallus die „Strafsache gegen Mulka und andere“ führten. Staatsanwalt Gerhard Wiese stieß erst nach der gerichtlichen Voruntersuchung im Sommer 1962 zum Ankläger-Duo Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel. Der Chef hatte ihn nicht etwa freundlich gebeten, sondern schlicht für den Prozess abkommandiert. Dass es der Prozess seines Lebens werden, dass diese Strafsache einmal als Meilenstein im Justizwesen der Bundesrepublik Deutschland gelten würde, das hat Wiese damals nicht geahnt.

          Mehr als fünf Jahrzehnte später ist gestern eigens der Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) angereist, um dem inzwischen 89 Jahre alten Juristen im Fritz-Bauer-Saal das Verdienstkreuz am Bande ans Revers zu heften. Warum erst so spät? Es habe in der Tat lange gedauert, bis der deutsche Staat auf die Idee gekommen sei, Wiese zu ehren, sagte der Justizminister gestern bei der Zeremonie: „Aber für Gerechtigkeit ist es ja nie zu spät.“

          Wiese lernte Maas 1993 kennen

          Maas persönlich hat den Orden beim Bundespräsidenten beantragt. Kennengelernt hat er den einstigen Staatsanwalt, der 1993 als stellvertretender Leiter der Staatsanwaltschaft Frankfurt in den Ruhestand ging, im Kino. Natürlich nicht ganz zufällig: Maas war vor drei Jahren zur Premiere des Films „Im Labyrinth des Schweigens“, der die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses behandelt, nach Frankfurt gekommen. Dort erzählte man ihm von Wiese, der das Filmteam um Regisseur Giulio Ricciarelli historisch beraten hatte, und im Laufe des Abends lernte der Justizminister den früheren Staatsanwalt schließlich auch kennen. Er war angetan und schlug ihn schon bald darauf für das Bundesverdienstkreuz vor.

          Wiese habe als einer der Ankläger im Auschwitz-Prozess Justizgeschichte mitgeschrieben, sagte Maas gestern. Unter anderem hat er die Anklage gegen zwei der schlimmsten Täter verfasst, nämlich gegen den brutalen Rapportführer Oswald Kaduk und gegen den SS-Oberscharführer Wilhelm Boger, ein berüchtigter Folterer, nach dem die sogenannte Boger-Schaukel benannt ist. Beide wurden zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt.

          „Mit seiner Sicht der Zeit voraus gewesen“

          Dem Antrag Wieses, die Angeklagten allein schon deshalb zu verurteilen, weil sie Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen waren, folgte das Gericht damals nicht. Es bestand darauf, dass jedem Angeklagten einzelne Taten nachgewiesen werden mussten. Erst im Prozess von 2011 gegen den gebürtigen Ukrainer John Demjanjuk, der im Vernichtungslager Treblinka als Wachmann Dienst getan hatte, änderte die Justiz ihre Haltung im Sinne Wieses und Fritz Bauers: Demjanjuk wurde verurteilt, ohne dass ihm eine individuelle Tat nachgewiesen werden konnte. Mit seiner Sicht sei Wiese damals der Zeit voraus gewesen, sagte Maas.

          Diese Schilderung trieb Wiese Tränen der Rührung in die Augen. Doch dann fasste er sich und erklärte dem Bundesjustizminister, den versammelten Staatsanwälten, Oberstaatsanwälten, Gerichtspräsidenten und seinen beiden Töchtern und seinem Sohn, dass er dieses Bundesverdienstkreuz auch für seine beiden verstorbenen Ankläger-Kollegen Kügler und Vogel entgegennehme. Ja, der Auschwitz-Prozess begleite ihn bis heute, sagte er. Häufig werde er von Schulen und anderen Institutionen als Zeitzeuge eingeladen; am Donnerstag zum Beispiel werde er vor Schülern des Schiller-Gymnasiums in Köln sprechen. In dem Klassenraum wird auch Wieses 14 Jahre alte Enkeltochter Felicia sitzen. Sie und ihre Schwester Valerie sind, so bekannten sie gestern, sehr stolz auf ihren Großvater.

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